Streit um Asyl-Kurs

Der Bürgermeister, der der CSU die Leviten las: „Ich habe meine Worte nie bereut“

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Im Rathaus Hebertshausen ist wieder Ruhe eingekehrt. Nachdem CSU-Bürgermeister Richard Reischl seine Partei öffentlich kritisiert hatte, gab er wochenlang Interviews.

Vor genau einem Jahr las Richard Reischl, CSU-Bürgermeister der 6000-Einwohner-Gemeinde Hebertshausen im Landkreis Dachau, seiner Partei in einem Facebook-Post die Leviten. 

Er war unzufrieden mit dem scharfen Asyl-Kurs der CSU und schimpfte: „Wir behandeln manche Menschen wie Dreck.“ Medien aus ganz Deutschland berichteten über Reischls Kritik. Ein Jahr danach sitzt der 42-Jährige in seinem Büro, mit Blick auf die gerade angelegten Blühstreifen rund um das Rathaus, und spricht über die Folgen seines Brandbriefs.

Wann haben Sie das letzte Mal mit ihrem Parteichef Markus Söder gesprochen?

Vor ziemlich genau einem Jahr. Kurz nachdem ich den Brief auf Facebook veröffentlicht habe, ist er zur 115-Jahr-Feier unseres Katholischen Burschen- und Mädchenvereins gekommen. Und da war er auch schon gemäßigter in seiner Wortwahl, denn ich fand schon, dass er zu einem gewissen Zeitpunkt ein Treiber dieser scharfen Rhetorik war. An allem waren die Asylbewerber Schuld, das hat mich einfach massiv geärgert. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich gesagt habe, das muss jetzt raus.

90 Prozent Zuspruch, zehn Prozent Kritik

Haben Sie erwartet, dass der Brief solche Wellen schlägt?

Nein, ich war völlig überrascht. Ich bin schon lange auf Facebook aktiv und habe normalerweise einen Wirkungskreis von ungefähr 2600 Freunden, da wird ein Beitrag vielleicht zehn oder zwanzig mal weiterverbreitet. Dieser Beitrag ist tausend Mal geteilt worden und es gab 900 Kommentare dazu. Dazu kamen die Medienanfragen aus ganz Deutschland – und gut 3500 E-Mails.

Mehr Lob oder mehr Kritik?

90 Prozent Zuspruch, zehn Prozent Kritik. Die kam vor allem aus der Partei, insbesondere aus der Jungen Union von in ihrer Ehre verletzten Konservativen. Für die war ich ein Nestbeschmutzer, ein Verräter, ein Selbstprofilierer, der noch Karriere machen will. Aber jemand, der so einen Brief schreibt, macht sicher keine Karriere mehr in der Partei.

Sie haben es nicht bereut, so deutlich geworden zu sein?

Nein. Nach drei Wochen Dauerinterviews habe ich zwar gedacht, jetzt darf es langsam wieder weniger werden. Aber die vielen Rückmeldungen – auch aus meiner Gemeinde – haben mir gezeigt, dass das schon die Meinung war, die in der Bevölkerung vorgeherrscht hat. Heute würde ich trotzdem manches anders formulieren. Ich habe damals ja viele Themen angesprochen, von der Pflege über die Vereine bis zum Baurecht. Manche sind aber so komplex, dass man da der Landesregierung nicht unbedingt die Schuld geben kann.

Was hat sich seit Ihrem Brief getan?

Ich kann nur von außen urteilen. Aber ich stelle fest, dass die scharfe Rhetorik in der Partei gegenüber Asylbewerbern wieder gemäßigter ist. Seehofers Brief an Salvini, doch bitte das Rettungsschiff aus dem Mittelmeer anlegen zu lassen, hat mich total positiv überrascht. Ob dieser Wandel an meinem Brief lag, sei mal dahingestellt. Es war wohl eher die Erkenntnis, dass es mit den Umfragewerten noch weiter nach unten geht, wenn man so weiter macht.

„Das ist wie in einer Familie - ab und zu gibt‘s mal Streit“

Heißt das, Sie haben Ihren Frieden gefunden mit der CSU?

Ach, das ist wie in einer Familie. Ab und zu gibt’s mal Streit, aber dann zieht man auch nicht sofort aus und geht weg. Ich wollte die Familie kitten.

Nächstes Jahr steht die Kommunalwahl an. Hilft es da, als jemand gesehen zu werden, der auch mal aufbegehrt?

Das weiß ich erst danach. Klar, wer mich vergangenes Jahr als Nestbeschmutzer bezeichnet hat, der wird mich nicht mehr wählen. Ich gelte als sehr asylfreundlicher Bürgermeister und bin auch in manchen anderen Dingen vielleicht etwas CSU-untypisch. Aber gerade in der Region um München hat auch die christsoziale Wahlklientel ihre Interessen verändert. Da geht es nicht mehr nur um elementare Probleme wie Arbeitsplätze oder Daseinsvorsorge, sondern auf einmal auch um Arten- und Umweltschutz. Das muss die CSU verstehen, dass das nicht alles grüne Spinner sind.

Interview: Dominik Göttler

Lesen Sie auch bei Merkur.de*: Hebertshauser Bürgermeister zeigt Flagge - Klare Worte gegen rechte Hetze

Brandbrief eines CSU-Bürgermeisters: „Wir behandeln Menschen wie Dreck“

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