Handballerin springt zurück ins Leben 

Saskia wäre fast an kaum bekannter Krankheit gestorben

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Wieder da: Saskia Putzke konnte am Höhepunkt ihrer Krankheit nicht mehr gehen. Dieses Jahr hat sie mit der SG H2Ku Herrenberg den Klassenerhalt in der Zweiten Liga geschafft. Nächstes Jahr spielt sie für Metzingen fest in der Ersten Liga.

Taufkirchen/Ismaning - Handballerin Saskia Putzke aus Taufkirchen wäre fast an einer kaum bekannten Krankheit gestorben. Heute ist sie zurück auf dem Feld. Eine berührende Geschichte.

Bald sind es zwei Jahre. Im Mai begannen damals die Schlafstörungen. Eigentlich, sagt Saskia Putzke heute, „hab’ ich so gut wie gar nicht mehr geschlafen“. Wochen später lag sie schon im Klinikum Haar, angeblich psychisch krank. Es war Sommer, Saskia Putzke 18 Jahre alt und dem Tod bald näher als dem Leben. Es war der Kampf einer jungen Sportlerin mit dem eigenen Körper.

Alles läuft gut

 „Nächstes Talent packt seine Koffer: U17-Nationalspielerin Putzke wechselt nach Blomberg“ hatte der Lokalsport des Münchner Merkur zwei Jahre zuvor, im Juni 2011, getitelt. 600 Kilometer von ihrem Heimatort Taufkirchen sollte das hoffnungsvolle Talent des TSV Ismaning auf dem Handballinternat den letzten Schliff bekommen. Die Mutter hat früher in der deutschen Nationalmannschaft gespielt. Rückraum-Mitte, genau wie Saskia. „Man muss die Entscheidung der Familie akzeptieren“, sagte der Ismaninger Trainer damals. Die 16-Jährige zog in eine Handball-WG, ihr Traum war die Bundesliga. Es lief gut.

Im März 2013 unterschrieb Saskia Putzke tatsächlich einen Vertrag beim schwäbischen Erstligisten TuS Metzingen, parallel wollte sie in Tübingen Sportmanagement studieren. Ihr großes Ziel war nun greifbar.

Zwei Monate später hatte sie die ersten schlaflosen Nächte.

Der Ausbruch

Saskia Putzke steckte damals in der Abiturphase, sie spielte gleichzeitig für die A-Jugend und die beiden Damenmannschaften der HSG Blomberg-Lippe. Es war alles ein bisschen viel. Da kann der Körper schon mal spinnen, da denkt man ja nicht gleich ans Schlimmste. Doch die Beschwerden wurden stärker.

Immer öfter redete sie „wirres Zeug“, das haben ihr ihre Teamkolleginnen später erzählt. „Die haben gar nicht verstanden, was ich ihnen sagen wollte.“ Es wurde immer schlimmer. Sie ging zum Arzt, zu vielen Ärzten. Allgemeinmediziner, Sportpsychologen, eines Tages hatte sie einen Termin im Klinikum Haar. Die Diagnose fiel schnell: „Ich wurde als psychisch krank abgestempelt, die haben mich gar nicht mehr gehen lassen.“ Sie bekam sofort ein Zimmer.

In der Psychiatrie

Von da an wurde Saskia Putzke gegen eine Psychose behandelt, die sie nicht hatte. Sie bekam eine Menge Medikamente, über die sie überhaupt nichts wusste. „Das geben die einem halt. Man denkt ja, dass es gut für einen ist.“ Saskia Putzke ging es aber jeden Tag schlechter, auch körperlich. Sie kann sich heute nicht mehr an alles erinnern, was sie in den Wochen im Klinikum Haar erlebt hat. Die Krankheit und die Medikamente haben das meiste gelöscht, Bruchstücke blieben. „Ich weiß noch, dass ich da nicht drin sein wollte. Da waren echt verrückte Leute, mit denen ich in einen Topf geworfen wurde.“ Sie erinnert sich an einen Gemeinschaftsraum, an Mitpatienten die drei Mal versucht hatten, sich umzubringen. Sie erinnert sich an eine Frau, „die ist die ganze Zeit auf der Couch rumgehüpft“. Und sie erinnert sich an ein Trainingsgerät, das da stand, ein Ergometer. Am Anfang nutzte sie die viele Zeit, trainierte darauf. Bald ging das nicht mehr. Saskia Putzke dämmerte vor sich hin, jeden Tag, immer bis ihre Eltern zu Besuch kamen. „Ich habe eigentlich den ganzen Tag nur darauf gewartet.“

Irgendwann entschloss ein Arzt, Saskia Putzke neurologisch untersuchen zu lassen. Sie sollte drei Begriffe wiederholen, sie konnte es nicht. Sie konnte auch die Uhr nicht mehr lesen. Nun war auch den Ärzten klar: Es ist keine Psychose. Doch was ist es?

Fast verloren

 Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist eine Entzündung des Gehirns. Der Körper bildet Antikörper gegen einen Eiweißstoff, der bei der Signalübertragung im Gehirn eine wichtige Rolle spielt. Die Folgen sind Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Verwirrtheit, später Angst, bizarres Verhalten und Halluzinationen. Es gibt keine genauen Daten darüber, wie häufig diese Krankheit ist, sie ist erst seit 2007 bekannt. Auffällig ist, dass die meisten Erkrankten junge Frauen sind.

 Der Verdacht der Ärzte erhärtete sich. Auch Saskia Putzkes Eltern hatten recherchiert, waren überzeugt, dass es diese Krankheit ist, an der ihre Tochter leidet, wegen der sie langsam verschwand, geistig und körperlich. Die junge Frau, die über sich selbst mal gesagt hat „ich bin zwar klein, aber schnell“, konnte da nicht mal mehr gehen. Wenn ihre Eltern sie besuchten, starrte sie durch sie hindurch. Ihr wurde Nervenwasser entzogen, um den Verdacht auf Anti-NMDAR-Enzephalitis zu bestätigen. Zwei Wochen sollte es dauern, bis die Ergebnisse kommen. Zu lange. „Meine Eltern sagen, ich hätte es nicht mehr länger als zwei bis drei Tage geschafft.“ Saskia Putzke sagt „geschafft“ und meint „überlebt“.

Ihre Eltern drängten die Ärzte damals, die Behandlung einzuleiten. Sofort, ohne das Testergebnis. Die Ärzte taten es.

Es geht aufwärts

Als Saskia Putzke die erste von vielen Blutwäschen bekam, ging es ihr sofort etwas besser. Sie erholte sich langsam, aber sie erholte sich. Auch mit dem Sprechen wurde es wieder besser. Saskia Putzke ging in Reha. Vier Wochen in Bad Aibling, danach in Bogenhausen. Die Bewegungen kamen zurück, im Oktober begann sie mit ihrem Studium, sie spielte auch wieder Handball. Im Januar 2014 war tatsächlich wieder alles wie früher, die Krankheit war gegangen wie sie gekommen war. Was sie ausgelöst hat, weiß niemand. Oft ist es ein Gebärmuttertumor, bei Saskia Putzke fanden die Ärzte aber keinen. „Es ist schon beängstigend, wenn ich zurückdenke“, sagt sie. „Aber ich habe damit abgeschlossen.“ Natürlich kann sie einen Rückfall erleiden. Aber davor hat sie keine Angst, sagt sie. Sie hat nicht zugelassen, dass die Krankheit ihr Leben verändert, alles läuft wieder wie zuvor. Keine Auferstehung, „eher eine Rückkehr“.

Zurück auf dem Feld

 Saskia Putzke hat in dieser Saison ein Zweitspielrecht bei der SG H2Ku Herrenberg. „Wir haben als Zweitliga-Aufsteiger den Klassenerhalt geschafft.“ Nächste Saison spielt sie nur noch für Metzingen, nur noch erste Liga. Eine große Chance sei das, aber eben auch nicht einfach, sich in dieser Mannschaft durchzusetzen. Ob sie es schaffen kann? Saskia Putzke sagt: „Es wird sehr schwer.“

Sebastian Horsch

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