1. tz
  2. München
  3. Region

„Keine zwei Menschen sterben gleich“: Wenn der Tod zum Arbeitsalltag wird

Erstellt:

Von: Josef Ametsbichler

Kommentare

„Man wird unglaublich demütig im Angesicht von Sterben, Trauer und Tod“, sagt Alexander Daxenberger (30), Co-Leiter der Caritas-Hospizinsel im Glonner Marienheim. Dort werden Menschen in ihrer letzten Lebensphase betreut.
„Man wird unglaublich demütig im Angesicht von Sterben, Trauer und Tod“, sagt Alexander Daxenberger (30), Co-Leiter der Caritas-Hospizinsel im Glonner Marienheim. Dort werden Menschen in ihrer letzten Lebensphase betreut. © sro

Alexander Daxenberger (30) begleitet in der Hospizinsel Glonn Kranke in den Tod. Das verändert den Blick aufs Leben und erfordert Gefühl und Pragmatismus. Ein Interview.

Glonn – In der Wohnzimmervitrine der Hospizinsel Glonn liegt neben einer Sanduhr ein von weißen Lilien flankierter Totenkopf. Die Sinnsprüche an der Wand lauten: „Memento mori“ (Bedenke, dass Du sterblich bis) und „Tempus fugit“ (Die Zeit verrinnt). In einer Einrichtung, die Menschen beim Sterben begleitet, klingt das erst morbid – bis man den Chef trifft. Im Interview erzählt Co-Leiter Alexander Daxenberger (30), wie es ist, wenn der Tod den Alltag bestimmt.

Herr Daxenberger, wie hilft eine Hospizinsel den Patienten?

Daxenberger: Wir tun alles, was unseren Gästen – wir nennen sie nicht Patienten oder Bewohner – Lebensqualität und Autonomie gewährleistet. Es gilt zum Beispiel: Nein ist ein ganzer Satz.

Wie meinen Sie das?

Daxenberger: Die Menschen, die zu uns kommen, sind sich vollkommen bewusst, dass sie am Ende ihres Lebens sind. Sie sind hier Gast auf eine gewisse Zeit. Das sind Menschen, die schon Nein gesagt haben: Nein, ich möchte keine Chemotherapie mehr. Nein, ich möchte nicht mehr reanimiert werden. Bis hierhin und nicht weiter: Ich möchte nicht mehr. Vielleicht, weil sie unter den Therapien leiden, vielleicht weil sich die Hoffnung geändert hat – von der Hoffnung auf Heilung zu der Hoffnung darauf, nicht mehr leiden zu müssen. Und am Ende die Hoffnung auf einen guten Tod.

Ein guter Tod hat mehrere Komponenten

Was ist ein guter Tod?

Daxenberger: Fachlich gesprochen: ein symptomarmer Tod, der gut verlebt wird. Auf die Art und Weise, wie es sich der jeweilige Mensch wünscht. Nicht unter drückenden Symptomen wie Atemnot und starken Schmerzen. Das ist sozusagen das Mechanische, wo wir mit Medikamenten und Zuwendung gut arbeiten können. Palliativpflege kommt von Pallium, lateinisch Mantel. Wir machen genau das – ummanteln. Und nehmen wie ein Schneider jeden Tag neu Maß.

Was bedeutet das praktisch?

Daxenberger: Kein Mensch ist jeden Tag gleich. Auf diesen Mantel, das Pallium, nähen wir immer wieder etwas Neues hin oder zwicken etwas weg. Symptomkontrolle, Unterstützung der Angehörigen, Organisation der ärztlichen Versorgung, Notfallpläne erstellen – diesen Mantel halten wir hin. Tragen muss ihn der Gast.

Sie haben von der medizinischen Komponente eines guten Todes gesprochen. Wie sieht es mit der sozialen aus?

Daxenberger: Vielleicht ist es schon das Wissen, nicht allein zu sein. Und dass man bis zum Schluss Autonomie und vor allen Dingen Respekt und Würde erfährt. Wie gesagt: Ein Nein bleibt ein Nein und ein Ja bleibt ein Ja. Ein Mensch, der uns sagt, er möchte nichts mehr essen, obwohl er noch könnte. Oder der Medikamente verweigert. Oder der auf dem Zimmer rauchen will. Das ist ein Ausdruck von Autonomie – der Mensch entscheidet sich für oder gegen etwas. Ein Mensch im Sterben und im Tod ist genauso Mensch. Respekt ist eine der wichtigsten Säulen im Hospiz.

„Wir können ein Zuhause nicht ersetzen“

Wie gut können Sie Menschen überhaupt helfen, wenn sie bei Ihnen, also außerhalb ihres gewohnten Umfelds sterben?

Daxenberger: Das familiäre Umfeld ist natürlich das Entscheidende, was uns durchs Leben begleitet. Und jetzt kommt man hier rein, in eine Institution sozusagen. Wir haben eine ruhige Station mit sechs Betten und einem guten Pflegeschlüssel. Wir können ein Zuhause nicht ersetzen. Aber wir haben beispielsweise die Möglichkeit, dass Angehörige hier übernachten können. Sie werden eingebunden und wir kümmern uns um sie.

Heißt Autonomie auch, letzte Wünsche erfüllt zu bekommen?

Daxenberger: Wir arbeiten viel mit dem Wünsche-Wagen des Arbeiter-Samariter-Bunds zusammen. Noch mal im Tierpark die Giraffen anschauen, noch mal auf ein Bayernspiel – das wird von hier aus organisiert. Es gibt Dinge, die am Lebensende eine neue Wertigkeit besitzen. Das beginnt beim Ausschlafen über ein langes Bad bis dahin, dass mir das auf dem Speiseplan nicht schmeckt. Dann laufen wir und machen eine Pizza. Wir haben hier schon Kuchen gemacht – und Leberkäs.

Schicksalsschläge, die einen treffen

Sie sind ständig mit Schicksalsschlägen konfrontiert.

Daxenberger: Das Arbeiten bringt Angehörige, Gäste und uns selbst immer wieder an unsere Grenzen. Wir haben hier Menschen, die von Erkrankungen geschlagen sind – Krebs, chronische Schmerzen, neurologische Symptome, also auch starke Wesensveränderungen. Und dann hast du manchmal einen Gleichaltrigen vor dir im Bett liegen, der nicht mal die nächsten zwei, drei Wochen überleben wird. Ich weigere mich, Menschenleben in Zahlen wie dem Alter miteinander aufzuwiegen. Trotzdem trifft dich das, wenn jemand gerade erst anfangen wollte zu studieren. Dann denkst du dir: Der hätte vielleicht noch Dinge vor sich, die andere schon verlebt haben.

Wie viel von Ihrer Arbeit nehmen Sie mit heim?

Daxenberger: Wenig. Die Abgrenzung gelingt gut. Unser Team ist stabil und verlässlich. Das ist das A und O. Wir haben psychosoziale und seelsorgerische Unterstützung und nehmen aufeinander Rücksicht. Ein wichtiger Faktor ist die Berufskleidung. Wenn ich weiß angezogen bin, kann ich professionell auf meine Gäste und meine Kollegen zugehen. Und wenn ich die weiße Kleidung ablege, dann weiß ich, dass der Arbeitstag für mich beendet ist.

Hintergrund: Das ist die Hospizinsel in Glonn

Das Konzept der Hospizinsel ist relativ neu. Seit dem Frühjahr gibt es das stationäre Angebot der Caritas im Landkreis Ebersberg, angedockt ans Glonner Marienheim. Es handelt sich um eine Wohngruppe für schwerstkranke, palliativ zu versorgende erwachsene Menschen an deren Lebensende. Wenn diese nicht in ihrem bisherigen Zuhause, nicht im Krankenhaus und auch nicht in einem Pflegeheim versorgt werden, „bietet die Hospizinsel einen Platz zum Leben bis zuletzt“, heißt es in einer Eigenbeschreibung. Derzeit erstreckt sich das Angebot auf sechs Einzelzimmer, die mit eigenen Möbeln eingerichtet werden können.

Die hospizlich-palliative Versorgung übernimmt ein interdisziplinär geschultes Team, geleitet von Zaklina Naumoska (Palliativfachkraft und Leitende Pflegefachkraft) und Alexander Daxenberger (Palliativfachkraft und Trauerbegleiter). Die medizinische Versorgung der Hospizgäste erfolgt primär durch den jeweiligen Hausarzt, aber auch durch Fachärzte und das Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) Oberhaching/Ebersberg. Dazu kommen seelsorgerische Angebote und soziale Begleitung, etwa durch Ehrenamtliche des Christophorus-Hospizvereins Ebersberg. Es gibt therapeutische Maßnahmen wie etwa Kunst-, Musik- oder Atemtherapie sowie Angebote, die sich speziell an die Angehörigen richten. Kontakt: Tel. (0 80 93) 90 90 67.

Arbeiten mit dem Tod: Deshalb macht er diesen Job

Der tägliche Umgang mit dem Tod als Beruf: Haben Sie sich das ausgesucht?

Daxenberger: Das war ein Weg vom Saulus zum Paulus. Am Anfang meiner Pflegeausbildung habe ich auf den Plan geschaut und gesehen: drei Monate Palliativstation in der Kreisklinik Ebersberg. Fuck. Tote Leute waschen, gar keine Lust. Ich war gute 19 und wollte in die chirurgische Ambulanz, Kettensägenmassaker quasi, wo ich meinen Pfleger stehen kann. Aber Menschen am Lebensende begleiten, ein bisserl auf Mitleid machen und dann wieder gehen … Na ja, und dann bin ich auf die Station gekommen.

Was war die Erkenntnis?

Daxenberger: Diese Ganzheitlichkeit, die Annahme der Menschen in dieser Lebenssituation. Da werden Bücher zugeklappt, Geschichten zu Ende erzählt, es bleiben Blätter frei … Diese radikale Orientierung am Menschen, das Eingehen auf individuelle Bedürfnisse – das hat mir eine Tür geöffnet. In dieser Aufgabe bin ich aufgegangen. Man wird unglaublich demütig im Angesicht von Sterben, Trauer und Tod. Unsere Welt ist sehr von Hightech und Rationalität geprägt. Ja, die Medizin kann viel heilen und lindern. Und doch bleibt am Ende diese große Komponente Tod, egal, wie sehr man sich anstrengt. Das hat eine gewisse Mystik.

Das große Geheimnis: Was kommt danach?

Wie gehen Sie damit um, dass Ihnen – wie uns allen – ein ganz essenzielles Wissen fehlt: Was wirklich nach dem Tod kommt. Was sagen Sie, wenn Ihre Gäste Sie danach fragen?

Daxenberger: Ich kontere mit einer Gegenfrage: Was wünschen Sie sich denn? Wie soll es weitergehen, oder soll es überhaupt weitergehen? Viele Menschen äußern dann weniger eine konkrete Nachwelt-Vorstellung, sondern die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Mit den Eltern, mit den Kindern, mit einem Haustier. Dann sage ich dem Gast: Das wünsche ich Ihnen auch, dass es so kommt, wie Sie möchten. Ganz konkret erinnere ich mich an eine alte Frau, die ich gefragt habe, ob sie Angst vor dem Tod hat. Sie lag im Sterben – und hat nur zu mir gesagt: „Nein, mein Vater ist schon drüben, der zeigt mir, wo es hingeht.“ Woraus dieses Drüben bestand, haben wir gar nicht ausdiskutieren brauchen.

Das heißt, die Konfession ist nicht entscheidend?

Daxenberger: Wir versorgen nicht nur Menschen mit christlichem Hintergrund, sondern Buddhisten, Juden, Muslime, Konfessionslose, Atheisten, Suchende … Alle mögliche Couleur von Menschen. Die Spiritualität sollte maßgeschneidert sein, da sind wir wieder beim Mantel, dem Pallium. Das geht über christliche bis hin zu naturreligiösen Angeboten. Sterbe- und Trauerbegleitung ist von meiner Seite aus absolut ressourcenorientiert: Was hilft und angenommen wird, picke ich mir raus.

Was am Ende wichtig ist: An diesen Dingen halten Sterbende fest

Ihre Gäste dürfen ihre Zimmer selbst einrichten. Welche Dinge sind am Lebensende wichtig?

Daxenberger: Oft Dinge aus der Vergangenheit. Das Stofftier aus der Kindheit, das Bild von der Uroma – überhaupt Bilder. Aber auch Stoffliches wie Blumen oder momentan ein Christbaum. Das sind Ankerpunkte. Manche bringen ein Gebetsbuch oder die Bibel, andere ein paar Steine oder Kastanien zum Festhalten. Ich erinnere mich an einen Kriegsteilnehmer, 98 Jahre alt. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt – der war auch im Krieg und ist dort gefallen. Aber aus dem aufgelösten Grab des Vaters hatte unser Gast einen Knochen in einer Schatulle. „Den stecken Sie mir bitte in die Hosentasche“, hat er mich gebeten. Seinen unbekannten Vater wollte er auf seinem letzten Weg unbedingt dabeihaben.

Welche Rolle spielt Humor beim Sterben?

Daxenberger: Er ist im Hospizbereich erstaunlich ausgeprägt. Ich sage immer, von den drei Säulen unserer Arbeit ist er die vierte. Man meint gar nicht, was am Ende des Lebens bei den Gästen so alles hoch kommt, aber auch bei den Angehörigen. Manchmal ist es schlicht die Groteske der Situation. Wie bei einem Lungenkranken, der unter seiner Sauerstoffmaske geraucht hat und sich sichtlich gewundert hat, weshalb seine Zigarette nur zwei Züge hält. Wir hatten mehr Angst, dass er gleich Feuer fängt. Aber wie er dann so um sich geschaut hat, mussten alle lachen – er eingeschlossen.

Zeigt sich das Leben eines Menschen in seinem Tod?

Daxenberger: Bei einem Mitte-80-Jährigen, drahtig, zach, der sein Leben lang Tennis gespielt hat und die Berge hoch gerannt ist, waren die Angehörigen ganz entsetzt: Der Mann hat das Bett zerlegt, sich hin und her gedreht, wollte aufstehen … Der Mann war sein Leben lang aktiv und hat sich eben nicht hingelegt und gewartet, bis alles vorbei ist. Der verlebt den Tod – verbrennt das letzte Feuer. Und dann war da eine Urgroßmutter mit einem unglaublichen Stamm an Nachkommen. Die haben sich an ihrem Bett abgewechselt, damit sie nicht alleine ist. Zwei Wochen lang, bis die Kräfte der Angehörigen geschwunden sind. Und als der Neffe einmal kurz raus auf eine Zigarette ist, ist sie gestorben. Das war eine Frau, die ihr Leben lang gebraucht wurde und sich verantwortlich gefühlt hat. Die fünf Minuten, die sie vollkommen alleine war, hat sie sich ausgesucht, um loszulassen. Keine zwei Menschen sterben gleich. Aber oft so, wie sie gelebt haben. Unterschiedlicher geht’s gar nicht.

Noch mehr Nachrichten aus der Region Ebersberg lesen Sie hier. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Ebersberg-Newsletter

Auch interessant

Kommentare