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„Wie die Kaninchen vor der Schlange“

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Von: Verena Rudolf

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Klaglos und ohne zu murren, tragen Schulkinder Maske und hoffen so, einen normalen Schulalltag zu erleben.
Klaglos und ohne zu murren, tragen Schulkinder Maske und hoffen so, einen normalen Schulalltag zu erleben. © Gregor Fischer/dpa

„Ich wende mich an die HALLO als regionales Sprachrohr, um den Kindern im Landkreis eine Stimme zu geben“, sagt Michaela Holzer aus Feldkirchen. Ihr Anliegen sei aber kein Appell an die Politik, sondern an all die Menschen, die sich bisher noch nicht geimpft haben, betont sie. 

Michaela Holzer ist Mutter von zwei Kindern, die Tochter ist fünf Jahre alt und besucht den Kindergarten. Ihr Sohn ist Zweitklässler. Bei ihrem Gespräch mit HALLO möchte Holzer für ihre und all die anderen Kinder sprechen. Für die Familien um sie herum, die in der derzeitigen Corona-Situation nur noch von Tag zu Tag abwarten, bis etwas passieren könnte. Bis ein Anruf aus dem Kindergarten oder der Schule kommt, dass eines der Kinder in Quarantäne muss. Bis die Eltern eine E-Mail abrufen, dass ein Freund oder Nachbarskind infiziert ist. Bis ein Test positiv ausfällt.

„Wir starren gebannt wie das Kaninchen auf die Schlange und warten bis ,es‘ passiert“, sagt die zweifache Mutter. Ihre Helden sind derzeit die Kinder, für die noch kein Impfstoff in Deutschland zugelassen ist. „Klaglos tragen die Kinder ihre Masken und testen sich mehrmals pro Woche ohne Murren.“ Zudem hören die Kinder immer wieder aus dem Mund ihrer Eltern, dass dieses oder jenes derzeit „wegen Corona“ nun mal nicht möglich und abgesagt sei oder verschoben werden müsse. Und wie schon immer stellen Kinder viele Fragen, die man als Elternteil natürlich bestmöglich zu beantworten versucht. „Und derzeit kommt man immer wieder an die Grenzen seiner Erklärungen“, so die Mutter. „Wie soll ich etwas erklären, dass ich manchmal auch als Erwachsene gar nicht verstehe?“

Und die Eltern selbst? „Wir halten alle sehr still und tragen alles mit. Wir wollen ja unsere Familie schützen und das Rad am Laufen lassen“, so Holzer. „Die eigenen Bedürfnisse stellen wir schon sehr lange hinten an.“ Kontakte sind seit Monaten heruntergefahren, in den vergangenen Wochen wieder mehr. Dennoch wäge man laut der Feldkirchner Mutter ständig ab, wie man den Kindern trotz Corona einen möglichst normalen Alltag bieten könne. Und wie man es schafft, dass die Kinder in den Kindergarten oder in die Schule gehen können oder auch mal einen Freund oder Freundin treffen dürfen. „Dann muss ich schon zugeben, dass ich mich über jemanden wundere, dessen Problem es ist, wie er sicher ins Fußballstadion gelangt — lieber mit dem Auto als in der vollen U-Bahn“, so die Mutter. Ihre eigenen Gedanken kreisen, ob beim Aufwachen oder Einschlafen, ständig um das Thema Corona. „Ich merke an mir, wie ich andauernd mein Handy parat habe, denn es könnte ja etwas sein.“ Fatalistisch warte man eigentlich nur noch ab, dass es einen nun selbst erwische, denn die Einschläge kommen näher und werden mehr.

Dennoch sieht sich selbst nicht demonstrierend auf der Straße. Auch wolle sie jetzt keine Briefe an etliche Politiker schreiben. „Ich stelle hier keine Forderungen an die Politik“, stellt sie klar. Vielmehr geht es ihr um all diejenigen, denen vielleicht gar nicht klar ist, wie der Alltag für Familien mit noch ungeimpften Kindern derzeit aussieht. „Bei einem Meeting in meiner Arbeit hatte ich neulich ein Aha-Erlebnis. Um mich herum waren lauter Menschen, etwa Mitte 50, alle geimpft. Das Thema Corona hatte sie für sich eigentlich alle bereits irgendwie abgehakt“, so Holzer. Während die Kollegen die Weihnachtsfeier planen wollten, dachte Holzer daran, dass sie seit Monaten nicht mal den Kindergarten ihrer Tochter betreten darf, sondern ihr Kind immer nur mit Maske abgeben und wieder abholen dürfe. „Ich nahm das Erstaunen der anderen wahr, dass da jemand ist, der zögert, ob er bei der Weihnachtsfeier zusagen kann.“ Denn sie als Mutter denke vor allem daran, wie sie für ihre Familie den Alltag aufrechterhalten kann. Welche Risiken ihre Kinder und sie eingehen, welche wiederum derzeit vermeidbar sind. „Ständig spielt man alles im Kopf durch“, sagt sie. Zumindest vorbereitet möchten sie aber als Elternteil sein auf das, was wohl über einen hereinbrechen könnte. Eine Infektion oder Quarantäne. „Man kann nur noch abwarten, die Uhr tickt.“ Ihr Handy indes bleibt mittlerweile vor dem Schlafen-Gehen aus. Aus Selbstschutz, um noch einigermaßen gut schlafen zu können, um Kraft für den hoffentlich normalen Alltag zu tanken.

Die Kinder und ihre Familien seien also davon abhängig, dass sich jeder, der es kann, auch impfen lässt und so Verantwortung übernehme. Das sei die einzige Lösung, die die Feldkirchner Mutter derzeit für alle sieht.

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