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Geschichte(n) entlang des Wassers

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Der Hachinger Bach läuft über den Pfanzeltplatz in Perlach. Mit der App lässt sich der Bachverlauf gut erkunden.
Der Hachinger Bach läuft über den Pfanzeltplatz in Perlach. Mit der App lässt sich der Bachverlauf gut erkunden. © rf

Die Hachinger-Bach-App lädt uns ein, den Wasserlauf im Münchner Osten besser kennenzulernen. Die Bach­expertin Gertraud Schubert hat in dieser zusammen mit Klaus-Peter Schubert und Harald Nottmeyer ihre jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Hachinger Bach in eine innovative Form gebracht. 

Wasser bahnt sich seinen Weg, egal ob an der Oberfläche oder unter der Erde. Den Hachinger Bach gibt es schon seit Jahrtausenden. Fast alles um ihn herum hat sich im Laufe der Zeit verändert, doch das Wasser ist immer noch da. Wir Menschen können das erst mal nur staunend beobachten. Und festhalten. Vorübergehend. Am Verlauf des Wassers entlang können wir Geschichte(n) erzählen.

Die App zum Hachinger Bach gibt es nun seit dem Frühling. Sie kann im Google-Play-Store und im Apple-Store kostenlos heruntergeladen werden. Gertraud und Klaus-Peter Schubert sowie der Chef des Unterhachinger Heimatmuseums, Harald Nottmeyer, haben sie mit viel Liebe und Fachwissen gestaltet.

Seit 40 Jahren engagiert sich die Unterhachingerin Gertraud Schubert beim Bund Naturschutz. Da war der Hachinger Bach natürlich immer ein Thema. Ursprünglich entstanden aus herabfließendem Gletscherwasser zieht er sich von seiner Quelle in Aufhofen durch Oberhaching, Taufkirchen, Unterhaching, Perlach, Berg am Laim und weiter über Daglfing, bis er schließlich in den Speichersee mündet. Von dort geht es für das Wasser weiter bis ins Schwarze Meer und auch die Geschichten, die Gertraud Schubert über den Hachinger Bach zu erzählen weiß, nehmen kein Ende.

Zusammen mit ihrem Mann Hans-Peter Schubert organisiert sie seit Jahren Bachwanderungen. 2018 gab sie einen Bildband zum Hachinger Bach heraus. Als dann die Entscheidung über eine Neuauflage des Büchleins anstand, kam das Angebot von der Landesstelle für nicht-staatliche Museen, das gesammelte Material in einer App zusammenzufassen. Eine App sei zeitgemäßer und flexibler als ein Buch, man habe sie auf dem Handy immer dabei, erklärt Schubert ihre Wahl. Außerdem wolle sie den Bach attraktiver für junge Leute machen.

Die App lässt sich offline nutzen und ermöglicht viele Entdeckungen entlang des Hachinger Baches. Darin werden vier Touren ausführlich – mit Texten und Tonbeiträgen – beschrieben. Entdeckungsreisen durch den südlichen, den mittleren und den nördlichen Teil des Hachinger Baches. Immer wieder werden spannende Geheimtipps am Wegesrand angekündigt, wie zum Beispiel die Überreste einer Skisprungschanze in Kreuzpullach, die ohne die App kaum auszumachen wären.

Zudem gibt es eine Tour extra für Kinder, in der die alteingesessene Bachratte Rudi und der zugezogene Biber Barnabas ihre Bachabenteuer erzählen. Abenteuer, welche die Kinder natürlich vor Ort nacherleben müssen!

Überhaupt zielt die App darauf ab, die Menschen in die Natur und an den Bach zu bringen. Gertraud Schubert hofft, dass „die Vertrautheit mit dem Bach dazu führt, dass er auch besser geschützt wird“. Daher gefällt es ihr, wenn die Menschen wie im Landschaftspark Hachinger Tal auf den Ruhestegen liegen oder am Wasserspielplatz planschen. Der Bach soll bevölkert werden! Ähnliches würde sich Gertraud Schubert auch in Berg am Laim am Michaelianger wünschen, wo der Bach dann Hüllgraben genannt wird. An der Kampenwandstraße nördlich des Ostparks versickert er und taucht erst wieder am Truderinger Gleisdreieck auf. Es gibt schon länger Pläne, den Bach in Berg am Laim wieder an die Oberfläche zu holen, bisher ist die Renaturierung allerdings noch nicht weit fortgeschritten. Ein Bachbett gibt es teilweise, dieses überwuchert allerdings schon wieder. Der Michaelianger hätte ähnliches Potenzial wie der Bachabschnitt im Landschaftspark Hachinger Tal, erläutert Gertraud Schubert. Ein Bach an der Oberfläche könnte die Attraktivität dieses Gebiets deutlich steigern. 1933 wurde der Hachinger Bach in Berg am Laim wegen Hochwassergefahr in ein unterirdisches Rohr verlegt. Bei einer Renaturierung muss der Hochwasserschutz natürlich immer mitbedacht werden. Doch zumindest am Michaelianger habe ein überlaufender Bach genug Platz, zur Seite hin auf die Wiesen auszuweichen, bemerkt Schubert. So wie 2013 beim Hochwasser in Unterhaching, als sich im Landschaftspark Tümpel bildeten. Zudem bräuchte es zusätzliche, moderne Wasserauffangbecken. Doch dann böten insbesondere flache Ufer viel Platz für Erlebnisse am Wasser. Steile Ufer, wie beispielsweise im Ostpark machten den Bach eher unzugänglich. Obwohl er die komplette Westseite des Parks durchzieht, ist er manchmal hinter Bäumen und am Abhang nur schwer auszumachen.

So ist es überhaupt für den, der sich anschickt, immer entlang des Hachinger Baches zu radeln: Mal verlieren wir ihn aus den Augen und dann taucht er plötzlich wieder auf. Nicht nur an Stellen, an denen er versickert, sondern auch dort, wo er sich hinter Gehölz und Gebäuden einen Weg bahnt, den wir selbst nicht einschlagen können. Wir fahren ein paar hundert Meter weiter, und schon müssen wir aufpassen, uns die Reifen nicht nass zu machen. Da ist es wieder, das Wasser. Zwischen Perlach und Unterbiberg können wir eine Weile auf einem schmalen Pfad direkt am Bach entlangfahren. Auf der einen Seite die Weite der Felder, auf der anderen die Gartenzäune des Wohngebiets. Wir müssen allerdings aufpassen, bei Gegenverkehr nicht baden zu gehen. Hier wäre es fast besser, zu Fuß zu gehen...

Anhand des Bachverlaufs können Radler wunderbar die Gegend erkunden. Wer sich verirrt, kann sich die Lagepläne in der App bei einer Pause anschauen, um sich neu zu orientieren. Wenn wir das Universitätsgelände der Bundeswehr umrunden kommen wir in den Landschaftspark Hachinger Tal und rein nach Unterhaching. Wollen wir direkt am Bach bleiben, müssen wir uns durch ein paar Schleichwege kämpfen, aber dann erreichen wir den Unterhachinger Ortskern. Dort, an der Hauptstraße 51, befindet sich das Unterhachinger Heimatmuseum, in dem eine Bachkarte auf dem Boden angebracht ist. Der Hachinger Bach kann dort im Kleinen abgegangen werden. „Geschichte lebendig gemacht“ lautet das Motto des Museums. Was könnte lebendiger sein als ein Wasserlauf, der ständig in Bewegung ist und immer neue Geschichten produziert?

Und was könnte besser dazu passen als eine App, die ständig um neue Inhalte ergänzt werden kann? Gertraud Schubert hat schon viele Ideen, wie sie die App weiter verbessern kann. Eine interaktive Landkarte sei geplant, derzeit aber technisch noch nicht umsetzbar. Auch die Hörspiele könnten noch einen prominenteren Platz in der App bekommen. Außerdem begann Schubert vor der Corona-Pandemie, Gespräche mit langjährigen Unterhachinger Bewohnern über den Bach zu führen. Diese Interviews möchte sie in der Zukunft gerne wieder in Angriff nehmen. Dann hätten wir noch mehr spannende (Lebens-) Geschichten rund um den Hachinger Bach.

Es sei nicht ganz einfach gewesen, all die gesammelten Fakten in Geschichten umzuwandeln; das „storytelling“ habe sie erst lernen müssen, erzählt Gertraud Schubert noch. Zusammen mit Harald Nottmeyer und Klaus-Peter Schubert ist es ihr gelungen, das geballte Wissen ansprechend aufzubereiten. Der Hachinger Bach ist nicht nur seit Jahrtausenden ein Lebensquelle, sondern auch Quelle unzähliger Geschichten, die nicht versiegen. Jetzt ist es an uns, mit der App in der Tasche einigen dieser Geschichten nachzuspüren.

Roland Friedl

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