1. tz
  2. München
  3. Region
  4. Hallo München

Nach Planeggs umstrittenem „Ja“ zum Ausbau von Gewerbe: Umweltamt sieht Standort „sehr kritisch“

Erstellt:

Von: Romy Ebert-Adeikis

Kommentare

Eine Visualisierung zeigt die Erweiterung des Gewerbegebiets Steinkirchen in Planegg samt Biotop und Ausgleichsflächen.
Um das Gewerbegebiet Steinkirchen zu erweitern, plant Planegg Ausgleichsflächen zu schaffen und Gräfelfinger Grundstücke dafür zuzukaufen. © Gemeinde Planegg

Trotz Protesten spricht sich Planegg für den Ausbau des Gewerbegebiets Steinkirchen aus. Eine Stellungnahme des Umweltamts bestätigt nun die Kritiker..

Update, 10. Dezember: Umweltamt beurteilt Standort als „sehr kritisch“

Planegg - Fast eine Woche nach der umstrittenen Sondersitzung zur Erweiterung des Gewerbegebiets Steinkirchen, schlagen die Wogen in Planegg immer noch hoch. Mit der Erweiterung sollen die Pharma-Firmen Sanacorp und Eurofins in der Gemeinde gehalten werden.

Befeuert wird die Debatte nun um eine Stellungnahme des Leiters des Planegger Umweltamts, Dr. Richard Richter. Darin heißt es: „Aus der Sicht des Umwelt- und Naturschutzes wird der geplante Standort im Außenbereich daher sehr kritisch gesehen. Es handelt sich um eine zusätzliche Versiegelung von Boden im Außenbereich mit allen negativen Folgen.“

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Bürgermeister: „Keine Chance Stellungnahme des Umweltamts vorzulegen“

Eine solche Stellungnahme hatten mehrere Gemeinderäte bereits vor der Sondersitzung des Gemeinderats gefordert. Im Gremium selbst verwies Bürgermeister Hermann Nafziger (CSU) zwar mehrfach auf ein vorliegendes Schriftstück Richters. Dieses stand zu dem Zeitpunkt aber weder den Gemeinderäten noch der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Nun erklärt Nafziger in einem eigenen Statement: „Aufgrund des leider chaotischen und sehr aufgeheizten Sitzungsverlaufs der Gemeinderatssitzung sahen wir keine Möglichkeit mehr, die Stellungnahme wie geplant vorzulegen und sachorientiert zu erläutern.“

Umweltamt Planegg: Gemeinde soll für Biotop weitere Flächen kaufen

In seiner Einschätzung betont Richter, dass „Nachverdichtung im Bestand immer der Vorrang vor einer Erweiterung nach außen zu geben ist“. Er begrüße zwar die Vorgaben, die neuen Firmengebäude zu begrünen und dafür eine hochwertige Ausgleichsfläche zu schaffen. Letztere falle „aus Platzgründen im Vergleich zur Stoawies‘n für eine wirklich gute Biotopvernetzung doch sehr schmal“ aus.

Stattdessen plädierte der Biologe dafür, dass die Gemeinde zusätzlich breitere Flächen in Richtung Gräfelfing erwerben solle. Dem hatte der Gemeinderat in seiner Sondersitzung bereits mehrheitlich zugestimmt.

Nachverdichtung: Sanacorp lehnt Pläne über Lidl-Supermarkt ab

Nachgereicht hat die Gemeinde auch eine Stellungnahme des Unternehmens Sanacorp zu möglichen alternativen Standorten. So hatte die Fraktion GrüneGruppe21 gefordert, auch eine Überbauung des Lidl-Supermarkts samt Parkplatz - direkt gegenüber vom bisherigen Sanacorp-Firmengebäude - zu prüfen.

Das Firmengebäude von Sanacorp in Planeggs Gewerbegebiet Steinkirchen will nicht am Lidl gegenüber erweitern.
Eine Überbauung des Supermarkts gegenüber des Sanacorp-Firmengebäudes lehnt das Unternehmen ab. © rea

„Eine Überbauung des bestehenden Lidl-Gebäudes, das in einfachster Bauweise ausgeführt ist, käme für die Sanacorp definitiv niemals in Frage. Weder eine Hauptverwaltung auf Stelzen noch das Fehlen von Grünfläche für den geplanten Betriebskindergarten wären akzeptabel. Das geht auf gar keinen Fall!“, teilt der Vorstandsvorsitzender Herbert Lang mit.

Sanacorp zu Abwanderungsplänen: „Sind im Würmtal verwurzelt“

Bürgermeister Nafziger hatte in der Sondersitzung mehrfach betont, dass die Firmen ohne angemessene Perspektive Planegg verlassen könnten. „Wir halten natürlich immer die Augen offen, sehen uns aber traditionell im Würmtal verwurzelt“, teilt ein Firmensprecher dazu auf Hallo-Nachfrage mit.

Der Grund für einen neuen Bau des Unternehmens „Perspektivisch müssen wir darüber nachdenken, das bestehende Gebäude zu sanieren. Im laufenden Betrieb ist dies aufgrund der entstehenden Baulärmbelastung absolut nicht darstellbar.“ 

Originalartikel, 8. Dezember: Viel Kritik für Ausbau von Planeggs Gewerbegebiet Steinkirchen

Planegg - Zwei Firmen im Planegger Gewerbegebiet Steinkirchen wollen sich vergrößern – am liebsten auf einer gut 18.000 Quadratmeter großen Ackerfläche im Nordwesten des Areals.

Auf 10.000 Quadratmetern Acker soll das Planegger Gewerbegebiet Steinkirchen erweitert werden.
Auf 10.000 Quadratmetern Acker soll das Planegger Gewerbegebiet Steinkirchen erweitert werden. © Romy Ebert-Adeikis

Viel Kritik an neuen Bauplänen für Planegger Gewerbegebiet Steinkirchen

Der Gemeinderat hat nun in einer Sondersitzung die Neuaufstellung des betreffenden Bebauungsplans beschlossen. Allerdings in einer emotionalen Abstimmung (16 zu fünf Stimmen, zwei Enthaltungen) und unter dem Protest vieler Bürger. Die werfen der Gemeinde unnötige Versiegelung von Grün und zu wenig Transparenz vor.

Ausbau des Gewerbegebiets Steinkirchen: Gemeinde Planegg verteidigt Entscheidung

Beides wies Bürgermeister Hermann Nafziger (CSU) vehement zurück. So sollen die nördlichen 8.000 Quadratmeter des Ackers zum Biotop aufgewertet werden. Zudem könne man ein angrenzendes Stück Land auf Gräfelfinger Flur erwerben und ebenfalls aufwerten.

Zur Transparenz erklärte Nafziger, schon im Juli den Gemeinderat nicht öffentlich über den Wunsch der Firmen Sanacorp und Eurofins informiert zu haben. Dabei sei er beauftragt worden, den Acker-Eigentümer zum Verkauf zu befragen. Auch bei einer nicht öffentlichen Klausurtagung im Oktober sei es um das Thema gegangen.

Mitte November diskutierte der Ausschuss für Bauleitplanung schließlich öffentlich die Neuaufstellung, der mit sieben zu zwei Stimmen zugestimmt wurde. Danach hatten mehrere Gemeinderäte aber eine Nachprüfung im großen Plenum gefordert. „Keiner kann behaupten, dass er seit Juli nicht genug Zeit hatte, sich zu informieren“, postulierte Nafziger.

Kritik für Baupläne in Steinkirchen: Bürger demonstrieren für Naturschutz

Anders sahen das etwa 30 Naturschützer, die vor dem Rathaus Planegg gegen die Erweiterung demonstrierten. „Wir fordern, dass ein Flächensparmanager zu Rate gezogen wird, der alle Alternativen prüft“, erklärte Malwina Andrassy von der Ortsgruppe des Bund Naturschutzes. Eine Prüfung ist laut Gemeinde längst erfolgt. „Für das einzige in Frage kommende Grundstück an der Behringstraße hegt der Eigentümer laut Angaben der Wirtschaftsförderung aktuell keine Verkaufsabsichten“, hieß es in der Beschlussvorlage.

„Das stimmt offensichtlich so nicht“, konterte die Fraktion GrüneGruppe21 (GG21), die eine Vertagung der Entscheidung beantragte. Ihnen gegenüber hätten die Eigentümer signalisiert, verkaufen zu wollen. „Das haben wir schriftlich“, sagte Gemeinderätin Angelika Lawo. Wirtschaftsreferentin Bärbel Zeller gab zu, länger keinen Kontakt zum Eigentümer gehabt zu haben. „Aber Sanacorp hat uns versichert, dass es keinen Verkaufswillen gäbe.“

Vor dem Rathaus Planegg protestierten Naturschützer aus dem ganzen Würmtal gegen den Ausbau des Gewerbegebiets.
Vor dem Rathaus Planegg protestierten Naturschützer aus dem ganzen Würmtal gegen den Ausbau des Gewerbegebiets. © Romy Ebert-Adeikis

Viele neue Arbeitsplätze: Gemeinderat fürchtet zusätzliche Herausforderungen für Verkehr und Wohnraum

Anderen Gemeinderäten fehlten eine Stellungnahme des Umweltreferats und Infos dazu, wie Planegg mit dem zusätzlichen Verkehrs- und Wohnungsdruck umgehen will, wenn in Steinkirchen hunderte neue Arbeitsplätze geschaffen würden. Eine Vertagung der Debatte wurde aber mit 14 zu neun Stimmen abgelehnt.

Kommentar - Noch nicht das letzte Wort der Bürger

Ein harmonisches Miteinander hat der Gemeinderat Planegg seit seiner Neubesetzung 2020 immer wieder beschworen – intern, wie auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Damit scheint es nun aber vorbei. Denn die Erweiterung Steinkirchens hat nicht nur das Gremium und einige seiner Fraktionen entzweit, sondern bei vielen Menschen im Würmtal auch für Misstrauen gegenüber der Gemeinde gesorgt. Zu glauben, dass sich diese mit einer intensiven – aber nicht öffentlichen – Debatte über mehr Gewerbe am Rande eines Biotops zufriedengeben, ist in Zeiten eines Klimanotstands mindestens naiv. Gut möglich, dass die Bürger dazu noch nicht ihr letztes Wort gesprochen haben.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

Auch interessant

Kommentare