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Unterhachinger berichtet von seiner Erfahrung als Gastgeber für ukrainische Flüchtlinge

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Von: Iris Janda

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Die Ukrainer Irina und Yurij mit Emil Salzeder (vorne) aus Unterhaching.
Emil Salzeder (vorne) hat die Ukrainer Irina und Yurij bei sich in Unterhaching aufgenommen. © privat

Seit gut zwei Wochen lebt ein ukrainisches Ehepaar bei Emil Salzeder in Unterhaching. Vor allem Dank der Übersetzungshilfe seiner Nachbarn sowie Freunden klappt das Zusammenleben reibungslos.

„Kommen Sie bitte jetzt“ – hieß es für den Unterhachinger Emil Salzeder am 6. März. Er hatte sich bei einer Aktion zur Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine angemeldet und bekam kurzfristig von dem Verein Münchner Freiwillige das Ehepaar Yurij und Irina zugeteilt. „Es klappt so gut, dass ich es auf jeden Fall wieder machen würde“, zieht Salzeder nach gut zwei Wochen des Zusammenlebens ein erstes Fazit.

Die Sprachbarriere stellt dabei das geringste Problem dar, denn der Unterhachinger erhält Hilfe von seinen russischen Nachbarn, die er schon seit vielen Jahren kennt, sowie von einem russischen Freund, der per Telefon beim Übersetzen hilft. „Das sind meine Helden!“, sagt er begeistert. „Ihnen ist es unheimlich wichtig mitzuhelfen, um die Schande des Präsidenten zumindest ein wenig wieder gut zu machen“, erklärt Salzeder, der auch für die NEO-Fraktion im Unterhachinger Gemeinderat sitzt.

Erklärt werden müssen Dinge, die für uns ganz selbstverständlich sind: „An Tag eins haben wir den MVV gelernt“, erklärt Salzeder. Am nächsten Tag ging es dann zusammen in den Supermarkt und in ein Wirtshaus, um die bayerische Kulinarik kennenzulernen. Seit dem Einzug der Gäste ist der Kühlschrank-Inhalt im Hause Salzeder fleischlastiger geworden. „Mit Hackfleisch, Käse und Kartoffeln können Ukrainer alles kochen“, meint der Unterhachinger lachend.

Die Speisen erinnern ihn an Omas Küche. Seine Gemüsepfanne, die es zur Abwechslung gab, sei zunächst etwas misstrauisch beäugt worden, habe den Gästen dann aber doch geschmeckt. „Jetzt wechseln wir uns mit dem Kochen ab.“ Die Ausgaben für die Lebensmittel werden miteinander geteilt. „Meine ukrainischen Gäste bezahlen ihre Sachen selbst und wollen auch kein Geld haben“, so Salzeder.

Nicht nur im Kühlschrank, auch im Zimmer seines Sohnes, der unter der Woche in Leipzig lebt und an den Wochenenden öfter zu Besuch kommt, hat sich einiges geändert. Der Raum wurde extra für das Ehepaar wohnlich eingerichtet, auch ein eigenes Gästebad haben sie. „Das ist das Allerwichtigste, dass sie einen abgeschlossenen Bereich haben, in dem sie auch mal für sich sein können“, weiß Salzeder.

Die beiden 64-jährigen Ukrainer Yurij und Irina stammen aus Donbas, einem der am schwersten umkämpften Gebiete. Sie haben dort so lange ausgeharrt, bis Granaten neben ihrem Haus einschlugen. Weil Yurij nicht mehr wehrpflichtig ist, konnte sie beide zusammen ausreisen. Bei der Flucht half ihnen ein junger Mann, der selbst bereits aus Afghanistan geflohen ist. Sie hatten eine Stunde Zeit, um das nötigste ins Auto zu packen. Ihre Katze mussten sie leider zurücklassen. „Das mit der Katze ist schrecklich, da fließen immer Tränen, wenn es um sie geht“, sagt Salz­eder. Die Möbel und das Haus seien nicht so wichtig, aber die geliebte Haustier würde am meisten den Verlust widerspiegeln.

Um sich von dem Schmerz abzulenken, ist das Ehepaar viel unterwegs und übernimmt einige Aufgaben. Beim Gespräch mit dem Gastgeber sind sie gerade bei den Münchner Freiwilligen und helfen dort dabei mit, ukrainische Flüchtlinge mit Informationen in der Landessprache zu versorgen. Was sie über das MVV-System bereits gelernt haben, können sie so beispielsweise unkompliziert weitergeben. Ansonsten hilft der handwerklich begabte Yurij in der Nachbarschaft beim Reparieren von defekten Gegenständen.

Salzeder ist Psychologe und weiß, dass derzeit Ablenkung und in Bewegung bleiben das Wichtigste für die Geflüchteten ist. „Ansonsten hängen sie die ganze Zeit nur in WhatsApp und in Telegram.“ Seine Gäste seien traumatisiert, wenn etwas zu Boden fällt, würden sie zusammenzucken. Deshalb sollte auch nicht zusätzlich über den Krieg gesprochen werden. „Außer unsere Scherze über Putin“, meint Salzeder schmunzelnd. Dazu gehört auch ein Trinkspruch, der übersetzt in etwa „Verpiss dich, Putin!“ heiße.

Der Unterhachinger war selbst bereits zweimal zu Besuch in der Ukraine und hat ukrainische Bekannte. Er kennt die Kultur und weiß: „Die Ukrainer sind unheimlich fleißige Leute und wollen arbeiten.“ Deshalb hat er auch sofort einen Aufruf bei Facebook gestartet, auf den die SpVgg Unterhaching reagiert hat. Das Ehepaar kann dort Gärtnertätigkeiten übernehmen. Damit sie dort mit der Arbeit anfangen können und dabei auch krankenversichert sind, warten die beiden derzeit noch auf die Genehmigung vom Landratsamt.

Womöglich werden sie in den nächsten Wochen aber auch nach England weiterreisen. Dort lebt eine ihrer beiden Töchter. Bis dahin soll auf jeden Fall eine Familienzusammenführung in Deutschland klappt, denn ihre zweite Tochter konnte auch fliehen und ist in Mannheim untergekommen.

Dann wäre bei Salzeder wieder Platz für neue ukrainische Gäste. Obwohl auch bei ihm eine gewissen Unsicherheit mitgeschwungen hat, wer da wohl kommen mag, war ihm klar, dass er helfen musste. „Ich wollte bei diesen schrecklichen Krieg nicht nur als Zuschauer dabei stehen, und das Gefühl haben, nicht wehr- und machtlos zu sein“, erklärt er seinen Entschluss, Geflüchtete aufzunehmen. „Diese Erfahrung sehe ich als äußerst wertvoll an und bin dankbar dafür“.

Iris Janda

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