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Immer mehr Kirchenaustritte - „Viele sagen: Jetzt langt’s“

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Von: Felicitas Bogner

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Im Landkreis treten immer mehr Menschen aus der Kirche aus. Dieser Trend lässt sich seit Jahren beobachten. Seit der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens sind die Austrittszahlen nochmals signifikant angestiegen.
Im Landkreis treten immer mehr Menschen aus der Kirche aus. Dieser Trend lässt sich seit Jahren beobachten. Seit der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens sind die Austrittszahlen nochmals signifikant angestiegen. Symbolbild_dpa Austrittszahlen steigen von Jahr zu Jahr zu „Wahnsinnig traurig“ über Austrittswelle © Ingo Wagner

Der Trend zeigt eine eindeutige Richtung: Die Kirche schrumpft. Seit der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens 2022 sind die Austrittszahlen im Jahresvergleich im Landkreis nochmals signifikant gestiegen. Die Dekane blicken besorgt auf die Statistik.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ein Skandal jagte den nächsten. Die katholische Kirche ist mit schwerwiegenden Missbrauchsvorwürfen und zahlreichen Reformwünschen konfrontiert. Seit der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens im Januar 2022 haben noch mehr Menschen als in den Vorjahren mit der Kirche abgeschlossen. In manchen Kommunen im Landkreis – beispielsweise Icking – haben sich die Austrittszahlen fast verdoppelt – von 34 in 2021 auf 66 im vergangenen Jahr.

Oft sind die Missbrauchsvorwürfe der Grund für den Austritt

Den Trend belegen auch die Statistiken der Standesämter im Landkreis. Obwohl man für einen Kirchenaustritt keinerlei Gründe angeben muss, bekommen die Mitarbeiter in der Verwaltung dennoch mit, dass 2022 sehr oft die sexuellen Übergriffe innerhalb der Kirche ausschlaggebend waren.

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„So viele Austritte hatten wir noch nie“, sagt Petra Konrad, Standesbeamtin der Stadt Wolfratshausen. In den vergangenen Jahren seien in der Stadt durchschnittlich 150 Menschen aus der Kirche ausgetreten. „2021 waren es dann schon extrem viele, und 2022 war der totale Ausreißer“ (siehe Tabelle). Wenn jemand von sich aus Gründe für diesen Schritt nenne, gehe es um die Skandale innerhalb der Kirche oder um finanzielle Aspekte. Ab der Veröffentlichung des Gutachtens sei es zu einer Austrittswelle gekommen. „An manchen Tagen konnten wir kaum etwas anderes tun“, sagt Konrad.

Auch in Kochel am See waren die Austrittszahlen 2022 „extrem“

„Die Austritte nehmen von Jahr zu Jahr zu“, stellt auch Nicole Lutterer, Geschäftsleiterin der Gemeinde Kochel am See, fest. Aber: „2022 war extrem. Einige nannten Kostengründe, aber viele natürlich auch die Missbrauchsfälle“, berichtet Lutterer. „Viele sagen ganz klar: Jetzt langt’s“.

Die Kirchenaustritte haben deutlich zugenommen.
Die Kirchenaustritte haben deutlich zugenommen. © Quelle: Standesämter

In Kochel am See und Schlehdorf seien vor allem Katholiken aus der Kirche ausgetreten. Das trifft auch auf andere Standesämter zu. In Reichersbeuern, Sachsenkam und Greiling beispielsweise haben 2022 insgesamt 99 Personen ihren Austritt aus der Kirche erklärt. „Davon waren 20 evangelisch und 79 katholisch“, sagt Michaela Hering von der Verwaltungsgemeinschaft Reichersbeuern. „Es leben im Landkreis aber auch wesentlich mehr Katholiken“, so Lutterer.

Menschen differenzieren oft nicht zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche

Dass aufgrund von Skandalen in der katholischen Kirche auch Protestanten aus der Kirche austreten, ist laut dem evangelischen Dekan Heinrich Soffel kein neues Phänomen. „Bei negativen Schlagzeilen differenzieren die Menschen oft nicht zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche“, sagt er. Es sei allerdings auch andersherum zu beobachten, dass bei einem Skandal in der evangelischen Kirche Katholiken mit Austritten reagieren. Allerdings geht Soffel davon aus, dass viele Austritte auch mit der Inflation und den gestiegenen Energiekosten zu tun haben. „Ganz sicher spielt die finanzielle Not mit rein.“

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Menschen sind engagiert, auch ohne Kirchenmitglied zu sein

Überdies bemerke er, dass viele ihre Kirchenzugehörigkeit nicht mehr über die Mitgliedschaft und die Kirchensteuer definieren. „Bei uns sind viele Menschen aktiv und engagiert, die kein Kirchenmitglied sind.“ Überrascht ist Soffel von den hohen Austrittszahlen nicht. „Wir bekommen jeden Austritt gemeldet. Es hat sich über das Jahr hinweg angedeutet.“ Trotzdem: „Das tut schon sehr weh.“

Spricht man den katholischen Dekan und Dietramszeller Pfarrer Thomas Neuberger auf die Statistik an, zeigt er sich niedergeschlagen. „Die Debatten über all die Probleme innerhalb der Kirche laufen seit Jahren. Es war klar, dass das zurückkommt.“ Erfährt er, dass jemand aufgrund der Missbrauchsfälle austritt, kann Neuberger das verstehen. Er selbst ärgere sich oft über den Umgang mit der Aufarbeitung. „Zum Beispiel wird häufig kirchenintern dabei das Wort Fehlverhalten aufgeführt. Das widerstrebt mir total. Es waren keine Fehlverhalten, sondern schreckliche Straftaten.“ Für den Dekan jedoch ist die Kirche mehr als die Menschen, die diese Taten begangen haben. „Ich kann meinen Glauben nicht ausleben, ohne Teil der Glaubensgemeinschaft zu sein.“

Pfarrer wünscht sich mehr Gespräche mit den Menschen, die der Kirche den Rücken kehren

Er würde sich wünschen, mehr Gespräche mit Menschen führen zu können, die der Kirche den Rücken gekehrt habe. „Im Pfarrverband Dietramszell bekommt jeder, der austritt, einen Brief von mir mit der Einladung zum Gespräch.“ Allerdings nehme kaum jemand das Angebot an. Trotzdem stehe die Tür zur Kirche jedem offen, ein Wiedereintritt sei immer möglich. „Das passiert in Dietramszell ein- bis zweimal jährlich.“

Mit Blick auf die Reformwünsche meint er, dass die Kirche „vielleicht“ verpasst habe, allen Menschen klar zu signalisieren, dass sie willkommen sind. „Zumindest sehe ich das so und werde das in meiner Arbeit so auch weiter handhaben. Dass sich viele in der Kirche nicht willkommen fühlen, das ist ein gigantischer Verlust.“ Überrascht ist Neuberger von der Austrittswelle nicht. „Es macht mich aber wahnsinnig traurig.“

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