Bereits im Juli verschwunden

Sexualstraftäter endlich gefasst - darum schwieg die Polizei so lange

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Der gesuchte Michel K.

Die Polizei hat einen Sexualstraftäter gefasst, der im Juli aus der Psychiatrie in Haar geflohen war. Warum schwieg die Polizei einen ganzen Monat?

Update vom 25. August, 8.46 Uhr:

Der Sexualstraftäter Michael K. der bereits im Juli aus der Psychiatrie in Haar bei München geflohen war, ist nun endlich gefasst. Wie die Polizei mitteilte wurde er am Samstagabend in Norderstedt (Schleswig-Holstein) festgenommen. Er wurde umgehend in eine Fachklinik gebracht.

Michael K. war Mitte Juli nach einem Ausgang nicht in die psychiatrische Klinik in Haar zurückgekehrt. Dort hatte er wegen eines Haftbefehls des Landgerichts Kaiserslautern im Maßregelvollzug eingesessen. Nach seiner Flucht wurde erst einmal aus ermittlungstaktischen Gründen geschwiegen. Erst vor Kurzem war die Polizei mit einer Fahndung an die Öffentlichkeit gegangen.

Daraufhin gingen bei der Polizei in der  Pfalz unzählige Hinweise von Bürgern. Schließlich meldete eine 59-jährige Frau aus der Verbandsgemeinde Thaleischweiler-Wallhalben sich bei den Fahndern und gab an, der Mann habe einige Tage bei ihr gewohnt. Beide hätten sich über das Internet kennengelernt. Dies Polizei hatte lange mit der Fahndung gewartet, damit K. sich sicher fühlte, und Fehler machte. Dieser Plan ging nun offensichtlich auf.

Sexualstraftäter aus Psychiatrie geflohen: Er durfte unbegleitet in nicht umzäunten Klinikbereich

Update von 20.40 Uhr: Wie konnte Michael K. überhaupt aus dem Maßregelvollzug fliehen? Eine Antwort auf diese wichtige Frage könnte das für psychisch kranke Straftäter angewendete Stufensystem bringen. Der 56-Jährige genoss auf dem Weg zur Resozialisierung unbegleiteten Ausgang ins nicht umzäunte Klinikgelände - dies entspricht Stufe B, der dritten von sechs Schritten.

Außerdem kann Stufe 0 - also keine Vollzugslockerung - oder Stufe A - personalbegleiteter Ausgang - verhängt werden. Später ist dann Stufe C möglich, hier geht es um unbegleiteten Stadtausgang, schließlich bedeutet Stufe D unbegleitetes Übernachten außerhalb der Klinik. Darüber kommt nur noch das Probewohnen, was zusammenhängendes, mehrmonatiges unbegleitetes Übernachten außerhalb der Klinik umfasst.

Update von 15.09 Uhr: Der gesuchte Sexualstraftäter Michael K. (56), der vor fünf Wochen aus dem Isar-Amper-Klinikum in Haar geflohen ist, wurde am Donnerstag in der Westpfalz gesehen. Hier hatte der Vergewaltiger fünf Tage bei einer Frau verbracht, die er über das Internet kennengelernt hatte. Nun ist er wieder auf der Flucht. K. war schon am 13. Juli aus dem Maßregelvollzug des Isar-Amper-Klinikums München-Ost in Haar geflohen. Er hatte in Rheinland-Pfalz mehrere Frauen vergewaltigt und weitere sexuell genötigt.

Sexualstraftäter aus Psychiatrie geflohen: Frau erkannte ihn auf Foto

Erst am Donnerstag informierte die Polizei über seine Flucht aus dem Haarer Klinikum. Noch am Abend gab es die erste Spur: Auf die Öffentlichkeitsfahndung hin meldete sich die 59-Jährige aus dem Landkreis Südwestpfalz bei den Ermittlern. Sie erkannte K. wieder. Die Frau hatte den Gesuchten im Internet kennengelernt und ihm vertraut. Seit Samstag, 17. August, hielt sich K. bei ihr auf. Am gestrigen Freitagmorgen hatte er die 59-Jährige noch zu ihrer Arbeitsstelle gefahren, dann setzte er sich ab, melden die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern und das Polizeipräsidium Westpfalz.

K. bis dato immer zuverlässig - er lebte schon lange in der Psychiatrie

Die Behörden gehen davon aus, dass er mit einem schwarzen Mitsubishi Outlander mit Pirmasenser Kennzeichen unterwegs ist. Sie schätzen den Täter als gefährlich ein. Die Polizei rät dringend davon ab, selbst mit dem Gesuchten Kontakt aufzunehmen. Stattdessen bittet sie: „Informieren Sie umgehend die Polizei.“ Der 56-Jährige war nach einem zweistündigen, unbegleiteten Ausgang auf dem nicht umzäunten Klinikgelände in Haar nicht zurückgekehrt. „Die Ausgangsgenehmigung diente der Erprobung“, erklärt Constanze Mauermayer vom Bezirk Oberbayern, dem Träger des Klinikums.

K. lebte schon sehr lange hinter Gittern. Er war mit zwei kurzen Unterbrechungen seit 1988 in der Maßregelunterbringung, aber erst seit Januar 2018 in der psychiatrischen Forensik in Haar. Hier befand er sich bereits in der Vollzugs-Lockerungsstufe B und hatte täglich zwei Stunden unbegleiteten, begrenzten Ausgang. „Grundsätzlich kann eine Entweichung aus dem genehmigten Ausgang, also ein Lockerungsmissbrauch, niemals ganz ausgeschlossen werden“, sagt Mauermayer.

Sexualstraftäter aus Psychatrie geflohen: Darum wurde die Fahndung erst jetzt öffentlich

Der Flüchtige habe sich vordergründig stets korrekt geführt. Abgesehen von einem Vorfall: Anfang des Jahres blieb er zwei Tage verschwunden - ohne Delikt. 

Auf die Frage, warum die Polizei erst sechs Wochen nach der Flucht über den Vorfall informiert, erklären die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern und das Polizeipräsidium Westpflalz: „Eine frühere Öffentlichkeitsfahndung hätte kontraproduktiv sein können.“ Der Flüchtige hätte gewarnt und Ermittlungsansätze zu seinem Aufenthalt nicht mehr erfolgreich verfolgt werden können. Die Polizei hatte zunächst intensiv im Raum München und im Bereich Westpfalz fahndet.

Zudem gab das Polizeipräsidium München  folgendes Statement ab: „Es handelt sich um einen immensen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte.“ Der verurteilte Sexualstraftäter wird mit vollem Namen genannt und auch sein Konterfei wird veröffentlicht. „Diese Maßnahmen müssen im Vorfeld durch Richter und Staatsanwaltschaft geprüft werden.“ Die bayerische Polizeibehörden sei bei der Behandlung des Falls nicht von „vorgegebenen Mustern“ abgewichen.

+++ Update vom 23. August, 11.55 Uhr: Wie die Polizei am Freitag mitteilte, hat sich im Zuge der öffentlichen Fahndung eine 59 Jahre alte Frau aus der Verbandsgemeinde Thaleischweiler-Wallhalben gemeldet. 

Nach Angaben der Frau soll sich der gesuchte 56 Jahre alte Mann seit vergangenem Samstag bei ihr aufgehalten haben. Sie habe aus Sozialen Medien erfahren, dass der Mann gesucht werde. Der 56-Jährige habe die Frau ihrer Aussage zufolge am Donnerstag noch zur Arbeit gefahren, sei dann aber verschwunden.

Einem Sprecher zufolge glaubt die Polizei nicht, dass von dem Mann akute Gefahr ausgeht, trotzdem wird davor gewarnt, sich dem Täter zu nähern. Der 56-Jährige kam auf Anweisung der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern in Maßregelvollzug nach Haar.

Sexualstraftäter aus Psychiatrie geflüchtet - Polizei warnt vor Michel K.

+++ Update von 17.28 Uhr: Warum die Polizei erst jetzt, über einen Monat nach der Flucht von Michael K., über den Vorfall informiert, ist bislang unklar. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums München teilte am Donnerstagabend auf Anfrage unserer Redaktion mit, dass die örtliche Polizeiinspektion in Haar die Flucht Mitte Juli aufgenommen und an die Zielfahndung weitergeleitet hat. Warum allerdings nicht damals schon öffentlich nach dem Sexualstraftäter gefahndet wurde, könne er aktuell nicht sagen. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Kaiserslautern sei nicht mehr zu erreichen gewesen.

Die hiesige Polizei wusste zudem offenbar selbst nichts von der nun eingeleiteten Öffentlichkeitsfahndung, die wiederum die Kaiserslauterner Staatsanwaltschaft veranlasst hat. Man könne sich nicht erklären, „warum sie uns in München nicht Bescheid gegeben haben“, sagt der Polizeisprecher.

Video: Ungarns unheimliche Psychiatrie OPNI

Erstmeldung:

Haar - Der gesuchte Michel K. (56) ist nach Angaben der rheinland-pfälzischen Polizei am 13. Juli 2019 aus dem Isar-Amper-Klinikum in Haar geflohen. Demnach war der verurteilte Sexualstraftäter nach einem überwachten Ausgang nicht in die Klinik zurückgekehrt.

Haar: Sexualstraftäter aus Psychiatrie geflohen - Suche läuft

K. hat offenbar Bezüge nach Kaiserslautern. Die Polizei in Rheinland-Pfalz schließt daher nicht aus, dass er sich in der Westpfalz aufhalten könnte. Trotz intensiver Fahndung ergaben sich bislang keine Hinweise auf den aktuellen Aufenthaltsort des Gesuchten.

K. saß wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung in der Psychiatrie in Haar. Die Polizei warnt davor, sich dem Flüchtigen zu näheren. Hinweise nimmt die Polizei Kaiserslautern unter Tel. 0631 369 2620 entgegen. Wer K. sieht, kann sich aber auch an jede andere Polizeidienststelle wenden.

fp/kah

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