Alper Sekreter (27) ist seit einem Unfall im Freibad querschnittsgelähmt

„Ich bin wie ein Auto, das nicht angeht“

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Einer seiner Lieblingsplätze: Alper Sekreter, 22, fährt mit seinem elektrischen Rollstuhl gerne zum Schloss Nymphenburg, manchmal trifft er sich dort auch mit Freunden.

Alper Sekreter ist 17, als er ein neues Leben beginnen muss. Im Freibad von Haar hat er 2013 einen bösenUnfall, seitdem ist er querschnittsgelähmt. Seine Träume geben ihm trotzdem Hoffnung, Tag für Tag. Die Geschichte eines jungen Münchners, der – im wahrsten Sinne – in sein Schicksal gerutscht ist.

München/Haar– Es gibt Tage, die nichts, rein gar nichts Gutes an sich haben. Katastrophentage, Schicksalstage. So wie der 18. Juni 2013, ein Dienstag in Oberbayern.

Es ist brütend heiß. „Alle wollten ins Freibad“, erzählt Alper Sekreter. Er auch, 17 Jahre ist er damals alt. Mit seiner damaligen Freundin verabredet er sich fürs Freibad in Haar, Landkreis München, Freibadstraße 1. Der Tag hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. „Auf dem Weg dorthin wurde ich dreimal fast von einem Lkw überfahren“, erzählt er, während er in der Kantine unserer Zeitung in seinem elektrischen Rollstuhl sitzt und seinen Pfefferminztee mit einem Strohhalm trinkt. Er hat zu wenig Gefühl in den Fingern, um die Tasse zu halten. „In der Blumenau“, wo er damals wohnte, „wurde ich fast überfahren, sagt er, „außerdem in Pasing und ganz zum Schluss in Haar.“

Es war schlicht: Pech, saublödes Pech

Alper Sekreter, 22, glaubt an Zeichen und Vorahnungen. Er sagt: „Der Tag war schon geplant.“ Vorgeplant. Die Hitze, die Lkw, es braute sich was zusammen, so sieht er das heute. Irgendwann, es ist schon Abend, geht er zur Wellenrutsche. Kleine Kinder stehen an, die Rutsche sieht harmlos und wahrscheinlich ist sie es auch. Der Bürgermeister von Haar wird später fassungslos sagen: „Wir sind als Kinder auch in jeder Position die Rutsche runter.“ Experten werden die Rutsche später untersuchen, die Polizei wird ermitteln, aber einen technischen Defekt oder Fremdverschulden wird niemand feststellen. Es war schlicht: Pech, saublödes Pech.

Bis ich eine Zwiebel geschnitten habe, ist der Papst Moslem.
Alper Sekreter über Kochabende in der Wohngruppe

Alper Sekreter, ein junger Münchner mit türkischen Wurzeln, rutscht los, es ist ist gegen 18.45 Uhr. Er weicht zwei Kindern aus, so hat er es in Erinnerung. Er hat den Kopf vorne, er liegt auf dem Bauch, er spürt das Wasser, dann den Aufprall. Kopf gegen Beckenboden. Alper Sekreter bricht sich einen Halswirbel. Er ist unter Wasser. Er kann sich nicht bewegen. „Gott, Gott, bitte lass mich nicht sterben“, denkt er. So erzählt er es heute. „Ich dachte in dem Moment, ich sterbe mit 17 im Wasser“, sagt er. Und er sagt: „Ich wusste sofort, dass ich querschnittsgelähmt bin.“

Die Wellenrutsche im Freibad von Haar: Hier verletzte sich Alper Sekreter im Juni 2013 schwer.

Noch heute weiß er, was ihm damals durch den Kopf schießt. Sekunde für Sekunde weiß er es. Er atmet Wasser ein und aus. „Fische machen das so“, denkt er, „also mach ich das jetzt auch so.“ Irgendwann hält seine Freundin seinen Kopf über Wasser, Badegäste kommen zu Hilfe. Er ist bei Bewusstsein. Er sagt: „Ich spüre meine Arme und Beine nicht.“ Dann fliegen sie ihn mit dem Rettungshubschrauber ins Schwabinger Krankenhaus.

Drei Jahre verbringt er in Krankenhäusern und in der Reha, immer wieder operieren sie ihn. Zeitweise wird er nach einem Luftröhrenschnitt künstlich beatmet.

Diese paar Sekunden im Sommer 2013 haben sein Leben auf den Kopf gestellt. Aus einem unbeschwerten jungen Mann, der Autos und Partys liebt, wird ein Pflegefall. Heute lebt Alper Sekreter in einer Wohngruppe der Pfennigparade in München-Laim, demnächst zieht er in eine eigene, behindertengerechte Wohnung in Aubing. „Ich bin pflegeaufwendig“, sagt er, „ich bin fast zwei Meter groß und 100 Kilo schwer.“ Er spürt seine Beine nicht. Er kann sich nicht alleine anziehen und er ist auf seinen Rollstuhl angewiesen. Manchmal kochen sie zusammen in der Wohngruppe, aber auch das ist schwierig. „Bis ich eine Zwiebel geschnitten habe, ist der Papst Moslem.“

Er kann inzwischen über seine Behinderung lachen

Sekreter kann inzwischen über seine Behinderung lachen, das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da hat er gehadert, geweint und geschrien. Sein Leben ist eine Tragödie, aber irgendwann hat er sich dafür entschieden, lieber auf Humor als auf Trauer zu setzen. „Ich bin wie ein Auto, das nicht angeht“, sagt er. „So was wie ein Frankenstein-System. Mein Körper braucht Starthilfe, damit er sich bewegt.“ Seine Finger sind wie lahmgelegt. Er kann sein Smartphone bedienen, aber es ist unendlich mühsam. „Ich habe ja Gefühl in den Fingern“, sagt er, „ich kann sie nur nicht richtig bewegen. Ich habe die Bewegung an sich nicht vergessen – aber ich brauche mehr Therapie, damit mein Gehirn wieder rappelt.“ Gehen kann er gar nicht mehr. „Querschnittlähmung“, sagt er, „das würde ich meinem Erzfeind nicht wünschen.“

Ich werde es schaffen. Ich werde wieder gehen. Ich habe Hoffnung, so oder so.

Alper Sekreter über seine Querschnittslähmung

Er muss aufpassen, dass er sich nicht wund liegt. Er darf nicht zu lange im Rollstuhl sitzen, damit er keine Druckstellen bekommt. Sein Leben ist eine tägliche Gratwanderung. Trotzdem ist er gesellig. Manchmal trifft er sich mit Freunden an der Schlossmauer im Nymphenburger Park, das ist einer seiner Lieblingsorte in München.

Sekreter geht auf die bayerische Landesschule für Körperbehinderte, er hat gerade erst eine Praktikum für Bürokommunikation in einem Sanitätshaus gemacht. „Ein Job bei BMW, das wär’s“, sagt er. Träume, sie sind es, die ihm Hoffnung geben. Er sagt: „Ich würde irgendwann gerne Schwimmen, aber ich weiß nicht wo.“ Und er sagt: „Mein großes Ziel ist die USA und die SEMA-Autoshow in Las Vegas.“ Dort werden jedes Jahr die neuesten Trends der Branche vorgestellt. „Wenn eine hübsche Frau neben einem Auto steht“, sagt er, „dann würde ich das Auto anschauen.“ Seine Lieblingsmarken sind: Porsche und BMW, „VW ist auch gut“.

Er würde am liebsten den Führerschein machen und mit einem speziell auf ihn abgestimmten Auto durch die Gegend fahren. Das ist sein großer, großer Traum. Er hat das mal ausgerechnet. 4000 Euro kostet der Führerschein, denkt er, mindestens 10 000 Euro das Auto. Das sind Summen, die für ihn außer jeder Reichweite sind. „Seit Jahren sehe ich nur München“, sagt er. „Ich würde in die Berge fahren oder aufs Land, nach Augsburg oder nach Stuttgart. Oder mal in den Urlaub nach Portugal.“ Hauptsache was Anderes, was Neues. „Mit einem Auto wäre ich unabhängig“, sagt er. „Ich will wieder am Leben teilnehmen, die letzten vier Jahre habe ich nichts unternommen.“

„Ich habe Hoffnung so oder so“

Die Ärzte machen ihm wenig Hoffnung, dass er irgendwann wieder gehen kann. Seine Nervenleitungen im Rückenmark sind seit dem Unfall schwer beschädigt. Aber er sagt: „Ich werde es schaffen. Ich werde wieder gehen. Ich habe Hoffnung so oder so – bis ich sterbe.“

Er ist ein sympathischer Dickkopf, der seine Sorgen, wenn es zu schlimm wird, weglächelt. „Ich war seit meinem Unfall nicht mehr zu Hause“, sagt er. „Mein Rolli ist zwei Zentimeter zu breit.“ Sein Vater ist gestorben, als er noch klein war. Seine Mutter wohnt noch immer in der Blumenau in München – aber er kommt nicht in ihre Wohnung. „Wir treffen uns vor der Türe. Wenn es zu kalt ist, treffen wir uns in der Garage. Ich würde auch im Schnee auf sie warten, Hauptsache, ich sehe sie. Mama ist Mama.“

Sein Lebensmotto hat er sich vor einiger Zeit unter die Haut stechen lassen. „Never give up“ steht auf einem Tattoo, gib niemals auf. Auf einem anderen steht: „stay strong“, bleib stark. Was Anderes bleibt ihm nicht übrig, seit diesem einen Sommertag im Juni 2013.

Hilfe für Alper Sekreter

Alper Sekreter lebt in einer Wohngruppe der Pfennigparade in München. Demnächst zieht er in eine eigene, behindertengerechte Wohnung. Wer ihn unterstützen will, kann spenden.

Spendenkonto der Pfennigparade
HypoVereinsbank
München BIC HYVEDEMMXXX IBAN DE53 7002 0270 3180 000142
Verwendungszweck: Hilfe für Alper

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