Zukunftsluft schnuppern mit der Ottobahn

Schienen-Gondelsystem plant Teststrecke zwischen A8 und Ludwig-Bölkow-Campus in Taufkirchen

Verkehrsministerin Kerstin Schreyer sitzt in der Ottobahn.
+
Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer testete beim Besuch der Firma die Ottobahn. Geschäftsführer Marc Schindler steuerte die Fahrt per App.

Über den Autos hinweg schweben, nebenbei die Lieblingsserie schauen und ohne Stau am Wunschziel ankommen: Diese Vision steckt hinter der sogenannten Ottobahn. Das Schienen-­Gondelsystem des gleichnamigen Münchner Start-Ups soll die Verkehrsmittel im urbanen Raum ergänzen. Eine Teststrecke entsteht noch in diesem Jahr in Taufkirchen.  

Der unscheinbare Gewerbepark in Obersendling lässt auf den ersten Blick nicht erahnen, dass hier womöglich die Verkehrslösung der Zukunft entsteht. Eine Zukunft, die, wenn es nach Marc Schindler geht, nicht in allzu weiter Ferne liegt. Schindler ist Geschäftsführer der Ottobahn GmbH, die in dem Bürogebäude ein Transportsystem der dritten Ebene, in fünf bis zehn Metern Höhe über dem bestehenden Verkehr, entwickelt.

Mit Solarstrom betriebene Gondeln transportieren Passagiere auf einem fahrerlosen Schienensystem. Nutzer können die Bahn nach Bedarf bestellen, ein Einstieg ist überall entlang des Streckennetzes möglich. Die Kabinen sind alle eigens angetrieben und stimmen mit einer Software ihre Fahrwege untereinander ab. Algorithmen sorgen dafür, dass der Verkehrsfluss in Echtzeit optimiert und energieeffizient gesteuert wird.

Das junge Start-Up hat seit seiner Gründung vor zwei Jahren viel erreicht. Von der Idee über ein voll funktionsfähiges Modell, das durch die Büroräume fährt und die Besucher Zukunftsluft schnuppern lässt, bis zu einer Teststrecke, die nun in Taufkirchen entstehen soll. Der Bauausschuss der Gemeinde gab vor gut drei Wochen grünes Licht für das Projekt. Nun muss noch das Landrats­amt das Vorhaben genehmigen. Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer und CSU-Bundestags­abgeordneter Florian Hahn stellten beim Vor-Ort-Termin in Sendling jedoch bereits klar, dass mit Zustimmung zu rechnen sei.

Der Bau der Teststrecke könnte bald beginnen

Wenn alles klappt, möchte die Ottobahn mit dem Bau ihrer einen Kilometer langen, runden Teststrecke, die auf einem Grundstück zwischen A8 und Ludwig-Bölkow-Campus entstehen soll, noch in diesem Jahr beginnen. Im Laufe des nächsten Jahres sollen dort bis zu 100.000 Testkilometer absolviert werden. Wenn die Tests erfolgreich sind, könnte 2023 schon konkret ein erster Streckenabschnitt geplant werden.

„Ich war überrascht, dass so ein tolles neues Verkehrsmittel nach Taufkirchen kommen will“, erklärte Bürgermeister Ullrich Sander beim Firmen-Besuch. Im Bauausschuss habe nach der Vorstellung der Ottobahn große Begeisterung geherrscht. Dass die Firma Ottobahn heißt und nun auch noch an der Grenze zu Ottobrunn getestet werde, solle als „kleine Hommage“ an die Nachbargemeinde verstanden werden, meinte Sander schmunzelnd.

Der Rathauschef bedankte sich bei der Verkehrsministerin, die den Kontakt zwischen Ottobahn und der Gemeinde hergestellt habe. Sie selbst sei ganz fasziniert gewesen, als ihr im Dezember 2020 das Projekt vorgestellt wurde, erklärte Schreyer. Für die Teststrecke habe sie nach einem innovativen Bürgermeister gesucht. Dass sie in ihrem Stimmkreis fündig wurde, sei umso schöner. Der Standort Taufkirchen biete außerdem die Möglichkeit, nach dem Testbetrieb einen ersten Streckenabschnitt entlang der A8 bis zum Karl-Preis-Platz zu bauen. Auch eine Anbindung der S-Bahn Taufkirchen an das Gewerbegebiet Brunnthal-Nord sei perspektivisch interessant, meinte Schreyer.

Die Ministerin betonte, dass es sich um ein ergänzendes System zum bestehenden ÖPNV handle. „Es ist keine Frage von entweder oder. Wir brauchen alle Verkehrsmittel“, so Schreyer. Ihr Ministerium stehe im engen Kontakt mit der Ottobahn und werde die Firma weiter unterstützen. „Wir haben finanzielle Spielräume, um da mitzugestalten“, stellte die Verkehrsministerin klar und fügte hinzu: „Wir testen in Taufkirchen für ganz Bayern.“ Nun sollen zunächst die Tests abgewartet werden, dann sehe man Schritt für Schritt weiter.

Wie sich eine Fahrt in der Ottobahn anfühlt, durfte die Ministerin selbst ausprobieren. Die Sitze sind luxuriös ausgestattet, auf einem großen Bildschirm können Streamingdienste oder Spielekonsolen genutzt werden, eine Soundanlage ist ebenso installiert, auf einem kleineren Bildschirm erhält der Fahrgast Informationen zum Ziel. Geschäftsführer Schindler denkt sogar noch weiter: „Wir wollen die Kabinen individualisieren. Man soll einsteigen und die Lieblingsmusik läuft bereits. Später wollen wir auch Zusatzservices integrieren. Dann stehen zum Beispiel schon die bestellten Supermarkt-Einkäufe in der Gondel bereit.“

Das alles klingt im ersten Moment nach viel Luxus, den sich nur die wenigstens leisten können. Doch ein Fehlschluss, wie Schindler erklärt: „Die Preise werden in das lokale ÖPNV-System eingebunden. Sie können dann zum Beispiel mit ihrem MVV-Ticket die Ottobahn nutzen.“ Möglich machen das sowohl die niedrigen Bau- und Installationskosten als auch die geringen Fixkosten. So werden keine Fahrer benötigt und der Wartungsaufwand für das patentierte Weichensystem sei auf ein Minimum reduziert. Der Bau von einem Kilometer der Ottobahn soll rund fünf Millionen Euro kosten. Ein Kilometer U-Bahn-Strecke ist im Vergleich zehn- bis 20-fach teurer.

Das Schienensystem verläuft entlang von Pfeilern, die in 200-Meter-Abständen angebracht werden, denkbar zum Beispiel auf Mittelstreifen der Straßen. Die autonomen Gondeln fahren innerorts mit rund 60 Stundenkilometern, können aber auch außerorts eine Geschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde erreichen. Damit besteht langfristig auch die Möglichkeit, Städte miteinander zu verbinden.

Die Bahn soll begrünt werden und sich nahtlos in das Städtebild einfügen. Darüber hinaus wird das System emissionsfrei und CO2-neutral sein. „Wir brauchen für den Betrieb zehn Mal weniger Energie als ein E-Auto“, erklärt Schindler. Denkbar wären 30.000 Fahrten pro Stunde. Die Anfragen, die der Münchner Firma aus aller Welt bereits vorliegen, belaufen sich zwischen 6000 und 10.000 Fahrten pro Stunde.

Mit der Nutzung von Schienen setzte die Firma auf ein seit vielen Jahren erprobtes und sicheres System. Die Software wisse zu jeder Zeit, wo sich welche Gondel befinde. Die Gondeln sind mit speziellen Sensoren ausgestattet, die beim Absenken der Kabinen Personen und Hindernisse erkennen. Für den operativen Betrieb sei bereits Kontakt zur MVG aufgenommen worden, die einer Zusammenarbeit offen gegenüberstehe.

Auf Kerstin Schreyer wartete nach dem Termin vor dem Gebäude zwar noch ihr Fahrer – womöglich reist die Ministerin aber in naher Zukunft zu solchen Terminen mit der vollautomatischen Ottobahn an.

Iris Janda

Weitere Nachrichten aus der Region finden Sie in unserer Übersicht.

Besuchen Sie HALLO auch auf Facebook.

Auch interessant

Kommentare