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Baumsterben auf Baustelle: Naturschützerinnen schlagen Alarm: „Investorin ignoriert Vorschriften“

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Von: Max Wochinger

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Die Schutzabstände zu den Bäumen habe die Bauherrin nicht eingehalten, klagen Naturschützer. Die Folge sind vertrocknete Bäume und beschädigte Wurzelbereiche.
Die Schutzabstände zu den Bäumen habe die Bauherrin nicht eingehalten, klagen Naturschützer. Die Folge sind vertrocknete Bäume und beschädigte Wurzelbereiche. © Max Wochinger

Eine Baustelle in Hohenbrunn sorgt für Ärger: Die Bauherrin ignoriert Auflagen zum Baumschutz. Sie hat nun gegen einen Bescheid der Kreisverwaltung geklagt.

Hohenbrunn – Es ist ein Filet-Grundstück. Ruhig, nahe der S-Bahnhaltestelle Wächterhof und im Grünen: die Luitpoldsiedlung in Hohenbrunn (Landkreis München). In dem Areal an der Luitpoldstraße mit den vielen, hochgewachsenen Eichen und Eschen sollen neue Wohnungen entstehen. Eine gute Sache eigentlich. Doch der natürliche Charakter der Siedlung ist in Gefahr: Die Investorin hat hier für den Aushub der Baugrube bereits ein Wäldchen verschwinden lassen, nun ist der Fortbestand weiterer Riesen bedroht. Ihr Zustand ist schlecht, sagen Aktivistinnen des Bund Naturschutz.

Naturschützerinnen kritisieren: „Die Schutzabstände zu den einzelnen Bäumen werden ignoriert“

Die restlichen Großbäume stehen teils nur wenige Meter von der Baugrube entfernt. Die ragt tief in das Erdreich. Hier entstehen vier Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 25 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen. Dazu sind 36 Tiefgaragenplätze vorgesehen.

Für dieses Grundstück gelten laut Bebauungsplan Ausnahmen, etwa für die Firsthöhe. Eigentlich ist eine Höhe von 9,8 Meter vorgesehen. Hier beträgt sie 12,8 Meter. Auch bei der Anzahl der Wohnungen je Gebäude war die Gemeinde großzügiger: Pro Einzelhaus sind in der Luitpoldsiedlung bis zu vier Wohnungen zulässig, hier sind es acht.

Dass die Bauherrin diese Privilegien genießt und nun Vorschriften zum Baumschutz missachte, ärgert die Naturschützerinnen Angela Burkhardt-Keller und Martina Kreder-Strugalla. „Die Schutzabstände zu den einzelnen Bäumen, die im Bebauungsplan vorgegeben sind, werden ignoriert“, sagt Burkhardt-Keller, Forstingenieurin und zertifizierte Baumkontrolleurin. Die Nähe zur Baugrube habe verheerende Auswirkungen auf die Bäume, so die Naturschützerin.

Baugrube gräbt den Bäumen das Wasser ab

„Die Bäume leiden massiv“, sagt auch Martina Kreder-Strugalla, Bund-Ortsbeauftragte in Hohenbrunn. Einzelne Bäume seien bereits vertrocknet und Wurzelbereiche „erheblich beschädigt“. Tatsächlich steht an der Baugrube eine abgestorbene Eiche, eine Esche lässt ihr Laub hängen. „Die Baugrube gräbt den Bäumen das Wasser ab“, erklärt Burkhardt-Keller.

Staubtrockener Boden: Eine Wasserleitung wurde gelegt, doch bewässert wurde hier schon länger nichts mehr.
Staubtrockener Boden: Eine Wasserleitung wurde gelegt, doch bewässert wurde hier schon länger nichts mehr. © Max Wochinger

Die Bauträgerin habe eine Pflicht zur Bewässerung der Bäume. Eine Wasserleitung wurde vor die Baugrube verlegt, der Boden ist aber auch an diesem Hitzetag staubtrocken. „Hier gab es schon längere Zeit keine Bewässerung“, sagen die Beiden. Die Baumschützerinnen haben den Eindruck, dass die Bauherrin nicht an einem „ernsthaften Schutz“ der Bäume interessiert sei. „Es ist ein absoluter Wahnsinn“, so Burkhardt-Keller. Der Vorwurf: Die Bauträgerin ignoriere mehrere Baumschutzauflagen und baue einfach weiter.

Ärger auf einer Baustelle in Hohenbrunn: Landratsamt greift ein

Die Aktivistinnen liegen richtig: Die Baustelle sei in den vergangenen Wochen „regelmäßig kontrolliert“ worden, teilt das Landratsamt mit. Dabei habe man Schutzbereiche wiederhergestellt, in die bereits eingegriffen wurde. Um den Schutz der Bäume sicherzustellen, habe die Kreisverwaltung „die erforderlichen Maßnahmen angeordnet“ und auch die sofortige Vollziehung eines Bescheids zum Baumschutz verfügt.

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Demnach seien weitere Schutzbereiche festgelegt worden, man habe auch „Maßnahmen verfügt, die bei Fertigstellung der Außenanlagen notwendig sind“. Nähere Details nennt die Kreisbehörde dazu nicht. Die Gemeinde in Hohenbrunn verweist auf das Landratsamt.

Bauherrin klagt gegen Bescheid

Die Bauherrin hat gegen den Bescheid des Landratsamts geklagt. Über die Rechtsmittel gegen die Anordnung wurde bislang noch nicht entschieden, teilt das Landratsamt mit. Nach Informationen des Bund Naturschutz handelt es sich bei der Bauträgerin um eine Investorin aus Niederbayern, sie habe demnach das Grundstück in Hohenbrunn geerbt.

Für die Errichtung der Gebäude musste die Investorin nicht auf eine Baugenehmigung warten: Weil das Bauvorhaben im Bereich eines „qualifizierten Bebauungsplans“ liegt, wurde es im Rahmen eines Freistellungsverfahrens zugelassen, so die Kreisverwaltung. Die Anwohner sind wegen der Großbaustelle in der Nachbarschaft teils verärgert.

„Tote Bäume können nicht einfach nachgepflanzt werden“

Die Naturschützerinnen sind nicht gegen den Bau, sagen sie; ihnen geht es um den Schutz der verbliebenen Bäume. Die Auflagen des Landratsamts müssen umgesetzt und kontrolliert werden, fordern sie. „Ein Großbaum braucht 400 Liter Wasser am Tag“, sagt Baumexpertin Angela Burkhardt-Keller. Vor allem bei Temperaturen wie in der vergangenen Woche bräuchten sie Bewässerung. „Tote Bäume können nicht einfach nachgepflanzt werden“, sagt Burkhardt-Keller. Denn ein Baum müsse 50 Jahre wachsen, bis er seine Funktionen voll erfüllen könne – etwa als Klimaschützer.

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