1. tz
  2. München
  3. Region

Sperrstunde und Corona-Lockdown: Nachtgastronomie leidet besonders unter der Pandemie

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Klaus-Maria Mehr

Kommentare

Ein Mann im Karohemand schaut ernst in die Kamera, auf seinem Gesicht spiegelt sich Diskolicht.
Allein im Club: Wann Benjamin Schmitz seine „Höllgasse“ wieder aufsperren darf, weiß er nicht. © privat

Seit 24. November sind Clubs wieder zu. Lockdown zur Pandemie-Bekämpfung. Die Betreiber erleben enorme Umsatzeinbußen. Auch die Sperrstunde ist ein Problem. 

Landkreis – Ein finanzielles Desaster nennt es Benjamin Schmitz, einer der beiden Eigentümer der Murnauer „Höllgasse“. Erst Anfang Oktober hat er die Türen seiner Diskothek wieder öffnen dürfen, in langer Vorlaufzeit DJs gebucht, Hygienekonzepte entwickelt, extra Personal zur 2G- und 2G-plus-Kontrolle angestellt, massenhaft Getränke eingekauft, die auch verderben können, wenn sie zu lange lagern. Und jetzt? Ist wieder alles dicht – seit 24. November bereits. Die vierte Corona-Welle forderte von dem Nachtgastronomen wieder ihren Tribut.

Club in Murnau: Gerade lief das Geschäft wieder an - dann der nächste Lockdown

Dabei begann Schmitz’ Club gerade wieder zu laufen. Die öffentlichen Tanzabende, die Rockabende für ein Zielpublikum 40 plus „eher schleppend.“ Bei den privaten Veranstaltungen – mit bis zu 150 Personen – und Techno-Partys zeigte sich aber: Die jungen Leute drängte es nach eineinhalb Jahren Feier-Abstinenz in Scharen zurück auf die Tanzflächen. Zwar habe es bei den Zugangskontrollen die eine oder andere Diskussion um die Testpflicht gegeben. Grobe Verstöße gegen die Auflagen habe er aber nicht erlebt – und auch nicht zugelassen. „Als Gastronom bist du süchtig nach dem Gästekontakt, nach diesem Stress“, beschreibt Schmitz. „Gerade an Weihnachten gibt es nichts Schöneres, als Menschen zu bewirten und glücklich machen zu können.“

Viel mehr als die um 70 Prozent rückläufigen Einnahmen schmerzt den gelernten Koch, dass er seine Mitarbeiter in Kurzarbeit hat schicken müssen. Und es treibt ihn die Unsicherheit um, wie es weitergeht. Hätte er auch sein Lokal „Zum Murnauer“ schließen müssen, könnte er zumindest staatliche Hilfen beantragen. So sei die Situation fast noch schlimmer. Man fahre einen kompletten Wirtschaftszweig „an die Wand“. Auch wenn sich Schmitz ausdrücklich für die Notwendigkeit der Maßnahmen in der Nachtgastronomie ausspricht. Die Politik vergesse die vielen Mitarbeiter hinter den Clubbesitzern.

(Unser GAP-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.)

Ein Versuch: Peaches in Garmisch-Partenkirchen sperrt über Weihnachtsfeiertage auf

Miriam Messerschmitt, Inhaberin des „Peaches“ und des „Musikcafé“ in Garmisch-Partenkirchen, leidet ebenfalls unter dem erneuten Lockdown für ihre Branche. Lediglich „Miri‘s Hütte“ hat sie – mit einer Auswahl aus warmen und kalten Cocktails, Glühwein und einzelnen Speisen – täglich geöffnet. „Da ergibt sich ein herber Umsatzverlust“, betont sie. Den Betrieb im Peaches hätte Messerschmitt, weil sie dort Speisen anbietet, eigentlich weiterlaufen lassen dürfen. Doch da macht ihr die neue Sperrstunden-Regelung von 22 bis 5 Uhr morgens einen Strich durch die Rechnung. Da sich das Hauptgeschäft aber zu späterer Stunde abspielt, „hat das keinen Sinn“.

Das Porträtbild zeigt eine Frau, die in die Kamera lächelt.
Leidet unter dem erneuten Lockdown: Miriam Messerschmitt, Inhaberin des „Peaches“ und des „Musikcafé“ in Garmisch-Partenkirchen. © Thomas Sehr

Nun wagt sie aber einen Versuch: Über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel sperrt sie das Peaches auf. Nur Heiligabend bleibt zwischen 23. Dezember und 6. Januar zu. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung war die Öffnung des Classic-Skigebiets am vergangenen Donnerstag. Messerschmitt hofft auf etwas Geschäft durch Ski-Tagesgäste.

Auch die Lockerung der Sperrstunde für Silvester begrüßt sie: „Es ist schön, dass sich die Leute wieder bei uns im Freundeskreis treffen können und nicht wie vergangenes Jahr zum Jahreswechsel zuhause sitzen müssen.“

Polizei: Keine Hinweise auf großes Partys im Privaten

Apropos zuhause: Dass sich angesichts geschlossener Clubs die Partys ins Private verlagern, darauf hat die Polizei keine Hinweise. Die zuständigen Stellen in Garmisch-Partenkirchen sowie übergeordnet in Rosenheim haben in den vergangenen Wochen keine Meldungen aus der Bevölkerung über nächtliche Feierlichkeiten im größeren Stil in der Nachbarschaft erhalten. „Es gab natürlich Gerüchte über Ansteckungspartys“, sagt Stefan Sonntag vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd und spielt auf die sogenannten Leberkas-Partys in den Landkreisen Miesbach und Bad Tölz an, wo sich Menschen bewusst mit infizierten Personen getroffen haben sollen, um sich anzustecken und nicht impfen lassen zu müssen. „Aber konkrete Einsätze hatten wir nicht.“

Hausärztin: Impfung als gesellschaftlich-soziale und wirtschaftliche Verantwortung

Dr. Kristina Ott, Koordinatorin der Hausärzte in der Pandemie in Garmisch-Partenkirchen, sieht in jener fehlender Bereitschaft, sich den Piks geben zu lassen, den Grund, warum die Clubs auf absehbare Zeit noch geschlossen sein werden. „In Diskotheken kann der Abstand nicht gewahrt bleiben. Masken zu tragen, ist auch unmöglich. Dazu sind Clubs meist geschlossene Räume ohne Fenster.“ Das mache sie zu einem Ort „mit großem Unsicherheitsfaktor“.

Auch wenn nur Geimpfte und Genesene nach zusätzlichem Test Zutritt hätten, könnten sie sich beim Feiern in der Menschentraube anstecken und das Virus daheim, etwa an ungeimpfte Familienmitglieder weitergeben. Dieses Risiko minimieren könne laut Ott nur eines: eine höhere Impfquote – als die aktuell nicht ganz 67 Prozent im Landkreis. Eines ist der Medizinerin bewusst: „Die Nachtgastronomen sind die Leidtragenden davon, dass sich ein Drittel der Bevölkerung nicht impfen lassen will.“ Die Impfung sieht sie als gesellschaftlich-soziale wie auch wirtschaftliche Verantwortung.

Katharina Brumbauer

Auch interessant

Kommentare