Die Pandemie aus der Sicht junger Künstler

Oberhachinger Gymnasiasten mit Kunst-Ausstellung zum Thema „Corona & wir“

Zeichnung einer Frau mit Maske, die auf den Boden schaut.
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Die Schüler des Oberhachinger Kunst-Leistungskurses, hier Helena Novotny, halten ihre Eindrücke während der Pandemie auf Postkarten fest.

Die Ausstellung „Corona & wir“ des diesjährigen Kunst-Additums am Gymnasium Oberhaching zeichnet den Lebensalltag junger Menschen in Zeiten der Pandemie nach. Täglich verliehen die Abiturienten auf Postkarten ihren Gefühlen und Gedanken Ausdruck.

Eine junge Frau mit Maske blickt zu Boden, den Kopf gesenkt, die Schultern hängend, die Augen leer. Das Aquarell zeigt Szenen, wie sie vielfach zu Beginn der Pandemie zu sehen waren, als die Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus sich zurückzogen, nur für das Nötigste vor die Tür gingen und in ihrem Gegenüber eine Gefahr sahen. Das berührende Bild der Abiturientin Helena Novotny – gezeichnet auf einer Postkarte – ist Teil der diesjährigen Ausstellung des Kunst-Additums am Oberhachinger Gym­nasium.

Die Ausstellung ist in diesem Jahr eine besondere, denn sie zeigt die Gefühle, Empfindungen und Gedanken der Schüler inmitten der Pandemie. Die Werke sind Zeitzeugnisse für das Erleben einer Generation junger Menschen, die in der aufregenden Phase des sich selbst Entdeckens, Ausprobierens und Erwachsen-Werdens von einem Virus ausgebremst wurden.

Entstanden ist das Projekt aus der Not heraus, wie Kursleiterin Barbara Henning erklärt: „Im März war von jetzt auf gleich alles zu und keiner wusste, wie es weiter geht. Ich dachte mir, sie müssen doch irgendwas machen. Schließlich müssen die Schüler fürs schriftliche Abitur im Kunst-Additum üben.“ So kam sie auf die Idee mit den Postkarten. „In kleinen Formaten können die Schüler ganz viel ausprobieren über die Bildgestaltung, Materialien, Technik“, erzählt Henning. Die Idee war, dass die Schüler jeden Tag eine Postkarte gestalten als kleines Tagebuch aus Bildern.

Sie sollten festhalten, was sie an dem Tag gemacht haben, was sie besonders berührt hat oder womit sie sich beschäftigt haben. Nach einer Woche sollten die Oberstufler dann die Karten in einen Umschlag packen und der Lehrerin schicken. „Es war mir wichtig das im Original zu sehen, ich wollte nicht nur ein schlechtes Handyfoto haben“, verdeutlicht Henning. „Ich wollte sie sehen, schließlich haben manche mit verschiedenen Material gearbeitet, geklebt, geschnitten und Collagen gefertigt.“ Insgesamt sind so rund 360 Postkarten der elf Schüler des Kunst-Additums zusammen gekommen. Es sind Bilder der Resignation, der Einsamkeit, Aufschreie, aber auch Positives.

Um diese der Öffentlichkeit zu präsentieren, sollten sie – wie es normalerweise bei den Abschlusswerken des Kunst-Leistungskurses üblich ist – im Rathaus-Foyer unter dem Namen „Corona & wir“ ausgestellt werden. Doch dann die bittere Ironie des Schicksals: Wegen des derzeitigen Infektionsgeschehens kann die Ausstellung der Öffentlichkeit nicht ohne Weiteres zugänglich gemacht werden. Doch obwohl ein Besuch im Rathaus derzeit nur mit Termin möglich ist, entschlossen sich die Kursleiterin, Bürgermeister Stefan Schelle und das Kulturamt, die Ausstellung dennoch aufzubauen.

Für sie gehöre das einfach dazu, meint Henning, die selbst als Künstlerin tätig ist und nun in den Ruhestand geht: „Ich finde, wenn man in die künstlerische Richtung geht, dann ist es wichtig, die Erfahrung zu machen, eine Ausstellung zu konzipieren, die öffentlich gezeigt und nicht nur im Schulflur aufgehängt wird.“ Seit Dienstag bis zum 21. Mai hängen die Werke nun im Rathaus-Foyer aus. Die Schüler, die kurz vor ihren Abi-Prüfungen stehen, haben dazu mehrere Postkarten in großen Bilderrahmen zusammengestellt. Sortiert wurde diese etwa nach Themen, Farben oder Zeichentechnik.

Auch an eine klassische Vernissage war unter derzeitigen Bedingungen nicht zu denken. So verlegte Henning diese kurzerhand in den digitalen Raum, bis zu 54 Zuhörer waren so zur Ausstellungseröffnung gekommen. „Es war uns im Rathaus wichtig, das was möglich ist, möglich zu machen“, erklärte Rathauschef Schelle. Wer die Ausstellung besichtigen wolle, solle sich einen Termin geben lassen. „Auch das ist ein wichtiger Termin! Kultur ist in Oberhaching wichtig“, so Schelle weiter. Die Ausstellung rege zum Nachdenken an, sei teilweise bedrückend, „weil man sieht, wie die Jugend leidet“. Die Botschaften, die durch die Bilder transportiert werden, seien ermahnend für alle Erwachsenen.

Weil die Schüler nicht vor Ort ihre Werke präsentieren konnten, wurde bei der Vernissage eine kreative Lösung gefunden: die Lehrerin stellte die Künstler anhand von Selbstporträts vor, die diese in Acryl auf Leinwand gemalt haben. Und auch darauf heißt es „Corona & wir“: die Schüler porträtierten sich mit zur Hälfte verdeckten Gesichtern.

Iris Janda

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