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„Die Dorfgemeinschaft war anfangs skeptisch“: Homosexuelle Paare erzählen von ihrer Liebe

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Von: Verena Möckl

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Seit 23 Jahren glücklich: Arno (l.) und Andy.
Seit 23 Jahren glücklich: Arno (l.) und Andy. © HB

Am heutigen Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie haben wir mit homosexuellen Pärchen aus dem Landkreis Dachau gesprochen: Über Liebe, ihr Leben und den Wandel in der Gesellschaft.

Sulzemoos - Arno und Andy sind seit mehr als 23 Jahren zusammen. Am internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie erzählen sie von ihrem Outing, ihren Ängsten und wie es ist, als schwules Pärchen in ein Dorf im Dachauer Hinterland zu ziehen.

Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie: Andy und Arno erzählen von ihrer Liebe

Als Arno mit seiner großen Liebe ins Gemeindegebiet Sulzemoos zieht, hat er anfangs Angst. Angst vor dummen Sprüchen, vor dummen Blicken. „Ich hatte Schiss, dass uns die anderen Dorfbewohner vergraulen“, sagt der 44-Jährige. In seiner Heimatstadt München erfährt er damals in der Öffentlichkeit Ablehnung, muss Anfeindungen aufgrund seiner Homosexualität über sich ergehen lassen. Arno ist schwul.

Die Innenminister der Länder haben bei ihrer Konferenz in Stuttgart im Dezember schärfere Maßnahmen gegen Homophobie gefordert.

Am heutigen internationalen Tag gegen Homo-, Bi- und Transphobie haben wir mit betroffenen Menschen gesprochen.
Am heutigen internationalen Tag gegen Homo-, Bi- und Transphobie haben wir mit betroffenen Menschen gesprochen. © Aidan Crawley

Homosexuelles Paar: Outing, die Liebe des Lebens

Mit 16 Jahren erzählt er es seiner Mutter. „Sie wollte es nicht wahrhaben“, erzählt er. Als er 21 Jahre alt ist, outet er sich dann offiziell. „Mein Vater hat eine Woche nicht mehr mit mir gesprochen.“ Das Verhältnis zu seinem Vater wird für ihn nicht mehr, wie es mal war. Vorerst.

Dann trifft er die Liebe seines Lebens: Andy. Nachdem Arno und Andy ein Paar sind, outet sich auch Andy. Auch das Verhältnis zu seiner Familie wird problematisch. Auch Andys Vater distanziert sich von seinem Sohn. „Er hat gesagt, ich soll wegziehen“, erzählt Andy Viehbeck heute.

Die beiden ziehen zusammen. „Wir haben eineinhalb Jahre auf 34 Quadratmeter in München gelebt“, sagt Arno. Seit 23 Jahren sind sie schon ein Paar, seit 16 Jahren in einer Lebenspartnerschaft und seit vier Jahren verheiratet. Arno nimmt den Nachnamen an. Die beiden sind eines von 77 gleichgeschlechtlichen Paaren, die im Landkreis Dachau geheiratet haben.

Dorfbewohner skeptisch gegenüber schwulem Pärchen

Im Gemeindegebiet Sulzemoos bauen sie 2003 ihr Haus. Mittlerweile fühlen sich die beiden in der Gemeinde wohl. Doch das war nicht immer so. „Die Dorfgemeinschaft war anfangs skeptisch“, erinnert sich Arno.

Oft erwarten die Leute, dass es bei einem schwulen Pärchen einen Mann und eine Frau in der Beziehung gibt.

Arno

Aufeinandertreffen mit dem Burschenverein und der Feuerwehr umgeht er erst mal. „Ich habe mich am Anfang unwohl gefühlt“, erzählt er heute. „Oft erwarten die Leute, dass es bei einem schwulen Pärchen einen Mann und eine Frau in der Beziehung gibt.“

Doch die Dorfbewohner merken schnell: Dieses Klischee bedienen Arno und Andy nicht. „Die Leute waren beeindruckt, dass wir beim Hausbau anpackten“, erinnert er sich. Die Dorfbewohner hätten nicht damit gerechnet, dass zwei schwule Männer Bagger fahren und Presslufthämmer benutzen. „Die Leute haben gesehen, dass wir ganz ,normale’ Männer sind“, sagt Arno.

„Viele haben die Denke, dass homosexuelle Männer Paradiesvögel sind. Aber das stimmt nicht“

„Viele haben die Denke, dass homosexuelle Männer Paradiesvögel sind. Aber das stimmt nicht“, betont Andy. Die Gesellschaft müsse von diesem Schubladendenken abrücken. Deswegen finden er und sein Mann den internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie so wichtig. „Vor allem Transsexuelle und Transgender müssen noch in unserer Gesellschaft angenommen werden.“

Für die Generation der 20-Jährigen ist Homosexualität ganz normal.

Andy

Wie die Gesellschaft zu Homosexualität steht

Für die Rechte von Homosexuellen sei schon viel getan worden. Zumindest auf dem Papier. Vielen Menschen fällt es auch heutzutage schwer, gegenüber homosexuellen Paaren offen zu sein. Andy und Arno wollen daher ihren genauen Wohnort nicht in der Zeitung lesen.

Doch vieles ist besser im Vergleich zu früher. „Für die Generation der 20-Jährigen ist Homosexualität ganz normal“, so Andy. Oder auch für Kinder. Als das Paar in der Gemeinde Sulzemoos landet, treffen sie auf die damals vierjährige Nachbarstochter. „Sie hat uns gesehen und zu ihrer Freundin gesagt: Die haben keine Frauen, die sind nämlich schwul“, so Andy.

Das Problem seien oft die Eltern der Kinder. Schon öfter wurden er und sein Mann mit Pädophilen verglichen. „Es ist verletzend von Menschen abgestempelt zu werden, die einen gar nicht kennen“, sagt Andy. Für das homosexuelle Paar waren das prägende Erlebnisse. So prägend, dass Andy zunächst keine Kinder adoptieren will. „Ich habe befürchtet, dass das Kind angefeindet wird“, erklärt er.

Adoption für homosexuelle Paare: „Das war undenkbar in Deutschland, außer man hatte ’nen dicken Geldbeutel“

Außerdem sei es vor der Änderung des Adoptionsrechts 2018 sehr schwierig gewesen für homosexuelle Paare, Kinder zu adoptieren, erklärt Andy. „Das war undenkbar in Deutschland, außer man hatte ’nen dicken Geldbeutel.“ Nun sei für Adoption die Zeit abgelaufen.

Arno und Andy haben sich heute damit arrangiert, dass es mit ihrem Kinderwunsch nicht geklappt hat. In der Nachbarschaft gibt es viele Kinder. Auch haben sie eine große Familie, die hinter den beiden steht. „Meine Oma mit ihren über 80 Jahren hat meine Homosexualität ganz locker genommen“, erzählt Andy. Die Rede auf der Hochzeit von Andy und Arno hat übrigens stolz Arnos Vater gehalten.

Lesbisches Paar: Angie und Dorothea sprechen über Diskriminierung von Homosexuellen

Bereits seit 35 Jahren zusammen: Angie und Dorothea Braun.
Bereits seit 35 Jahren zusammen: Angie und Dorothea Braun. © privat

Angie und Dorothea Braun: Angi (63) und die Dorothea (54 ) kommen aus Dachau und leben im Landkreis.

„Wir sind bereits seit August 1986 zusammen und haben einen Sohn (35). Als es gesetzlich möglich war, eine eingetragene Lebenspartnerschaft zu begründen, haben wir das am 17. Dezember 2004 getan.

Leider war Bayern das einzige Bundesland, das das Bundesgesetz anders umsetzte. Wir durften unsere Lebenspartnerschaft in Bayern nicht vor einem Standesbeamten bezeugen, sondern mussten sie bei einer Notarin begründen, ohne Zeremonie oder persönlichen Worten, ohne Trauzeugen.

Uns wurde der Notarvertrag vorgelesen in monotonem Notar-Singsang, wie wenn man eine Immobile erwirbt. Das war sehr diskriminierend.

Als am 1. Oktober 2017 das Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts in Kraft tritt, haben wir am 24. November 2017 unsere Lebenspartnerschaft vor dem Standesamt in eine Ehe umwandeln lassen und quasi ein zweites Mal geheiratet. Diesmal aber mit Zeremonie, einer ganz tollen Ansprache der Standesbeamtin, mit Trauzeugen und vielen bunt gekleideten Hochzeitsgästen.“

Lesbisches Paar: Tina und Barbara

Die Regenbogenfamilie: Tina und Barbara sowie ihre beiden Kinder.
Die Regenbogenfamilie: Tina und Barbara sowie ihre beiden Kinder. © privat

Tina und Barbara sind seit neun Jahren zusammen und haben zwei gemeinsame Kinder. Die Regenbogenfamilie ist in Indersdorf zu Hause.

Lesbische Liebe: Manuela und Laura

Happy zu dritt: Manuela (r.) und Laura Sudhoff mit ihrer Tochter Leni.
Happy zu dritt: Manuela (r.) und Laura Sudhoff mit ihrer Tochter Leni. © ostermair

Manuela und Laura: Die 39-jährige Arztpraxis-Managerin Manuela und die 33-jährige Heilerziehungspflegerin Laura sind mit Töchterchen Leni eine glückliche Familie. Das lesbische Paar hat sich vor zwölf Jahren beim Damenfußball in Röhrmoos kennen- und liebengelernt. Sie leben gemeinsam im Landkreis Dachau und haben sich am 10. Oktober 2020 das Ja-Wort gegeben. „Zu einer richtigen Familie wurden wir im Dezember 2020, als die kleine Leni das Licht der Welt erblickte und uns seither auf Trab hält.“

Schwules Paar: Markus und Martin

Sind glücklich seit fünf Jahren: Markus (l.) mit seinem Freund Martin und Hündin. 
Sind glücklich seit fünf Jahren: Markus (l.) mit seinem Freund Martin und Hündin. © Privat

Markus und Martin: Markus (50) ist Pianist und lebt im Landkreis Dachau. Er und sein Partner Martin (54) sind seit fünf Jahren zusammen.

Markus erzählt: „Martin lebt in Ingolstadt, und wenn ich nicht gerade für Konzerte unterwegs bin, lieben wir das Landleben rund um Altomünster. Martin hat aus einer früheren Beziehung zwei Töchter, und so leben wir wie eine echte Patchwork-Familie – das war für mich vor ein paar Jahren undenkbar. Aber das Leben ist und bleibt spannend! Mir ist es ein Anliegen, nachdem ich meine eigenen Scheren aus dem Kopf weitgehend beseitigt habe, andere Menschen dazu zu inspirieren.“

Lesbisches Pärchen: Caro und Laura

Das lesbische Paar Laura und Caro aus dem Landkreis Dachau.
Das lesbische Paar Laura und Caro aus dem Landkreis Dachau. © privat

Die beiden erzählen: „Wir sind Caro (32J) und Laura (29J), wohnen im Landkreis Dachau und sind seit anderthalb Jahren verheiratet. Kennengelernt haben wir uns ganz klassisch übers Internet, unser erstes Date war 2018 auf dem Wintertollwood und seitdem sind wir unzertrennlich…“

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