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Hagel-Unwetter trifft Familie mit voller Wucht: Versicherung setzt sie jetzt vor die Tür

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Wolfgang Köhnlein steht vor seinem Reihenendhaus (rechte Seite), an dem mittlerweile die Dacharbeiten begonnen haben.
Wolfgang Köhnlein steht vor seinem Reihenendhaus (rechte Seite), an dem mittlerweile die Dacharbeiten begonnen haben. © arp

Das Hagel-Unwetter Ende August hat am Haus von Familie Köhnlein in Benediktbeuern großen Schaden angerichtet. Nun hat sie viel Ärger mit der Versicherung und fürchtet, auf mehreren zehntausend Euro Kosten sitzen zu bleiben. Nachdem sich unsere Zeitung einschaltete, kam Bewegung in die Sache.

Benediktbeuern – Eigentlich dachten Wolfgang und Sonia Köhnlein, alles richtig gemacht zu haben: Für ihr 2006 gebautes Reihenendhaus in Benediktbeuern schlossen sie eine Hausrat- und Wohngebäude-Versicherung samt Elementarschadenregelung bei der DBV-Versicherung ab, die heute zum Axa-Konzern gehört. Für die Versicherung namens „Box Plus“ bezahlten sie allein für die Wohngebäude-Versicherung im vergangenen Jahr über 800 Euro. Bislang mussten sie sie nie in Anspruch nehmen – bis jetzt.

Als das Unwetter am 26. August über die Region zog, machte das Ehepaar mit seinen drei Kindern gerade einen Ausflug. Als sie spätnachmittags wieder nach Hause kamen, war der Schreck groß: Das Dach war kaputt, das Wasser lief rein, am Wintergarten waren Scheiben geborsten, die Fassade war abgeschlagen, vieles im Garten kaputt. Überall lagen Splitter von den zerstörten Sonnenkollektoren. Bis weit nach Mitternacht deckte Wolfgang Köhnlein bei Dauerregen das Dach mit Folien, die er von Feuerwehr und Gemeinde erhalten hatte, ab. Aber während jetzt, fast drei Monate später, in der Nachbarschaft schon viele andere Dächer wieder dicht sind, lief bei den Köhnleins bis vor wenigen Tagen bei jedem Regen das Wasser ins Schlafzimmer. Das Paar hat schlaflose Nächte, denn der Ärger mit der Versicherung ist groß.

Nach Hagel-Unwetter in Benediktbeuern: Bei Reihenhaus-Nachbarn ging alles schnell und ohne Probleme

Weil es sich um ein Reihenhaus handelt, war zusammen mit den beiden Nachbarn geplant, dass eine Handwerkerfirma die gesamte Dachfläche saniert. Eine Firma war rasch gefunden. Die Nachbarn sind bei der Bayerischen Versicherungskammer beziehungsweise bei der Allianz versichert. „Bei denen ging alles schnell und unkompliziert“, berichtet Wolfgang Köhnlein. Die Kostenvoranschläge der Dachdecker-Firma seien von diesen beiden Versicherungen rasch genehmigt worden. Nur die Axa der Köhnleins machte Probleme mit der Folge, dass der gemeinsam geplante Handwerker nach dreieinhalb Wochen einen Rückzieher machte mit der Begründung, seine Auftragsbücher seien mittlerweile voll. Das war auch für die beiden Nachbarn ein herber Schlag.

Die Axa wollte den ersten Kostenvoranschlag für das gesamte Wohnhaus plus Garage nur eingeschränkt genehmigen. Verschiedenes wurde gestrichen. So wollte die Versicherung beim West-Dach zuerst die Ziegel abnehmen und dann prüfen lassen, ob die darunter liegenden Folien noch intakt seien. Je nach Zustand sollten sie erneuert oder geklebt werden. „Der Handwerker sagte, kleben hält nicht lange“, sagt Köhnlein. Die Familie brachte das alles zur Verzweiflung.

Das Protokoll von der Schadensaufnahme gab es erst später und nur auf Nachfrage

Wenige Tage nach dem Unwetter hatte sich ein Schadensregulierer der Axa das ganze Ausmaß angesehen. „Er sagte, das Hausdach muss auf beiden Seiten komplett neu eingedeckt werden, also auf der West- und auf der Ost-Seite“, schildert Wolfgang Köhnlein. Allerdings erhielten die Köhnleins von diesem Termin kein Protokoll, sondern dieses erst wesentlich später und auf Nachfrage. „Das war dann in Teilen nicht so, wie er es in unserer Erinnerung damals gesagt hatte“, berichtet Wolfgang Köhnlein. Von anderen Betroffenen im Dorf weiß er mittlerweile, dass deren Versicherungen schnell und von sich aus das Protokoll schickten, um Missverständnisse auszuräumen. „Aber so was weiß man halt vorher nicht. Wir hatten ja noch nie einen solchen Schaden.“

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Die Axa-Versicherung wollte für das Dach auf der West-Seite und die Neueindeckung der Garage wesentlich weniger bezahlen als vom Handwerker veranschlagt. „Sie wollten zum Beispiel für die verbeulten Abdeckbleche der Dachfenster und die Regenrinnen nur geringe Wertminderungsbeträge zahlen“, sagt Köhnlein. Der Familienvater ist erbost: „Obwohl wir einen ,alten‘ Vertrag haben, der so was nicht vorsieht, und deutlich teurer ist als ,moderne‘ Verträge.“

Auf der Ost-Seite wurden zum Beispiel die Haarrisse in den Ziegeln von der Versicherung angezweifelt, obwohl Wolfgang Köhnlein diese nach der ersten Frost-Nacht mit Fotos dokumentierte. Die Axa wollte jeden Ziegel einzeln prüfen lassen.

Benediktbeuern: Familie hat nun ein Ombudsverfahren in die Wege geleitet

An eine gemeinsame Dach-Sanierung mit den Nachbarn war nicht mehr zu denken. Die Axa-Versicherung überwies der Familie zwar mittlerweile 40.000 Euro als Anzahlung auf den Gesamtschaden für unstrittige Schäden. „Das reicht aber nicht mal für den Handwerker, der jetzt das Dach macht“, sagt Wolfgang Köhnlein. Er rechnet mit mindestens 45.000 Euro für das Dach allein.

Die Versicherung schickte im Herbst einen Sachverständigen, der einen Drohnenflug durchführte. „Er hat auf dem Dach fünf Minuten ein paar Fotos geschossen“, sagt Wolfgang Köhnlein. Die Versicherung blieb bei ihrem Standpunkt, obwohl der Familienvater seitenweise Fachtexte und Testprotokolle zu Betondachsteinen schickte. „Man ist der Willkür einzelner Sachbearbeiter ausgeliefert und hat keine Handhabe, wenn man keine Rechtsschutzversicherung hat“, klagt Köhnlein.

Die Familie hat nun ein Ombudsverfahren für das Dach in die Wege geleitet. Eventuell, so hofft sie, könne man auf diesem Weg noch Geld einfordern, höchstens jedoch 10 000 Euro.

Familie vermutet, dass Versicherung Druck aufbauen will, um ein schlechtes Angebot zu akzeptieren

Der Axa-Konzern schlug den Köhnleins vor, einen weiteren Sachverständigen zu beauftragen. Mit den Kosten müsste die Familie aber erst mal in Vorleistung gehen. „Und dann wird das vermutlich ein Streit unter Gutachtern, der sich ewig hinzieht“, sagt Sonia Köhnlein. Die Familie hat den Eindruck, dass der Konzern durch lange Bearbeitungszeiten Druck aufbauen möchte, um das schlechte Angebot zu akzeptieren.

Was ebenfalls noch kommen wird, ist die Klärung der Schäden an Fassade, am Wintergarten und draußen im Garten. Wolfgang Köhnlein klaubte schon stundenlang die Glassplitter aus dem Rasen, „aber das hört nie auf“, sagt er. Wie bei anderen auch, möchten die Köhnleins einen Bodenaustausch durchführen lassen.

Auch der Wintergarten (Bild rechts) nahm bei dem Unwetter schweren Schaden. Der Ärger mit der Versicherung ist für die Familie eine große psychische Belastung.
Auch der Wintergarten nahm bei dem Unwetter schweren Schaden. Der Ärger mit der Versicherung ist für die Familie eine große psychische Belastung. © arp

Der Wintergarten wurde aus Aluminium errichtet. Hier sind Scheiben zersprungen, überall sieht man Dellen am Gehäuse, die Laufschienen der Elektro-Markise sind verbogen und unbrauchbar. Insgesamt schätzt die Axa die Entschädigung hier derzeit auf 590 Euro. „Das ist ein Witz“, sagt Köhnlein.

Axa-Konzern schmeißt Familie im Oktober völlig überraschend raus

Wie hier die Sanierungsarbeiten ablaufen werden, steht in den Sternen. Denn im Oktober hat der Axa-Konzern der Familie Köhnlein völlig überraschend die Versicherung gekündigt. Als Begründung heißt es lapidar, man könne „den Vertrag nicht länger aufrechterhalten“. Die Köhnleins fielen aus allen Wolken.

Sämtliche Versicherungen, die sie bei dem Konzern haben – Hausrat, Glas, Haftpflicht, Urlaub, Wohngebäude und Unfallversicherung –, hätten sie bis jetzt nie in Anspruch nehmen müssen, sagt Wolfgang Köhnlein. „Alle Beiträge wurden immer pünktlich bezahlt. Wir haben seit 2006 tausende Euro in diese Versicherung bezahlt, und jetzt setzen sie uns vor die Tür“, sagt Wolfgang Köhnlein fassungslos. Eine neue Versicherung werde sich sicherlich finden lassen, aber „bei diesen Vorschäden wahrscheinlich zu einem deutlich höheren Preis oder schlechteren Bedingungen“.

Versicherung meldet sich zu Wort: „Alle weiteren Kosten übernehmen wir selbstverständlich“

Auf eine umfangreiche Anfrage unserer Zeitung beim Versicherungskonzern gab die Axa ein kurzes Statement ab: Man bedauere, dass die Familie mit der Regulierung unzufrieden sei. „Alle weiteren Kosten für versicherte Reparaturen übernehmen wir selbstverständlich, sobald uns die Nachweise dafür vorliegen“, so eine Pressesprecherin. Eine Antwort auf die Frage, warum man der Familie gekündigt habe, blieb aus.

In der Zwischenzeit ist allerdings Bewegung in die Sache gekommen. Bei den Köhnleins arbeitet eine Handwerker-Firma, und seit wenigen Tagen dringt kein Wasser mehr ins Schlafzimmer. Zudem wurde von der Versicherung bewilligt, dass West- und Ostseite des Hausdachs komplett mit neuen Ziegeln eingedeckt werden können. Trotzdem hat die Familie mittlerweile einen Anwalt eingeschaltet, der die Versicherungsbedingungen genau unter die Lupe nimmt, was der Axa-Konzern zu leisten hat. (müh)

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