Familie durch das Raster gefallen

Alleinerziehende lebt in Notunterkunft Gräfelfing – warum die Chance auf eine Gemeindewohnung klein ist

In diesem Zimmer der Gräfelfinger Obdachlosenunterkunft wohnt Katharina Riede seit einem halben Jahr mit ihren beiden Kindern. Eine echte Wohnung ist nicht in Sicht.
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In diesem Zimmer der Gräfelfinger Obdachlosenunterkunft wohnt Katharina Riede seit einem halben Jahr mit ihren beiden Kindern. Eine echte Wohnung ist nicht in Sicht.

Eine alleinerziehende Mutter sitzt in der Notunterkunft in Gräfelfing fest. Warum sie trotz Bedürftigkeit, und obwohl ihre Kinder hier zur Schule gehen, kaum Chancen auf eine Gemeinde-Wohnung hat.

Gräfelfing - „Ich weiß einfach nicht, was ich noch machen soll“, sagt Katharina Riede. Nachdem ihr Partner sie aus der Wohnung geworfen hat, ist die 32-Jährige obdachlos.

Mit ihrer Tochter Josephina (9) und ihrem Sohn Justin (11) hat sie in Hotels, bei Freunden sowie in der kleinen Wohnung ihrer Mutter in Gräfelfing gelebt. Seit einem halben Jahr ist die Familie jetzt in der Notunterkunft an der Flurstraße untergebracht. Zu dritt in einem Zimmer. Küche und Bad werden mit anderen geteilt.

Dazu der Druck, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben: Alle drei Monate muss Riede neu beantragen, in der Unterkunft bleiben zu dürfen. „Allein würde ich das alles irgendwie aushalten. Aber mit den Kinder – das geht nicht“, so die Alleinerziehende.

Sie wäre gerne längst in einer eigenen Wohnung. Weil sie derzeit keiner Arbeit nachgeht, würde die Miete übernommen. „Ich habe mich auf circa 50 Wohnungen beworben. In Gräfelfing, Planegg, sogar Starnberg. Nur Absagen“, erzählt Riede.

Gemeinderat orientiert sich an Punktesystem

Was sie dabei am meisten frustriert: Auch bei drei Wohnungen der Gemeinde Gräfelfing ist sie nicht zum Zuge gekommen, eine vierte Bewerbung läuft. Der Grund: Bei der Vergabe orientiert sich der Gemeinderat an einem Punktesystem.

Das greift aber erst, wenn der Bewerber drei Jahre im Ort gelebt hat. „Warum kann man in unserer Lage keine Ausnahme machen?“, fragt Riede.

Die Gemeinde-Richtlinien stehen dem nicht entgegen. Ausnahmen vom Punktesystem „bleiben der Entscheidung des zuständigen Gremiums vorbehalten“, heißt es darin. „Ich habe den Bürgermeister in mehreren E-Mails angebettelt, dass er für uns ein gutes Wort einlegt“, sagt Riede. Stattdessen sei sie immer wieder vertröstet worden.

„Ich kann verstehen, dass Frau Riede mit ihrer Situation unzufrieden ist“, sagt Bürgermeister Peter Köstler (CSU) auf Nachfrage von Hallo. „Aber man muss auch flexibel sein und über die Grenzen von Gräfelfing hinausschauen.“

Ihre Kinder gehen in Lochham zur Schule

Denn es gebe sehr viele Bewerber für gemeindeeigene Wohnungen. „Im Schnitt müssen wir 30 Menschen absagen, die oft auch in Notlagen sind.“ Dass Riede nur kurzzeitig in Gräfelfing gelebt hat, sei „durchaus schwierig“.

Die Mutter will aber gern in der Region bleiben. Ihre Kinder gehen in Lochham zur Schule, haben dort einen Hortplatz. Doch auch in den Nachbarorten von Gräfelfing sind die Kriterien für eine Gemeindewohnung streng (siehe unten). „Die Wohnungssuche ist bei Obdachlosigkeit durchaus bayernweit zumutbar, gegebenenfalls sogar deutschlandweit“, teilt die Arbeiterwohlfahrt (AWO) mit.

Die hat einen Kooperationsvertrag mit der Gemeinde geschlossen, um Obdachlose – 2020 waren es sieben Personen – bei der Wohnungssuche zu unterstützen. Auch Riede bekommt wöchentlich Besuch von einer AWO-Mitarbeiterin, die mit ihr Anträge oder Bewerbungen schreibt.

„Meine letzte Hoffnung ist jetzt ein Vermieter mit Herz“, sagt Riede. Genau unter dem Motto baut die AWO gerade einen Pool aus Vermietern auf, die notleidenden Menschen im Landkreis helfen wollen.

Regeln für die Vergabe

Jede Gemeinde setzt sich eigene Richtlinien, wie ihre Wohnungen vergeben werden. In der Regel liegt der Entscheidung ein Punktesystem zugrunde, bei dem Faktoren wie Anzahl der Kinder, Behinderungsgrad oder ehrenamtliche Tätigkeit die Bewertung der Bewerber verbessern. Ein wichtiger Faktor ist auch die Ortsansässigkeit. Die ist in jeder Würmtal-Gemeinde anders geregelt.

Gräfelfing: Bewerber müssen mindestens drei Jahre ihres Lebens in Gräfelfing verbracht haben, um weitere Punkte sammeln zu können. Danach gibt es pro Jahr im Ort einen Punkt.

Planegg: Bewerber müssen mindestens fünf Jahre ununterbrochen in Planegg ihren Hauptwohnsitz gehabt haben und das darf maximal fünf Jahre her sein. Oder: Der Bewerber arbeitete zehn Jahre lang ununterbrochen hauptsächlich im Ort. Danach gibt es pro Jahr einen Punkt.

Neuried: Punkte können ab Begründung des Erstwohnsitzes in Neuried gesammelt werden. Fürs erste Jahr gibt es einen Punkt, für zwei Jahre zwei Punkte, bis zum fünften Jahr fünf Punkte. Maximum sind 15. Ohne Wohnsitz in Neuried darf sich bewerben, wer fünf Jahre ununterbrochen im Ort gearbeitet hat.

Romy Ebert-Adeikis

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