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„Mein Herz ist in der Ukraine geblieben“

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Von: Verena Rudolf

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Im Gespräch über Heimat: Dorothy Dittmann-Meixner (von links), Nataliia Breslavska, Michael Müller, Viktoriia Davydenko, Walter Albrecht und Silvia Engelhardt.
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Neun Monate ist es her, dass Russland die Ukraine angriff und so viele Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Zwei Frauen aus der Ukraine erzählen in der Taufkirchner Reihe „Heimat im Gespräch“ von ihren Erlebnissen und versuchen in Worte zu fassen, was Heimat für sie bedeutet.

Taufkirchen – Von Explosionsgeräuschen wurden sie am Morgen des 24. Februar geweckt. Für die Ukrainerinnen Viktoriia Davydenko und Nataliia Breslavska verändert dieser Morgen ihr Leben. Ihre Heimat haben sie mit ihren Kindern verlassen müssen, derzeit leben sie in Oberhaching. Das Leben sei an diesem Tag für sie stehen geblieben, sagt die 53-jährige Viktoriia.

Auf Einladung von Taufkirchens Heimatpfleger Michael Müller und der Vhs Taufkirchen, an der die beiden Ukrainerinnen täglich einen Integrationskurs besuchen, berichten die Frauen bei der Reihe „Heimat im Gespräch“ von ihren Erlebnissen und Eindrücken — vom ersten Tag an bis zum heutigen, an dem sie noch immer so weit entfernt von Zuhause leben. „Der Krieg hat uns alle erschüttert, so vieles hat sich verändert“, führt Vhs-Leiterin Silvia Engelhardt in den Abend ein. Daher sei es so wichtig im Gespräch zu bleiben.

150.000 Ukrainer sind nach Bayern gekommen, davon leben 5000 Menschen im Landkreis München, weiß Müller. So auch Viktoriia und ihre 20-jährige Tochter. Viktoriia ist Juristin, in Chalkiw lehrte sie auch als Dozentin an der Universität, erzählt sie und erinnert sich zurück an den Kriegsbeginn: „Wir konnten es nicht glauben, obwohl in den Tagen und Wochen davor so viel darüber gesprochen wurde“, berichtet Viktoriia auf Russisch. Die Leiterin ihres Integrationskurses, Krystsina Zellner, übersetzt.

Als Viktoriia gegen 4 Uhr morgens die Bombeneinschläge hörte, da verstand sie sofort, dass es um einen großen Krieg geht. Sie hatte Angst und da war auch dieser Unglaube, dass es doch alles nicht wahr sein kann. Vier Tage später war ihr klar: Ihre Tochter und sie müssen fliehen. Und ihre Katze nehmen sie mit! Am

1. März versuchten sie, einen Platz in einem der Züge zu bekommen. So viele Menschen warteten am Bahnsteig. Erst in den vierten Zug, konnten sie einsteigen. „Wer reinpasste, stieg ein und fuhr mit“, so die 53-Jährige. Die Umstände waren fürchterlich. Und in dieser Enge verschwand ihre Katze. Mutter und Tochter fuhren fünf Stunden länger mit dem Zug als geplant, bis sie das Tier wiederfanden. Insgesamt 32 Stunden waren sie mit dem Zug unterwegs, erinnert sich Viktoriia.

Nataliia und ihre Kinder, ihr zehnjähriger Sohn und die 15-jährige Tochter, verbrachten die ersten zwei Wochen nach Kriegsausbruch im Keller eines Kindergartens. Nataliia hatte, ebenso wie Viktoriia, Kontakte nach Deutschland. Nun kommen ihr die Tränen. Denn sie hat im Frühjahr ihre Heimat mit den Kindern verlassen, aber ohne ihren Mann. Bis heute sind die drei von ihm getrennt. Die 40-Jährige lebt mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in Oberhaching, die Kinder besuchen sowohl die Schule hier und nehmen noch zusätzlich am Online-Unterricht ihrer ehemaligen ukrainischen Schule teil. Ihr Mann versucht per Videokonferenz mit dem Sohn Hausaufgaben zu machen. Nataliia, die vor allem die Sprache als große Herausforderung betrachtet, besucht den Integrationskurs in Taufkirchen. Auch wenn vieles trotz all der Umstände ganz gut klappe, das Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergehe, zermürbt sie.

„Meine Freunde sagen zu mir, du bist in Sicherheit“, sagt Viktoriia. Aber richtig fühlen kann sie das nicht. „Ich bin ein Teil der Ukraine. Heimat, das bin ich und so sind die Sorgen immer da.“ Es schmerzt, ergänzt Nataliia, dass nicht nur ein bestimmter Teil des Lebens nun so weit hinter ihnen liege. Auch dass Familie, Freunde und auch Materielles so weit weg seien. Was tröste und beide Frauen nicht oft genug betonen können, sei die große Hilfsbereitschaft, die sie hier in Deutschland erleben. „Sie haben schon so viel für uns gemacht“, sagt Viktoriia auf die Frage von Heimatpfleger Müller, wie man ihnen noch mehr und weiter helfen könne.

Trotz aller Dankbarkeit sei die Sorge nicht zu verdrängen, auf Dauer eine Wohnung zu haben. Sie — wie auch viele andere Ukrainer fernab der Heimat — prägen Gefühle der Ungewissheit und sie würden darunter leiden, keine wirkliche Stabilität zu empfinden. Große Dankbarkeit verspüren sie daher, gerade auch in einer Gegend wie München und Umgebung, wo finanzierbarer Wohnraum ohnehin ein großes Problem darstellt, dass Menschen den Ukrainern privat Wohnraum angeboten haben und dies bis zum heutigen Tag immer noch tun.

Überdies lasse einen die Bürokratie auch manchmal durchaus verzweifeln, gibt Viktoriia zu. Aber es gibt Instanzen, an die sie sich wenden können. Und ebenso trage eine Veranstaltung wie diese dazu bei, ihnen zu helfen, ergänzt die Juristin. Und beide wissen es sehr zu schätzen, dass ein Helferkreis Asyl wie der aus Taufkirchen ungebrochen Hilfe leiste. Mal gehe es darum, Möbel oder einen Bus für einen Umzugstransport zu organisieren, einen Elektriker zu finden oder helfende Hände fürs Tragen, berichten Walter Albrecht und Dorothy Dittmann-Meixner vom Helferkreis Asyl. Viktoriia und Nataliia können beobachten, wie so viele Menschen hier versuchen, ihnen ein Gefühl von Heimat zu geben. „Mein Dank geht an Deutschland und an die Menschen“, sagt Viktoriia. Ihr Herz aber sei in der Ukraine geblieben.

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