"Ich trage die Wundmale Christi"

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Johannes Hellmer in der Küche seines Hauses in Pöcking. Immer zu Ostern brechen seine Wundmale auf

München - Aus Johannes Hellmers Händflächen und Fußrücken quillt jedes Jahr vor dem Osterfest unaufhörlich Blut. Er ist das, was Experten Stigmatisierte nennen. Wir haben ihn besucht.

Es ist jedes Jahr kurz vorm Osterfest. Dann beginnen die Hände und die Füße von Johannes Hellmer (39) wie wahnsinnig zu schmerzen. „Es fühlt sich an, als würden Nägel durchgeschlagen“, erzählt der bärtige Mann. Später, meist mitten in der Nacht, geschieht das Unglaubliche: Blut quillt aus den Händflächen, aus den Fußrücken. Unaufhörlich. „Ich trage die Wundmale unseres Herrn Jesus Christus“, ist der ehemalige Bäcker überzeugt.

Johannes Hellmer: Ein Stigmatisierter zeigt seine Wunden

Johannes Hellmer: Ein Stigmatisierter zeigt seine Wunden

Johannes Hellmer ist das, was Mediziner und Psychologen einen Stigmatisisierten nennen. Seit mehr als 20 Jahren lebt er zurückgezogen in Pöcking bei Starnberg. Sein Leben – fast alles darin dreht sich nur um eins: Glauben. Er sei ein „Heiler“, sagt Hellmer über sich. So manch anderer nennt ihn aber einen „Scharlatan“. Es ist wie immer eine Frage des Glaubens …

Ein Mensch ist überzeugt davon, die Wunden Jesu zu tragen. Viele denken hierbei sofort an Resl von Konnersreuth, an die Magd, die gar mit blutenden Augen den Schmerz des Gekreuzigten mitfühlen musste – davon sind ihre Anhänger überzeugt.

Auch Johannes Hellmer zeigt seine Wunden: Langsam nimmt er die Verbände ab, es sind kreisrunde, mit Blut verkrustete Male zu sehen. „Seit 18 Jahren sind sie nicht mehr verheilt“, sagt er. Nachprüfen kann das natürlich niemand. Und dennoch: Diverse Ärzte haben die Wunden schon begutachtet und festgestellt, dass er sich die Wunden nicht selbst zufügt. Jedenfalls nicht bewusst.

Glauben will ihm das kaum jemand. „Sogar in der Apotheke schauen sie mich immer komisch an, also schicke ich lieber meine Frau, wenn ich Verbände brauche.“ Überhaupt verlässt der Oberbayer sein Haus nur selten. Immer zu bluten, daran kann man sich nicht gewöhnen, sagt er. Hellmer würde „gerne ein stinknormales Leben führen“. Um zwei Uhr aufstehen, und die Morgendämmerung in der Backstube erleben. Wie als Teenager, als er eine Lehre zum Bäcker machte und sich danach zum Konditor ausbilden ließ.

Aber dann ging es los: Hellmer war gerade 18 und begann damit, auf ein eigenes Café hinzuarbeiten. Dann bekam er plötzlich starke Schmerzen, es folgten heftige Fieberschübe. 1992 träumte er zum ersten Mal von der Stigmatisation: „Eine Stimme sagte: ,Ich werde Dich kreuzigen und prüfen wie Metall im Schmelzofen.“

Kurz vor Ostern 1993 bekam er – wie er sagt– an Händen und Füßen rote Flecken. Dann erschien ihm eines Morgens eine „lichte Gestalt“. Seine Hände und Füße glühten wie Feuer, „ich stieß einen Schmerzensschrei aus und fiel um“. Als er wieder zu sich kam, sah er, wie „das Blut aus Händen und Füßen schoss“. Seine Mutter rief den Notarzt.

Seit diesem Ostertag vor 18 Jahren blutet Hellmer, wie er behauptet. Mit seiner normalen beruflichen Existenz war natürlich Schluss. „Meine Mutter war schwer erschüttert, dass es mit dem eigenen Café nichts wird, weil ich nicht mehr arbeiten konnte“, erzählt er. Zunächst jobbte er noch in einem Lebensmittelgeschäft an der Kasse. Doch bald bluteten seine Wunden immer freitags so stark, dass er auch dies nicht mehr machen konnte.

Nach einer „Odyssee zu Ärzten, Psychologen und Psychiatern“ wandte er sich spirituellen Dingen zu, führte dann sogar angeblich „Gespräche mit Jesus“, wie er es nennt. Aber mit der Kirche hadert er. „Die Kirchenoberen sagen, ich soll dankbar sein für mein Schicksal“, schimpft der 39-Jährige. „Dabei ist dies alles auch ein Fluch!“

Es sei ihm auferlegt, die zwei Seiten der Stigmatisation zu ertragen: Die gute, die ihn heilen lasse, Engel sehen lasse und mit Verstorbenen sprechen lasse. Und die dunkle Seite, die der „dämonischen Qualen“: „Böse Geister packen mich an der Gurgel, werfen mich an die Wand.“ Johannes Hellmer blickt bei diesen Worten zu Boden, er glaubt, was er sagt.

Als Bub interessierte er sich nicht besonders für Religion, obwohl er gläubig erzogen wurde. Eigentlich wollte er, wie alle Kinder auch, nur Ball spielen und auf Bäumen herumklettern. Aber schon damals war alles anders, passierten ihm seltsame Dinge. Dinge, die ihm heute noch Angst machten: „Ich sah Kerzen sich von selbst entzündeten. Verstorbene, Engel und Dämonen wandelten durch mein Kinderzimmer.“

Susanne Sasse

Stichwort: Stigmatisierte

Stigmatisation (von altgriechisch: stigma = Stich, Zeichen, Brandmal) bezeichnet das Auftreten der Wundmale Christi am Körper eines lebenden Menschen. Die Wundmale werden als Stigmata, Menschen, bei denen Stigmatisation auftritt, als Stigmatisierte bezeichnet. Die meisten Mediziner wie auch Theologen gehen von einer überwiegend natürlichen, psychogenen Ursache der Stigmatisation aus. Psychosomatische Phänomene wie Autosuggestion, Ideoplastie oder Hysterie verbunden mit einer starken Frömmigkeit könnten ebenso wie bewusste oder unbewusste Manipulation die Ursache für eine Stigmatisation sein. Heißt: Betroffene fügen sich die Male zwar nicht selbst zu, ihre Psyche bewirkt diese aber.

Quelle: Wikipedia

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