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Nazi-Terror gegen Juden

Grünwalder Schwestern verfolgen Selbstmord-Plan aus Angst vor dem KZ - dann folgte die Hölle

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Martha Hirsch (l.) schneidet sich mit ihren beiden Schwestern die Pulsadern auf – und überlebt. Irene Hirsch (r.) übersteht den Suizid ebenfalls schwer verletzt und wird mit ihrer Schwester Martha deportiert.

Die drei jüdischen Hirsch-Schwestern aus Grünwald wollen sterben. Sie schneiden sich am 31. Oktober 1941 die Pulsadern auf, um einer Deportation ins KZ zu entgehen.

Grünwald – Sie wissen, dass die Nazis kommen werden. Es ist der 31. Oktober 1941. Ein Freitag. Die drei Schwestern Martha (54), Cornelia (60) und Irene (64) Hirsch verbringen die letzten Stunden in ihrem Haus in Grünwald. Die Nazis zwingen sie, in die „Judensiedlung“ in Milbertshofen zu ziehen. Am Samstag soll es soweit sein. Die Schwestern wollen dem Grauen entgehen und schneiden sich die Pulsadern auf. Doch etwas geht schief. Nur Cornelia stirbt. Martha und Irene überleben. Man findet sie einen Tag später schwer verletzt in ihrem Haus. Jetzt beginnt für Martha und Irene Hirsch die Hölle auf Erden.

Hunderte Münchner Juden wählen den Freitod

Viele Münchner Juden teilen das Schicksal der Hirsch-Schwestern aus Grünwald. Um der Deportation durch die Nazis zu entgehen, wählen sie den Freitod. Für die Zeit zwischen 1933 und 1944 dokumentiert die Datenbank des Münchner Stadtarchivs insgesamt 274 Suizide von jüdischen Münchnern. 133 davon, fast die Hälfte, ereignen sich in den Jahren 1941 und 1942. Es ist die Hauptphase der Deportationen, als die Nazis massenweise Juden in Vernichtungslager schicken. „Diese Münchner werden leider allzu häufig vergessen, obwohl auch sie Opfer der NS-Vernichtungspolitik geworden waren“, schreibt der Historiker Maximilian Strnad in seinem Buch „Zwischenstation Judensiedlung“, das diesem Artikel zur Recherche diente.

In der Datenbank des Münchner Stadtarchivs tauchen auch einige Namen von Juden auf, die im Landkreis München lebten. Darunter die Hirsch-Schwestern aus Grünwald. Irene arbeitet als Beamtin in einer Brauerei. Sie ist gebildet, sie hat die Höhere Töchterschule besucht. Ihre kleine Schwester Martha ist im Kunstgewerbe tätig. Beide sind ledig. Sie wohnen lange in München in der äußeren Prinzregentstraße. Im Oktober 1938 ziehen sie zu ihrer Schwester Cornelia nach Grünwald. „Nelly“, wie sie gerufen wird, wohnt alleine in einem Haus. Sie ist verwitwet und heißt Pflug mit Nachnamen. Ihr Mann Robert, ein Prokurist, starb bereits im November 1933.

Gerüchte über Lager und Ghettos in Osteuropa kursieren

Ab Ende Oktober 1941 beginnen die Nazis, die „Reichsjuden“ in Konzentrationslager in Osteuropa zu deportieren. In München zwingen sie die Israelitische Kultusgemeinde, eine Namensliste zu erstellen. Darauf stehen 1060 Namen, 1000 Deportationsopfer, 60 als Ersatz, falls jemand ausfallen sollte. Wie es in der Datenbank des Stadtarchives heißt, hat der Leiter der „Arisierungsstelle“ Hans Wegner veranlasst, Cornelia, Martha und Irene Hirsch in die „Judensiedlung“ in Milbertshofen einzuweisen. Von dort hätte es wohl weiter gehen sollen in ein osteuropäisches Vernichtungslager.

Die Pläne der Nazis bleiben den Münchner Juden nicht verborgen. Noch vor der Deportation kursieren Gerüchte in der jüdischen Gemeinde. Man hört von Lagern und Ghettos in Osteuropa. Dort sollen katastrophale Zustände herrschen. Die Nazis sollen Juden massenweise hinrichten, heißt es. Auch die Hirsch-Schwestern dürften gewusst haben, was sie erwartet.

Martha und Irene kommen nach ihrem Selbstmordversuch am 1. November schwer verletzt in das Israelitische Schwestern- und Krankenheim in der Münchner Herrmann-Schmid-Straße 5. Städtische Krankenhäuser nehmen seit 1933 keine jüdischen Patienten mehr auf. Sie sind nicht die einzigen, bei denen der Suizid-Versuch scheiterte. Der damalige Chefarzt Julius Spanier erinnert sich nach dem Krieg in einem Buchbeitrag an die Situation im Krankenheim: „Die Seuche des Freitodes unter der jüdischen Bevölkerung wütete wie kaum jemals in der Geschichte. Es war keine Seltenheit, dass im Tage acht bis zehn Selbstmordfälle des Israelitischen Krankenheim zur Aufnahme überwiesen wurden. Ganz zu schweigen von der Anzahl derer, bei denen eine Aufnahme wegen Aussichtslosigkeit sich von selbst erübrigte.“

Die Schwestern kehren nie wieder zurück

Es ist unklar, was nach dem Aufenthalt im Krankenhaus mit Martha und Irene Hirsch passiert ist. Die Informationen der Datenbank des Stadtarchivs sind spärlich. Klar ist, dass sie beide am selben Tag deportiert wurden.

In den frühen Morgenstunden des 4. April 1942 verlässt ein Transport mit 774 Juden aus Oberbayern und Schwaben das Sammellager Milbertshofen. Ziel ist das Konzentrationslager im polnischen Piaksi. Auf der Deportationsliste stehen auch die Namen der beiden Schwestern. Sie befinden sich in der zweiten Transportwelle. Sie sind noch zusammen. Die Nazis listen Irene Hirsch unter der Nummer 346. Ihre Schwester folgt mit der Nummer 347. Sie kehren nie wieder zurück.

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