Riemerlinger Hort will künftig Kinder, Jugendliche und Senioren mehr zusammenbringen

Ein Ort, an dem das Naturell blühen darf

Die Kinder des Waldhortes in Riemerling sind gerne in der Natur.
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Clemens (10), die siebenjährige Anna, Armin (neun Jahre alt) und der zwölf Jahre alte Valentin sitzen in der selbstgebauten Chill-Ecke des Waldhortes Outback in Riemerling.

Ein kleiner Pfad aus Pflastersteinen führt da hin, wo Bäume bunt bestrickt sind, die zwitschernden Vögel nicht gegen den Straßenlärm ansingen müssen und die Kinder so sein dürfen, wie sie sind. Dieser Pfad führt in den Waldhort der AWO in Riemerling, der künftig auch auf Jugend- und Seniorenpädagogik setzen möchte.

Der Geruch von Moos und Wiese liegt in der Luft. Die warmen Sonnenstrahlen wecken den Wald aus seinem Winterschlaf. Aus der Ferne ist das Lachen und Glucksen der Kinder zu hören, die im Wald spielen. Der grenzt an die Räumlichkeiten des AWO-Waldhortes Outback in Riemerling.

Das Haus mit Flachdach bietet an Regentagen Schutz, die meiste Zeit aber sind die Kinder in der Natur. Von der Terrasse aus geht es erst auf die große Spielwiese, auf der – im Kontrast zu dem Grasgrün – neonfarbene Hütchen und zwei Fußballtore aufgestellt sind, dann geht es in den Wald. Clemens, Anna, Valentin und Armin gehen gerne in den Waldhort. Am liebsten sind sie draußen. Gerne spielen sie in ihren Lagern, die sie in ihrem Wald eins und Wald zwei gebaut haben. Ersterer ist ein Nadelwald, der andere ein Mischwald, wie Armin erklärt. Wald eins ist etwas lichter, „daran ist der Borkenkäfer schuld“, weiß der Neunjährige. In Wald eins findet auch ein ganz besonderes Volk sein Zuhause: Ein Bienenvolk.

Der gewonnene Honig wird an die Eltern verkauft. Beide Wälder haben ihre Vorzüge und in beiden gibt es die verschiedenen „Lager“, die von den Kindern selbst gebaut sind. In Wald zwei aber steht der bessere Kletterbaum. Ist der im Blickfeld der Kinder, gibt es kein Halten mehr und die Kids grinsen schneller von den Ästen herunter, als bis drei gezählt werden kann.

Im Waldhort gibt es keine Verbote. Grenzen und Regeln? Ja. So erklärt es Christian Kleiber, Leiter der Einrichtung im Freien. Die Eckpfeiler sind: „Wir gehen höflich und freundlich miteinander um“ und „wir haben Verantwortung füreinander und nehmen Rücksicht aufeinander“.

Alleine dürfen die Kinder nicht in den Wald, sie müssen immer mindestens zu zweit sein. „Aber mit mehr Kindern macht es größeren Spaß“, sagt Anna. Und dann gibt es doch noch eine Regel: Wenn Kleiber pfeift, müssen die Kinder, die gerade im Wald spielen, sofort alles stehen und liegen lassen. Dann gibt es etwas zu verkünden.

Heute steht ein Fantasy-Spiel auf dem Programm. Zwei Teams, Magier gegen Waldläufer, haben bis zum Mittagessen Zeit, unter anderem einen Kerker zu bauen und Punkte zu sammeln. Pfeift Kleiber von der Terrasse aus, kommen flugs 18 Kinder angerannt. 18 sind es, weil Ferien sind. Normalerweise werden insgesamt 44 Kinder im Waldhort beherbergt.

Im Hort machen sie ihre Hausaufgaben, die von den vier Pädagogen auf Richtigkeit und Vollständigkeit gecheckt werden. Christian Kleiber und sein Team, zu dem auch der vierbeinige Co-Pä-

dagoge und Hund Kenai gehört, bringen den Kindern auch bei, dass Erwachsene nicht immer recht haben, nur weil sie erwachsen sind. Freitags werden die Geburtstage im Hort gefeiert. Die Eltern werden von den Pädagogen gebeten, auf Karotten- und Gurkensticks zu verzichten und stattdessen das mitzubringen, was die Kinderherzen höher schlagen lässt: Kuchen – wahlweise mit einer großen Portion Schlagsahne.

Es ist zur Tradition geworden, dass Kleiber sich den Kuchen schnappt und damit stiften geht. Neue Kinder sind immer ganz baff, aber die Kinder, die schon länger im Hort sind, nehmen sie an die Hand und zeigen, was zu tun ist: Auf die Barrikaden gehen! „Denn die einzige Person, der der Kuchen gehört, ist das Geburtstagskind.“ Gezielt streut Kleiber immer wieder Szenarien ein, die verdeutlichen, dass Kinder, wenn sie im Recht sind, dieses auch getrost einfordern dürfen und sollen.

Kleiber kommt aus Berlin. Eigentlich spricht er Hochdeutsch, aber wenn er von seinen frechen Einstreuungen erzählt, berlinert er. „Während alle konzentriert ihre Hausaufgaben machen, leg‘ ick die Füße of den Tisch und dann dreh‘ ick die Mucke am Handy laut auf“, sagt er. Für die Kinder ist das super. Die freuen sich, wenn sie ihm sagen und zeigen dürfen, wie er sich benehmen soll.

Wenn er von früheren Hortkindern erzählt, weiß er noch ihre Namen. Kleiber ist nicht für Büroarbeit gemacht. Wichtig ist ihm, dass die Kinder „weg von der Straße sind“. Er selbst war als Jugendlicher gerne im Berliner Jugendtreff, geleitet von einer ehemaligen Lehrerin, die den Teenagern damals Sandwiches machte und ihnen Graffiti zur Verfügung stellte. „Gisela hieß sie, die werde ich nie vergessen“, erinnert er sich mit einem Lächeln zurück.

Kinder-, Jugend- und Seniorenpädagogik

Kinder ab der ersten Klasse können bis zur Vollendung ihres 13. Lebensjahres im Waldhort betreut werden. Wenn die Kinder gehen müssen, bedauern sie es durch die Bank. Rund ein Drittel der Kinder kehrt zurück in den Waldhort und absolviert das schulische Praktikum. Dann schlüpfen sie selbst in die Rolle der Pädagogen. Kleiber findet, gerade im jugendlichen Alter wäre eine Betreuung wichtig.

Dann, wenn sie sich oft selbst nicht verstehen, wenn Chaos im Kopf herrscht und die Pubertät alles auf Links dreht – gerade dann brauchen sie Ansprechpartner. Christian Kleiber weiß, dass die Pubertät für die Kinder und auch für die Eltern eine große Herausforderung ist. Deshalb stellte er jüngst dem Hohenbrunner Gemeinderatsgremium seine Idee vor: Nicht nur in den Köpfen der Jugendlichen herrscht Chaos, auch in denen demenzkranker Senioren.

Wenn da vieles Erlebte verschwommen und unklar ist, wenn die eigene Persönlichkeit, die sich ein ganzes Leben lang gebildet, geprägt und stetig entwickelt hat, langsam und manchmal auch schnell verblasst, wie angenehm ist es dann, auch in dem Zustand angenommen und akzeptiert zu werden, an dem nichts zu ändern ist. Die Idee ist es also, Kinder, Jugend­liche und Senioren zusammen-

zubringen. Hund Kenai kann als Verbindung das gegenseitige aufeinander Zugehen leichter machen. Spannend wird es, wenn Jugendliche Senioren das Internet erklären. Und was ist eigentlich dieses PayPal? Im Gegenzug können die Hochbetagten auch aus ihrem Leben erzählen, erklären und für Staunen sorgen.

Christian Kleiber erzählt, der Waldhort hätte bereits mit Senioren zusammengearbeitet. Als es zu Umbaumaßnahmen im Seniorenzentrum Lore-Malsch-Haus kam, holten die Kinder die Senioren ab und übernahmen Patenschaften. „Vorzugsweise entschieden sich die Kinder für einen Senior mit Rollstuhl.“ So einen Rollstuhl kann man nämlich nicht nur schieben, sondern gleich ein prima Rollstuhlwettrennen veranstalten. „Das war authentisch und ein Moment, der aus der Situation heraus entstanden ist und nicht erzwungen war.“ Um das Konzept des Hortes zu erweitern und für Jugendliche und Senioren zugänglich zu machen, wird noch die richtige Räumlichkeit gesucht.

Akzeptanz für alle Altersklassen

Im Waldhort sind die Kinder viel draußen. Drinnen dürfen sie aber auch spielen, machen ihre Hausaufgaben und essen zu Mittag. „Das Mittagessen dient nicht nur der Nahrungsaufnahme.“ Es wird sich ausgetauscht, gelacht, diskutiert.

„Wir sind hier keine Insel der Glückseligkeit“, sagt Kleiber. Und das ist auch gut so. Es geht demokratisch zu und vor allem fair. Das Schönste ist für die Kinder in der Natur zu sein. Im Waldhort dürfen die Kinder so sein, wie sie sind. Und dafür werden sie akzeptiert und respektiert. Wie schön, es wäre, wenn diese Akzeptanz bald auch Jugendlichen und Senioren entgegengebracht werden könnte.

Melanie Schröpfer

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