Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen

Jugendhilfe rechnet mit neuen Zielgruppen

Die Kinder- und Jugendhilfe hat nur dann eine Chance, jungen Menschen zu helfen, wenn ihre Arbeit auch in der Pandemie möglich ist.
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Die Kinder- und Jugendhilfe hat nur dann eine Chance, jungen Menschen zu helfen, wenn ihre Arbeit auch in der Pandemie möglich ist.

In diesen Tagen ist der Jahresrückblick der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen erschienen. Gemeinsam mit Andreas Hüner, dem Leiter der Jugendhilfe der Diakonie München und Oberbayern, schaut HALLO zurück auf ein Jahr, das geprägt war von der Corona-Pandemie.

„Jugendhilfe ist ein Teil der Gesellschaft und steht nicht außerhalb und muss dort anerkannt sein und gehört werden.“ Mit diesem Zitat endet im aktuellen Jahresbericht ein Text von Andreas Hüner, der die Gesamtleitung der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen, einer heilpädagogischen Einrichtung, innehat. Diese Zeilen fassen sehr gut zusammen, was Hüner auch im Gespräch anprangert — mehr als ein Jahr, nachdem die Coronakrise ihren Anfang nahm.

Die Jugendhilfe sei lange — viel zu lange — nicht gesehen worden, so Hüner, der seit Januar an der Spitze der Feldkirchner Jugendhilfe steht. „Ich habe sehr viele Talkshows im vergangenen Jahr geschaut, aber über die Jugendhilfe und die Zwänge und Herausforderungen unserer Arbeit ist es in diesen Fernsehsendungen nie gegangen.“ Dabei gab es unzählige Herausforderungen im vergangenen Jahr, vor denen Mitarbeiter der Jugendhilfe standen. Denn mit Beginn einer Pandemie hören familiären Konflikte ja nicht auf. Kinder und Jugendliche hatten ab März 2020 nicht weniger Verhaltens­probleme oder psychische Auffälligkeiten, nur weil ein Virus grassiert. Im Gegenteil. Das Kindeswohl kann genauso oder erst recht gefährdet sein, wenn ein ganzes Land ab März im Lockdown ist.

Doch wie kommt man an Kinder und Jugendliche ran, wenn Freizeitstätten und Schulen geschlossen haben? „Natürlich wurden die Sozialarbeiter kreativ und haben alles versucht, um Kontakt aufzunehmen“, erzählt der Sozialpädagoge. Doch wer in einer Familie anruft und von den Eltern abgewimmelt wird, das alles in Ordnung sei, der steht zunächst machtlos da. „Dem Auftrag des Kinderschutzes nachzukommen, war nicht immer möglich“, klagt Hüner. Erst mit der Zeit ergaben sich dann Treffen draußen oder bewährten sich auch in digitaler Form.

Vor allem im Frühling vergangenes Jahres sei vieles absurd gewesen. Alle waren von der neuen Situation überrumpelt, ob die Behörden oder der einzelne Pädagoge. Dennoch habe die Mitarbeiter der Jugendhilfe vieles überrascht, was man ihnen in diesen ersten Wochen vorgeschrieben oder untersagt habe. „Im November dann, als der zweite Lockdown kam, war vieles schon ganz anders“, das betont Hüner. „Wir, Einrichtungen wie Behörden, haben alle gemeinsam gelernt und waren nun nicht mehr so von der Situation über- und gefordert.“

Mit dem Gesundheitsamt im Landkreis würden sie sehr gut zusammenarbeiten. Eine große Erleichterung stelle zum Beispiel die Möglichkeit der mobilen Quarantäne dar, bei der Mitarbeiter im Quarantänefall von zuhause zu ihrem Arbeitsplatz, eine der Einrichtungen, pendeln dürfen. Und auch bei den Jugendämtern hätten sich die behördlichen Abläufe im Vergleich zur Zeit von März bis Juni 2020 deutlich verbessert. „Doch auch wenn jetzt alles wieder ganz gut läuft, wir spekulieren, dass sich jetzt erst in Zukunft neue Zielgruppen für uns ergeben werden. Kinder aus der gut situierten Mittelschicht zum Beispiel, deren Eltern durch Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit derzeit unter einer hohen Belastung stehen, leiden an der derzeitigen Corona-Situation. „Doch wir können nur dann helfen, wenn die Jugendämter auch ihrem Job nachgehen“, stellt der Leiter der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen klar.

Nun im Mai 2021 schauen die Mitarbeiter der Jugendhilfe dennoch positiv in die Zukunft und versuchen zu vergessen, wie Kinder und Jugendliche der Heilpädagogischen Wohngruppen vergangenes Jahr im ersten Lockdown zunächst nicht heim und ihre Eltern besuchen durften, da dies kein „triftiger Grund für Mobilität“ war. „Dieser Satz jedoch, wurde von den Behörden schnell wieder herausgenommen. Da hat man wohl gemerkt, übers Ziel hinaus geschossen zu sein. Denn ein Kind hat ein Recht, seine Eltern zu sehen.“

Mit jedem Tag, der vergeht, werde ihre Arbeit wieder leichter, zeigt sich Hüner erleichtert. „Allein schon deswegen, dass all unsere Mitarbeiter, die das auch wollen, bis Ende der Pfingstferien geimpft sind.“ Auch wenn das vergangene Corona-Jahr all diese Herausforderungen mit sich brachte, die Jugendhilfe aus Feldkirchen will nicht jammern. So zitiert Hüner abschließend auch den Virologen Christian Drosten: „Der Sommer kann ganz gut werden...“

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