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Interkulturelle Hospizbegleitung in Oberhaching

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Von: Iris Janda

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Kursteilnehmer an der Ausbildung zum Interkulturellen Hospizbegleiter im Jahr 2019.
Bereits 2019 fand erstmalig ein Ausbildungskurs für Interkulturelle Hospizbegleiter statt. © oh

Im Landkreis München leben Menschen aus über 160 Nationen. Damit auch sie im Alter eine respektvolle, kultursensible Begleitung bis zum Lebensende erhalten, werden in Oberhaching interkulturelle Hospizbegleiter ausgebildet. 

Das Strahlen und Leuchten, als sie die ältere Frau im Rollstuhl zum ersten Mal auf Spanisch angesprochen hat, sei überwältigend gewesen, erinnert sich Graciela Gommel zurück. „Sie ist immer ganz glücklich, wenn wir spanisch sprechen“, meint die Ottobrunnerin. Gommel ist interkulturelle Hospizbegleiterin, seit gut einem Jahr betreut sie die Dame in einem Altenheim. Ungefähr eine Stunde in der Woche nimmt sie sich Zeit, um da zu sein, mit ihr zu reden, Geschichten oder Gedichte vorzulesen. „Ich lasse immer etwas spanische Musik laufen, dann singen wir manchmal ein bisschen mit.“

Gommel wurde über das Zentrum für Ambulante Hospiz- und PalliativVersorgung (ZAHPV) in Oberhaching an die Seniorin vermittelt. „Wir haben bei den Kulturdolmetschern vom Bürgerschaftlichen Engagement nachfragt und so entstand der Kontakt zu Graciela vom Hospizkreis Ottobrunn“, erklärt Anita Ptok vom ZAHPV.

Durch die enge Zusammenarbeit mit den Kulturdolmetschern sei auch die Idee entstanden, einen Ausbildungskurs für Interkulturelle Hospizbegleitung anzubieten. „Ein Teilnehmer beim Kulturdolmetscherkurs aus der Türkei meinte ,Warum kommt ihr nicht auch zu uns?‘“, erzählt Ptok. Weil wir nicht eingeladen werden, hätte sie geantwortet. „Das könnt ihr nicht machen, da müsst ihr einen von uns hinschicken“, habe der Mann geantwortet. So war die Idee geboren.

Die Hospizbegleiterin Graciela Gommel aus Ottobrunn.
Die aus Kolumbien stammende Graciela Gommel arbeitet ehrenamtlich als interkulturelle Hospizbegleiterin. © ija

2019 startete der erste Ausbildungskurs, im Januar 2020 waren die Teilnehmer fertig. „Und im März kam Corona. Dann war das Projekt erstmal gestoppt“, verdeutlicht Ptok. Die Betreuung vor Ort war dadurch zwar eingeschränkt, die Corona-Zeit hätten sie für die Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung genutzt. Der Bedarf an kultursensibler Hospizbegleitung sei da, das würden die Anfragen zeigen.

Kein Wunder, schließlich ist die kulturelle Vielfalt im Landkreis groß: Von den 340.000 Bewohnern haben rund 61.000 Menschen ausländischen Wurzeln und stammen aus über 160 Nationen. „Wir haben eine sehr diverse Gesellschaft, auch im Alter“, bestätigt Martina Schwingenstein vom Fachbereich Bürgerschaftliches Engagement der Caritas mit Sitz in Oberschleißheim. Sie leitet in Zusammenarbeit mit Ptok das Projekt. Vielfach müssten Menschen, die eine Migrationsgeschichte haben, zunächst für das Thema Hospiz­arbeit sensibilisiert werden. „Viele kommen aus Ländern, in denen es Hospizbegleitung gar nicht gibt“, verdeutlicht sie.

Graciela Gommel bestätigt das. „Ich habe Hospizarbeit erst in Deutschland kennengelernt.“ In ihrer Heimat in Kolumbien gebe es das nicht. „Aber egal wo wir anklopfen, ist das Interesse dafür hoch“, meint Schwingenstein. Sie stehen dazu in engem Kontakt zu kulturellen und religiösen Gemeinschaften. Dass vielerorts noch das Wissen um das Thema Hospiz fehlt, weiß auch Anita Ptok. „Wir sehen das bei der Hospizbegleitung. Jeder Vierte in Deutschland hatte 2018 einen Migrationshintergrund, aber bei unseren Patienten ist das bei weitem nicht jeder Vierte.“

Der Umgang mit Tod, Krankheit, Schmerz und Trauer kann je nach kulturellem Hintergrund variieren. Auch Spiritualität und religiöse Traditionen unterscheiden sich. Und bei demenziell Erkrankten wird zum Beispiel die erlernte Sprache zunehmend vergessen und die Muttersprache tritt wieder in den Vordergrund. Erinnerungen an die Heimat und die dortigen Traditionen werden wieder lebendig. Eine kultursensible Begleitung in der Muttersprache unterstütze respektvoll Menschen jeder Herkunft am Lebensende.

Derzeit hat das ZAHPV neben Gommel noch drei weitere interkulturelle Hospizbegleiter im Einsatz, eine Frau aus Griechenland und zwei Männer aus der Türkei. Sie stehen alle noch im Berufsleben, aber wollen etwas Gutes tun. Das war auch Graciela Gommels Motivation: „Ich wollte Leuten helfen. Ich denke viele brauchen das, weil sie oft niemanden mehr haben, der sie begleitet und für sie da ist.“

„Das Engagement von Menschen, die hier zugezogen sind, ist extrem hoch“, weiß auch Martina Schwingenstein aus ihrer Erfahrung mit den Kursen für Kulturdolmetscher. „Das ist ein Zeichen von gelungener Integration bei uns vor Ort.“ Interkulturellen Hospizbegleitung ist ein Projekt mit Vorzeigecharakter. Das befand auch die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, die es 2019 mit dem ersten Platz des „Anerkennungs- und Förderpreises für ambulante Palliativversorgung“ auszeichnete. Nun gehe es darum, die Arbeit in der Praxis noch weiter auszubauen und das Konzept weiter bekannt zu machen. „Unser Ziel ist, dass aus der Idee eine Bewegung wird“, sagt Ptok.

Für das Frühjahr 2022 ist ein neuer Ausbildungskurs unter Leitung von Brigitte Schmitt-Hausser geplant. Mitmachen kann jeder aus dem Landkreis oder aus dem Stadtgebieten. Im Kurs erfahren die Teilnehmer in 112 Stunden sowie an zehn Praktikumsterminen viel über das Thema Tod, Sterben und Trauer. Der Kurs kostet 300 Euro, eine Art Kaution, die nach einem Jahr Hospizbegleitung zurückgezahlt werden.

„Wir schauen, wer sich mit welchem Hintergrund anmeldet und laden für die religiöse Einheit Seelsorger aus dem jeweiligen Bereich ein“, erklärt Ptok. So könnten alle voneinander lernen. Gibt es bestimmte Fettnäpfchen? Ist es heikel, ob ein Mann oder eine Frau begleitet? Gibt es bestimmte Symbole und Regeln, die zu beachten sind? So könne auch hilfreiches Wissen für die Pflegekräfte in der Palliativbetreuung gewonnen werden. Ptok hätte so unter anderem gelernt, dass man in einem türkischen Haushalt immer die Schuhe ausziehen muss. „In Deutschland fragen wir meistens nach, ob wir sie ausziehen sollen. Aber wenn man es direkt macht, ist es natürlich höflicher.“

Iris Janda

Weitere Informationen und Anmeldung beim ZAHPV unter Telefon 613 97 170 oder per E-Mail an zahpv@caritasmuenchen.de sowie unter www.hospiz-und-palliativ-zentrum.de.

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