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„Es war eine echte Zitterpartie“ – Hannes kommt als letztes Baby in Schongauer Krankenhaus zur Welt

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Von: Barbara Schlotterer-Fuchs

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Hebamme und Eltern nach Geburt
Einen Schnappschuss mit dem letzten Schongau-Baby gab es direkt im Anschluss an die Geburt: Über den kleinen Hannes freuen sich Papa Christoph Meinersen, Mama Marina und Hebamme Daniela Schregle. © privat

Der kleine Hannes dürfte vorerst das letzte Baby sein, das in einem Kreißsaal in Weilheim-Schongau geboren wurde. Kurz vor der Schließung der Geburtshilfe hat er eine Punktlandung hingelegt.

Landkreis – Seelig liegt er da und verschläft seinen ersten Fototermin auf dieser Welt: Es ist das letzte Foto, das Baby-Fotografin Melanie Kreb im Schongauer Krankenhaus schießen wird. Hannes, geboren um 15.52 Uhr, 52 Zentimeter groß, 3260 Gramm schwer: Er ist das vorläufig letzte Baby, das im Landkreis Weilheim-Schongau auf einer Geburtenstation das Licht der Welt erblickt hat. Rund acht Stunden später schließt um Mitternacht mit der Geburtshilfe Schongau der letzte Kreißsaal im Kreis seine Türen.

Stimmung im Krankenhaus ist gedrückt: Baby Hannes ist vorerst letzte Geburt

Draußen regnet es in Strömen, die gedrückte Stimmung auf der Geburtenstation passt zum Wetter. Viele Tränen sind dort geflossen. Bei frisch gebackenen Eltern aus Freude über das neue Leben in ihren Armen. In den vergangenen Wochen zunehmend aber auch bei den Hebammen, die erst seit fünf Wochen wissen, dass jetzt endgültig Schluss ist.

Storch vor dem Schongauer Krankenhaus.
Gleich zwei Hannes haben am vergangenen Sonntag im Schongauer Krankenhaus den Kreißsaal zugesperrt – so verkündet es der Storch am Eingang. © Hans-Helmut Herold

Bei all’ dem Glück über ihr zweites Kind Hannes sind auch Mama Marina und Papa Christoph Meinersen schwer bedrückt. Auch wenn es hätte knapp werden können mit einer Wunsch-Geburt im Kreißsaal in Schongau, so hat es das Pollinger Paar in Kauf genommen, dass eine kurzfristige Verlegung in eine andere Geburtsklinik durchaus hätte in Frage kommen können. „Es war spannend, ob Hannes noch in Schongau auf die Welt kommen kann, aber zum Glück ging es dann doch noch schneller“, erzählt Mama Marina. „Es war eine echte Zitterpartie.“ Von Tag zu Tag hätten sie angespannt gewartet, ob es noch für Schongau reicht. „Es war Stress ohne Ende“, ergänzt ihr Mann Christoph.

„Man fühlt sich hier nicht wie in einem Krankenhaus“: Eltern glücklich über Geburt in Schongau

Drei Tage über dem errechneten Geburtstermin hätte es für sie keine echte Alternative zu Schongau gegeben. „Es ist Wahnsinn, diese Empathie, dieses Zusammenspiel von Hebammen, Ärzten und Pflegeteam hier“, sagt sie. „Das gibt’s woanders nicht, dass man so herzlich und fürsorglich versorgt wird“, ergänzt sie. „Man fühlt sich hier nicht wie in einem Krankenhaus.“

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Die beiden wissen, von was sie sprechen. Schließlich haben sie auch ihren ersten Sohn Jonas (2) in Schongau bekommen. Nach 40 Stunden Geburt: da kennt man dann doch schon so einige aus dem Team. Hinzu kommt, dass Schongau von Polling aus gut zu erreichen ist. In gerade mal 30 Minuten sei man im Kreißsaal. „Unter Wehen reicht mir das dann schon aus“, so Marina Meinersen. „Die neuen Hebammen werden die Rettungswagen sein“, ist sich ihr Mann Christoph sicher.

Baby mit Bruder
Jonas (2) nimmt seinen kleinen Bruder Hannes in Empfang. Es ist das letzte Baby-Foto, das Baby-Fotografin Melanie Kreb im Stillzimmer der Geburtenstation in Schongau aufnimmt. © Babyfotografie: Melanie Kreb

Dass die Geburtshilfe Schongau offiziell „vorübergehend stillgelegt“ werden muss – so formuliert es die Krankenhaus GmbH: Darüber sind die beiden Pollinger entsetzt. Die Geburt ihres kleinen Hannes sehen sie deshalb mit einem lachenden, „aber noch mehr mit einem weinenden Auge“. Dass ein solches Team gesprengt, eine solche Vorzeige-Station geschlossen würde: „Das tut uns echt in der Seele weh, wir finden keine Worte“, so Christoph Meinersen. Schon bei der Anmeldung im Kreißsaal hätten sie noch gewitzelt und gesagt, „wir sperren zu“. Dass der kleine Hannes wirklich der Letzte im Schongauer Kreißsaal ist – eine traurige Fügung. „Ein echtes Armutszeugnis für den Landkreis“, sagt Marina Meinersen, lobt die Professionalität und Herzlichkeit im Kreißsaal bis zum letzten Tag.

„Wir sind unendlich traurig“: Hebamme in Krankenhaus kommen die Tränen

Hebamme Daniela Schregle kommen noch am Tag nach ihrem letzten Dienst im Schongauer Kreißsaal die Tränen. Das soll es jetzt gewesen sein? „Keiner von unserem Team hätte je damit gerechnet, dass man in unserem Landkreis mit 140 000 Einwohnern nicht mal mehr Kinder kriegen kann“, spricht sie auch für ihre Kolleginnen. „Wir sind unendlich traurig, auch wenn ich meinen letzten Dienst mit zwei tollen Geburten beendet und den Kreißsaal mit gutem Karma zugemacht habe“, so Schregle.

Das Hebammen-Team hätte die Jahre hinweg durch gute und schlechte Zeiten gegangen ist und sich blind aufeinander verlassen konnte.“ So ein Team werde es nie mehr geben, ist sich Schregle sicher. „Wir hatten immer gedacht, wir werden alt miteinander.“

Geburtshilfe in familiärer Atmosphäre: Gleich zwei kleine Hannes sperren den Kreißsaal zu

Den Verlust für den Landkreis hält Hebamme Schregle für enorm. „Es gibt eh schon zu wenig Hebammen.“ Den Frauen würde mit der Schließung der Landkreis-Geburtshilfe die Option genommen, in familiärer Atmosphäre zu entbinden, „ein Kind in einer liebevollen Umgebung zu bekommen, wo man weiß: Hebamme und Frau werden sich auch noch Jahre danach aneinander erinnern. Das hat’s bei uns so besonders gemacht.“ Ein denkwürdiger Tag für den Landkreis – und das nicht nur, weil zufällig gleich zwei kleine Hannes die Kreißsaaltür in Schongau für immer geschlossen haben.

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