Lange Wartelisten bei Schwimmkursen in München und im Landkreis

Viele Kinder können nicht sicher schwimmen

Im Haarer Freibad (Bild) ist auf die Schnelle ein Freibadkurs für Schwimmanfänger auf die Beine gestellt worden.
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Im Haarer Freibad (Bild) ist auf die Schnelle ein Freibadkurs für Schwimmanfänger auf die Beine gestellt worden.

Mehrere Parteien fordern den Fokus auf die Schwimmfähigkeiten von Kindern zu legen. Die SPD und die Grünen verlangen Lehrplanänderungen, um den ausgefallenen Schwimm­unterricht nachzuholen. Die FDP weist darauf hin, dass es ausreichend Schwimmbäder für Kurse geben müsse. Und die bayerische Staatsregierung spendiert Grund- und Vorschulkindern 50 Euro, wenn diese einen „See­pferdchen“-Schwimmkurs belegen. 

„Ausgebucht“ oder „Warteliste“ – das lesen viele Eltern, wenn sie in nach einem Anfänger-Schwimmkurs für ihr Kind suchen. Die Corona-Pandemie hat diese Situation noch verschärft. Im Winter und auch noch im Frühling blieben die Hallen- und Schulschwimmbäder geschlossen. Ein ganzer Anfänger-Jahrgang stieg in kein Schwimmbecken. „Allein wegen der Pandemie haben mindestens 200.000

Kinder in Bayern nicht schwimmen lernen können“, so ein Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Weder in Schwimmkursen in ihrer Freizeit noch in der Schule konnten Kinder üben, wie sie sich selbst sicher über Wasser halten können. Nach Erkenntnissen der DLRG nimmt die Zahl der Nichtschwimmer ohnehin seit Jahren zu. 90 Prozent der Grundschulkinder im Alter von fünf bis elf Jahren können nicht sicher schwimmen, nur 50 Prozent erreichen das Seepferdchen-Niveau.

Die SPD-Landtagsfraktion forderte Kultusminister Michael Piazolo auf, Lehrplanänderungen vorzunehmen. Der ausgefallene Schwimmunterricht müsse dringend nachgeholt werden. Auch die Grünen-Fraktion forderte ein „Kompensationsangebote“ für Schüler und ein Konzept für Ferienkurse.

Die Gemeinde Ottobrunn wurde bereits aktiv: Sie finanziert Drittklässlern einen kostenlosen Anfängerkurs im Schwimmen in den Sommerferien. Das Angebot sollte sich vor allem an Grundschulkinder der dritten Klasse richten, die noch nicht schwimmen können.

Auch die Gemeinde Haar reagierte: Petra Kienbacher, Lehrerin und Sportbeauftragte der Haarer Konrad-Grundschule, hat gemeinsam mit Alexandra Pawleczak vom TSV Haar in kürzester Zeit – genauer gesagt innerhalb von nur drei Tagen — einen Freibadkurs für Schwimmanfänger auf die Beine gestellt, auch unterstützt von Haars Bürgermeister Andreas Bukowski, Bäderleiter Sante Ciavarelle und dem TSV- Geschäftsführer Ralf-Ulrich Machwirth. Zweit- und Drittklässler kamen in aller Frühe, bevor das Bad offiziell seine Pforten öffnete, zum Unterricht ins Freibad.

Zum Programm der Kirchheimer Ferienpädagogik gehört das Schwimmen mit dazu. Auch heuer baut Michael Knöferl seine Mobile Schwimmschule auf dem Pausenhof der Grundschule an der Martin-Luther-Straße auf. Die Schwimmschule des Sportwissenschaftlers ermöglicht es den Kindern, ihre erste Schwimmzüge im Pausenhof der Schule zu machen. „Wir brauchen eigentlich nur eine ebene Fläche“, sagt der Schwimmschulleiter. Sein Becken ist rechteckig und besteht im Prinzip aus nicht viel mehr als aus einer Folie und einem Metallgerüst.

Auf die Idee mit der transportablen, ortsungebundenen Schwimmschule kam Knöferl aus der Not heraus. Das Freibad, in dem er Schwimmkurse gab, musste saniert werden. Und Knöferl wusste auch, dass viele Familien einen weiten Weg in Kauf nehmen, um ihr Kind zu einem Schwimmkurs zu bringen.

So bat ebenso die FDP Bayernpartei Fraktion das Münchner Referat für Bildung und Sport, digital und fortlaufend aktualisiert auf einer Karte darzustellen, welche Schwimmbäder für den Schwimmunterricht sich in welcher geografischen Lage in München befinden und wo weiterer Bedarf vorhanden ist. „Schulen benötigen in ihrem Umfeld Schwimmbäder für den Schwimmunterricht“, so die FDP. „Die Kapazitäten für den Schwimmunterricht in München sind insgesamt knapp bemessen und es ist fraglich, ob sich diese angesichts wachsender Schülerzahlen und Grundschulneubauten adäquat entwickeln. Der Bedarf der Schulen an Schwimmbädern für den Schulschwimmunterricht ist umgehend zu decken.“

Die meisten Schulschwimmbäder schließen zudem während der Sommerferien. So stellte Thomas Fäth für die Fraktion der SPD in Haar jüngst den Antrag, dass in den Sommerferien ein Haarer Hallenbad ausschließlich für Schwimmkurse für Kinder geöffnet werde. „Eine Abfrage in den Haarer Grundschulen hat ergeben, dass zahlreiche Schülerinnen und Schüler leider momentan noch Nichtschwimmer sind“, begründet Fäth seinen Antrag. „Durch die Corona-bedingten Einschränkungen konnten letztes Jahr fast keine Schwimmkurse angeboten werden, wodurch nun viele Kinder dieses Jahr auf einen Schwimmkurs hoffen. Das zeigte sich auch bei dem Angebot im Haarer Freibad, welches in sehr kurzer Zeit ausgebucht war. Da im Freibad keine weiteren Termine angeboten werden können, sind die Hallenbäder die logische Alternative.“ Auch die Bayerische Staatsregierung scheint nicht davon auszugehen, dass Kinder jetzt im Sommer das Schwimmen lernen. Denn bayerische Erstklässler und Vorschulkinder bekommen nach den Ferien einen 50-Euro-Gutschein zum Erwerb des Frühschwimmerabzeichens „Seepferdchen“.

Der Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbänds, Ale­xander Gallitz, allerdings hält von diesen Gutscheinen, die es in Bayern geben soll, nicht viel: „Das ist kontraproduktiv“, sagte Gallitz. Denn das setze ein falsches Signal. Kinder mit dem „Seepferdchen“-Abzeichen könnten noch lange nicht richtig schwimmen. Außerdem müsse die Wassergewöhnung viel früher beginnen. Gallitz schlägt stattdessen einen Gutschein in derselben Höhe für alle Kinder ab drei Jahren vor, damit diese in den Kitas bereits mit der Wassergewöhnung beginnen könnten.

Und der Präsident des Schwimmlehrerverbands spricht ein weiteres aktuelles Problem an: Während der Corona-Pandemie hätten keine neuen Schwimmlehrer ausgebildet werden können. Außerdem hätten einige Kollegen wegen der großen Unsicherheit inzwischen aufgehört und umgeschult.

„Im Schnitt muss man derzeit mit einem halben bis ganzen Jahr Wartezeit rechnen“, sagt Gallitz weiter. Auch die Wasser­wacht des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) und die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) berichten von Engpässen. Ihre Lösung: Sie setzen auf Videos zur Gewöhnung ans Wasser.

Mit der Kampagne „Bayern schwimmt“ (www.bayernschimmt.de) will die BRK-Wasserwacht Eltern dabei helfen, ihre Kinder auch ohne Platz im Schwimmkurs und bereits jetzt im Sommer ans Wasser zu gewöhnen. Ein virtuelles Lernformat könne zwar „kein vollständiger Ersatz für das ,analoge‘ Training und das praktische Üben sein“, so der Vorsitzende der BRK-Wasserwacht, Thomas Huber. Auch die DLRG setzt neben Schwimmkursen auf virtuelle Lehrprogramme.

Schwimmkurse bleiben in Bayern vermutlich vorerst Mangelware. Und so sind Eltern mehr denn je gefordert, selbst mit ihren Kindern ins Wasser zu steigen und dem Nachwuchs, so gut sie es können, das Schwimmen beizubringen. Es könnte lebensgefährlich sein, das Schwimmen-Lernen zu vertagen.

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