Wann geben wir das Steuer aus der Hand?

Neubiberger Wirtschaftsforum zum autonomen Fahren

Ein Mann sitzt auf der Fahrerseite und hat die Hände nicht am Lenkrad.
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Der Autofahrer gibt die Kontrolle ab. Das Auto bremst, beschleunigt und wechselt selbstständig die Spur.

Was in Neubiberg an der Universität der Bundeswehr und bei ortsansässigen Firmen an Forschung und Entwicklung zum autonomen Fahren geleistet wird, liefert einen entscheidenden Beitrag zur Mobilität der Zukunft. Beim Wirtschaftsforum stand das Thema im Fokus.

Wie sieht Mobilität in Zukunft aus? Welche Rolle spielt Autonomes Fahren und wo stehen wir im Moment? Mit diesen Fragen beschäftigte sich am 21. September das dritte Wirtschaftsforum der Gemeinde Neubiberg. Der Veranstaltungstitel „Neubiberg – Geburtsstätte und Treiber für Autonomes Fahren“ mag für den ein oder anderen womöglich hochtrabend dahergekommen. Doch schnell wurden die Anwesenden, Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, eines Besseren belehrt.

Denn eines der weltweit ersten selbstfahrenden Autos entstand in den 1980er-Jahren an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg und rollte schon 1986 über das stillgelegte Flugfeld im heutigen Landschaftspark. Professor Ernst Dickmanns, als Ehrengast unter den Zuhörern des Wirtschaftsforums, leistete vor 40 Jahren mit seiner Forschung an der Bundeswehr-Universität Pionierarbeit auf dem Gebiet des Autonomen Fahrens. Er und sein Team rüsteten damals einen Kleintransporter mit Kameras und Sensoren aus, der mit knapp 100 km/h völlig autonom fahren konnte.

Thorsten Lüttel vom Institut für Technik autonomer Systeme an der Uni-BW, das nach der Pensionierung Dickmanns 2001 entstand, zeigte zur Veranschaulichung Archivaufnahmen von der Fahrt des Roboterfahrzeugs VaMoRs (Versuchsfahrzeug für autonome Mobilität und Rechnersehen) über einen damals noch nicht für den öffentlichen Verkehrs freigegebene Autobahnabschnitt.

Seither wird in Neubiberg intensiv zu autonomen Systemen geforscht. Mittlerweile beschäftige sich die Forschung an der Bundeswehr-Uni vor allem mit dem Betrieb von autonomen Fahrzeugen „off road“, also in unwegsamen Gelände ohne Fahrstreifen oder anderen Markierungen. Mit dem Großprojekt MORE (Munich Mobility Research Campus), das Ende 2020 startete, wird die Forschung am Uni-Campus weiter vorangetrieben. Der Standort solle als Modellcampus zur ganzheitlichen, interdisziplinären Betrachtung der Mobilität von morgen dienen. „Wir sind eine kleine Stadt für sich“, verdeutlicht Lüttel. Auf dem Campus können so verschiedene Fahrzeuge und Systeme erprobt werden.

In naher Zukunft fahren Auto selbst

Nicht nur der Universität, auch den in Neubiberg ansässigen Unternehmen Intel und Infineon kommt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Erforschung autonomer Systeme zu. Christoph Heer, Standortleiter für Entwicklung Autonomes Fahren von Intel, erklärte, dass am Firmenstandort in der Lilienthalstraße in Unterbiberg vor allem zu Robotik und Künstlicher Intelligenz geforscht werde.

In einem Kurzvortrag verdeutlichte Stefan Mäntele von Intel, warum heute mit autonomen Fahren im öffentlichen Straßenverkehr etwas in naher Zukunft liege, das 1993 während seines Informatikstudium in den Lehrbüchern noch als unmöglich galt. Als Hauptgrund nennt er die Rechnerleistung und den Speicherplatz, die exponentiell gestiegen sind. Zusätzlich stünden die benötigten Rechner-Architekturen sowie Werkzeuge zur Verfügung, um die Künstliche Intelligenz einzusetzen.

Tim Gutheit, Senior Director Technology & Innovation Automotive bei Infineon, hob die Bedeutung von Halbleitern in den modernen Fahrzeugen hervor. Schon heute seien in Autos bis zu 6000 Halbleiter und 100 Steuergeräte verbaut. „Ohne Halbleiter geht nichts“, so sein Fazit. Autonomes Fahren könne nur funktionieren, wenn das Fahrzeug seine Umgebung erfasst. Eine Fülle aus Informationen von Kameras, Radar-Geräten und weiteren Sensoren fließen mittels Halbleitern und Steuergeräten zusammen.

Ein Sicherheitskokon für die Insassen

Durch die Radargeräte und Sensoren entstehe ein „Sicherheitskokon“, der dafür sorgt, dass das System unter allen Umständen funktioniert, auch wenn ein Signal gestört ist. „Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen“, so Gutheit. Doch es lohne sich, weiter zu forschen, denn wenn es gelingt, diese Herausforderungen zu meistern – so der einheitliche Tenor der Experten – können Unfälle auf ein Minimum reduziert werden.

„Unser Ziel sind null Unfälle“, betonte Florian Bogenberger von der Firma exida, die ebenfalls in Neubiberg ansässig ist. Das kleine, weltweit tätigte Unternehmen sei „wie der TÜV“ und prüfe die funktionale Sicherheit von autonomen Systemen. Funktionale Sicherheit würde der Mensch erst spüren, wenn sie nicht da ist. Exida geht es darum, dafür zu sorgen, dass die unvermeidbaren Fehler, die in der Elektronik auftreten, nicht gefährlich werden.

„Heute würde wohl kaum jemand seinen Kinder von einem selbstfahrenden Auto zum Kindergarten fahren lassen“, meinte Bogenberger. Doch noch vor wenigen Jahren hätte sich auch niemand vorstellen können, dass heute jeder wie selbstverständlich ein Smartphone mit sich trägt. „Sag niemals nie“, lautete seine Botschaft. Ziel sei es, den Nutzen – weniger Unfälle und ökologische Mobilität – groß und das Risiko klein zu halten.

In Bereichen wie der Lagerlogistik, der Landwirtschaft oder auch der Industrie finden autonome Fahrzeuge bereits Anwendung. Doch wann werden selbstfahrende Autos über unsere Straßen rollen? „Alle die hier sitzen, werden es noch erleben“, meinte Bogenberger zur eher betagteren Hörerschaft. Stufe drei für autonomes Fahren sei bereits zugelassen, zum Beispiel Fahrzeuge, die ein Stauende erkennen oder beim Einparken helfen.

Stufe vier – ein Fahrer kann in hochautomatisierten Fahrzeugen seine Aufmerksamkeit von Fahrbetrieben abwenden – ist dank eines neuen Bundesgesetzes seit Ende Juli im öffentlichen Straßenverkehr in festgelegten Betriebsbereichen erlaubt. Shuttle-Services und Busverkehr sind zum Beispiel von der Regelung eingeschlossen.

Auf Münchner Straße könnten dadurch schon im kommenden Jahr selbstfahrende Autos unterwegs sein. Wie die Autovermietungsfirma Sixt kürzlich auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) verkündete, möchte sie ab 2022 in einer Testphase in München selbstfahrende Roboter-Taxis anbieten, die per App gebucht werden können. Kooperationspartner des Projekts ist die Firma Mobileye – ein israelisches Tochterunternehmen von Intel, wie Christoph Heer nicht ohne Stolz betonte.

Iris Janda

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