Wie ein Bild aus 1250 Jahren Historie entsteht

Ayinger Ortsteil Helfendorf feiert im kommenden Jahr 1250-jähriges Jubiläum

Archivfoto des Kellererwirts in Großhelfendorf
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Das Bild zeigt den Kellererwirt in Großhelfendorf, vor ihm stehen ein Fuhrwerk und die Wirtsleute. Der Ortsteil Helfendorf feiert in diesem Jahr 1250-jähriges Jubiläum.

Wer nach Helfendorf fährt, ahnt nicht, wie alt der Ortsteil Ayings schon ist. Das 1250-jährige Jubiläum steht bevor. In über tausend Jahren sammelte sich einiges an Geschichte an. Franziska Ahlborn, die Archivarin der Gemeinde Ayings, schenkt mit ihrem Team Einblicke in die Vergangenheit. 

Fünf Traktoren, große wie kleine, kommen einem auf dem Weg nach Helfendorf entgegen. Von der Rosenheimer Straße in Großhelfendorf führt die Kirchenstraße nach Kleinhelfendorf. Nach der Steige sind schon die beiden Spitzen der Marterkapelle und der Pfarrkirche St. Emmeram zu sehen. Die eine zu linker, die andere zu rechter Hand. Das Stück zwischen Klein- und Großhelfendorf ist vor allem grün. Doch ist Helfendorf viel mehr als ein kleines Fleckerl Idyll.

Helfendorf ist vor allem geschichtsträchtig. Das 1250-jährige Jubiläum wird nächstes Jahr gefeiert. Franziska Ahlborn, die Archivarin der Gemeinde Aying, begibt sich auf die Spuren der Vergangenheit und trägt mit ihrem Team alle Informationen rund um die Historie zu einer Chronik zusammen. Für sie ist die Reise in die Vergangenheit wie ein Pinselstrich auf einer leeren Leinwand. Und Pinselstrich für Pinselstrich entsteht am Ende ein buntes Gemälde.

Den ersten Farbklecks bekommt Helfendorf im Jahr 772, als Ortlaip von Helfendorf seine Kirche ‚zu Helfendorf‘ an den Bischof Arbeo von Freising schenkte. Aus reiner Nächstenliebe tat er das allerdings nicht. „Natürlich geschahen diese Schenkungen vor dem Hintergrund, etwas für das eigene Seelenheil zu tun und sich einen guten Platz in Gottes Reich zu sichern“, weiß die Historikerin Franziska Ahlborn. Weil die Schenkung die erste schriftliche Nennung des Ortes ist, wird sie zum Anlass genommen, um das Jubiläum zu feiern. Damals hieß Helfendorf noch Helphindorf, woher genau aber der Name herstammt, ist unklar. Belegt ist, „dass Helfendorf schon viel, viel älter ist. Das belegen uns die ganzen archäologischen Funde“.

Mühevolle Arbeit, die sich lohnt

Die beiden Ortsteile, die heute insgesamt 1669 Einwohner zählen, waren damals für Siedler interessant. Helfendorf war und ist wegen der Nähe zu Feldkirchen-Westerham, Augsburg, Salzburg und dem Inn gut gelegen. Der Weg führte die Menschen auf der Römerstraße durch den Hofoldinger Forst, den sie mit ihren hölzernen Karren über die Steigung Göggenhofens und über den Moränenhügel in Richtung Kleinhelfendorf durchquerten. „Zwischen Göggenhofen und Großhelfendorf mussten sie den Berg rauf, wobei natürlich ein paar Karren kaputt gingen. Das heißt: Oben am Berg ließen sich Handwerker nieder, die die Karren reparierten.“ Und tatsächlich wurde diese Theorie auch im Rahmen archäologischer Grabungen bestätigt. So, glaube ich, ist Großhelfendorf entstanden.“ Ahlborn vermutet, Kleinhelfendorf sei um einiges älter.

Vor über 20 Jahren schon trug die Agenda Ortsgeschichte bereits einen Teil der Historie Helfendorfs zusammen. Eine wertvolle Arbeit, auf der die Recherchen des Teams von Ahlborn nun aufbauen. In der heutigen „Chronikgruppe“, wie sie die Archivarin nennt, sind neben ihr noch acht weitere Geschichtsinteressierte, darunter auch Ayings Altbürgermeister Johann Eichler, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die 1250 Jahre in einer Chronik festzuhalten. Einmal pro Monat treffen sie sich, um sich über ihre Fortschritte und die weitere Recherche auszutauschen. In der Chronik soll Geschichte erlebbar gemacht werden. Dafür werden Bezüge zur Gegenwart hergestellt; beispielsweise die Entwicklung vom Kolonialwarenladen zum Supermarkt. Beleuchtet werden auch Themen wie Verkehr, Brauchtum und Eisenbahn.

Johann Eichler widmet sich in seiner Recherche dem Thema „Kriege“ und führt Interviews mit Zeitzeugen, die erzählen können und sich noch daran erinnern, wie es war, als der Großvater in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Eichler macht sichtbar, wer die Menschen waren, deren Namen auf den Kriegsgräbern stehen.

„Gerade auf den Höfen funktioniert die mündliche Weitergabe von Erinnerungen noch ganz gut.“ Dieses Wissen ist ein enormer Gewinn, denn ein großes Thema sind auch die Haus- und Hofgeschichten. „Am Anfang haben wir gesagt, wir können diesen Part nicht leisten, weil es sehr rechercheaufwendig ist.“ Auch sei es bei dem vielen Wechsel, der auf den Höfen stattfand, für die Chronikgruppe nicht leicht zu entscheiden, was genau davon geschrieben wird und was nicht.

Herauszufinden, wer wann geboren ist, wohin geheiratet hat und wann gestorben ist, das ist eine Arbeit, die zwar sehr wertvoll, aber gleichzeitig unglaublich aufwendig ist. Ein solches Nachschlagewerk erarbeitete ein Pfarrer über viele Jahre für Aying, doch hat die Chronikgruppe für Helfendorf nicht so viel Zeit wie er. Ziel ist, die Ortschronik bis zum Jubiläum am 22. September 2022 zu veröffentlichen.

Doch diesen wichtigen Aspekt der Ortsgeschichte gänzlich auszulassen, fühlte sich für die Chronikgruppe auch nicht gut an. Also schrieben sie die Hofbesitzer an. Es dauerte, aber einige waren bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Manche seien sich gar nicht bewusst, wie großartig ihre historischen Fotos und Schriftstücke sind. Denn erst die Erinnerungen und Anekdoten der Hofbesitzer sind es, die die Haus- und Hofgeschichten mit Leben füllen.

Zum Beispiel besuchte Ahlborn einen 90-jährigen Mann, der sie an seiner Erinnerung zur Zeit des Zweiten Weltkriegs teilhaben ließ. Damals sei er noch ein Junge gewesen, als der Weiler Trautshofen bombardiert wurde. Und er erinnert sich, wie man bei der Gemeinde vorstellig wurde, um Berechtigungsscheine für Kleidung und Essen zu bekommen. „Es bewegt einen schon sehr, was man da an Wissen mitgeteilt bekommt“, staunt die Archivarin.

Durch die Bank seien alle Hofbesitzer stolz auf ihre Höfe und das Leben, das Generationen ihrer Familien dort verbrachten. „Auf einem Hof heißt die Familie schon immer Mayer“, das heißt auch, dass über Generationen hinweg stets ein männlicher Nachkomme der Mayer-Familie den Hof weitergab. „Das ist schon beachtlich.“

Ein Mythos sorgt für Zulauf

Helfendorf ist nicht nur für seine Höfe bekannt, auch ein Mythos rankt sich um den Ort mit den zwei Kirchen. Der Heilige St. Emmeram soll in Kleinhelfendorf gemartert worden sein: „Emmeram war einer der Missionsbischöfe in Regensburg unter Herzog Tassilo und ist Richtung Rom aufgebrochen. Dann hat man ihm vorgeworfen, er hätte die Tochter Tassilos geschwängert. Der Bruder übte Rache an Emmeram und hat ihn angeblich in Helfendorf an allen Gliedmaßen verstümmelt.“ Belege für diesen Mythos gibt es nicht. Doch entwickelte sich Kleinhelfendorf zu einem kleinen Pilgerort.

Auf 1250 Jahre blicken Franziska Ahlborn und ihr Team zurück. Sie schreiben auf, was sonst irgendwann zu vergessen werden droht. So auch, wer Helfendorf prägte und gestaltete, wie unter vielen anderen der Bauer Sebastian Oswald. Um 1900 war er einer der Initiatoren, die eine eigene Wasserversorgung installierten – ohne die Hilfe der Computertechnik, versteht sich. Auch stieß er an, dass die Eisenbahn nicht in Aying endete, sondern weiter fuhr bis nach Kreuzstraße. „Die Menschen um 1850 haben den Grundstein für unseren heutigen Wohlstand gelegt.“ Noch bis in den Herbst hinein freuen sich Franziska Ahlborn und ihr Team auf weitere Einsendungen von Fotos und Schriftstücken aus vergangener Zeit. Denn jeder Pinselstrich vervollständigt das Gemälde und Ahlborn ist sich sicher: „Das Bild wird fertig werden“.

Melanie Schröpfer

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