Politischer Eklat um Auslieferung

Dieser Mann mordete in Wolfratshausen

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Wolfratshausen - Der kroatische Geheimdienst soll vor 30 Jahren den Befehl zum Mord an einem Regimekritiker gegeben haben. Die Agenten schlugen in Wolfratshausen zu. Die Tat belastet noch heute die Beziehungen zu Kroatien. Denn die Hintermänner stehen unter staatlichem Schutz.

Es ist ein ungewöhnlicher Fahndungsaufruf, den das Bundeskriminalamt am Mittwoch ins Internet stellte: Statt eines Phantombildes gibt es zwei gestochen scharfe Fotos des Gesuchten und die Ermittler kennen nicht nur seinen Namen, sondern sogar drei mögliche Adressen, wo sich Josip Perkovic aufhalten könnte. 12.000 Euro Belohnung gibt es für Hinweise, die zu seiner Festnahme führen. Klingt nach einer einfachen Angelegenheit.

Doch Josip Perkovic, 68, kann sich trotzdem sicher fühlen. Sein Heimatland Kroatien schützt ihn. Perkovic war Mitarbeiter des Staatssicherheits- und Geheimdienstes und führte einen Schattenkrieg gegen Kritiker des jugoslawischen Regimes im Ausland. Zu diesen Kritkern gehörte auch Stjepan Durekovic, der 1982 nach München geflohen war.

Doch seinen Verfolgern entkommt Durekovic auch in Bayern nicht. Als er am 28. Juli 1983 die Druckerei seines vermeintlichen Freundes Krunoslav P. in Wolfratshausen betritt, warten seine Mörder schon auf ihn. Die Druckerei war in einer umgebauten Garage im Hinterhof der Sauerlacher Straße 1 untergebracht. Durekovic treffen sechs Schüsse, außerdem wird sein Schädel mit einem Beil eingeschlagen. Es ist einer von insgesamt 22 Morden an Regimekritikern in Deutschland zwischen 1970 und 1989, die dem Geheimdienst zugeschrieben werden.

Erst 25 Jahre nach dem tödlichen Anschlag gegen Durekovic wird 2008 Krunoslav P. wegen des Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Richter des Oberlandesgerichts München (OLG) sind überzeugt, dass er dem Killerkommando den Schlüssel zur Druckerei überließ und verriet, wann Durekovic kommen würde. P. gibt zwar zu, für den Geheimdienst gearbeitet zu haben, will mit dem Mord aber nichts zu tun gehabt haben. Das OLG stellte in seinem Urteil fest, dass Perkovic mit der Organisation des Mordes beauftragt worden war, um zu vertuschen, dass der Sohn des damaligen kroatischen Ministerpräsidenten Mika Spiljak Geld des staatlichen Erdölunternehmens INA veruntreut hatte – was Durekovic wusste.

Die Drahtzieher des Mordes sind also noch immer frei. Obwohl die deutschen Ermittler mit internationalem Haftbefehl nach Josip Perkovic fahnden, passierte bislang nichts. Doch jetzt kommt wieder Bewegung in den Fall, denn am 1. Juli tritt Kroatien der Europäischen Union bei. Das hätte eigentlich zur Folge, dass das Land Straftäter ausliefern muss, die mit Europäischem Haftbefehl gesucht werden. Doch die kroatische Regierung will das offenbar verhindern und plant ein Gesetz, das Auslieferungen nur für Straftaten vorsieht, die nach 2002 geschehen sind. Perkovic wäre somit auch weiterhin sicher. Das liegt auch daran, dass er noch immer über hervorragende Verbindungen in die Regierung verfügt: Sein Sohn arbeitet als Sicherheitsberater für den derzeitigen Präsidenten.

In Deutschland will man das nicht einfach akzeptieren. Kanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, nicht an den Feiern zum EU-Beitritt teilzunehmen. Offiziell soll die Absage zwar nichts mit den Morden an Regimekritikern zu tun haben. Doch zumindest bei der Opposition ist die Botschaft angekommen. „Statt zu feiern, müssen wir uns schämen, weil die Regierung Verbrecher schützen will“, sagte der frühere Außenminister Gordan Jandrokovic im Parlament in Zagreb.

Auch für den Europaabgeordneten Manfred Weber (CSU) ist die Sache klar. „Kroatien will Mitglied in einem Club werden und hat angekündigt, dass es die Spielregeln akzeptiert – das erwarten wir jetzt auch.“ Es habe bei den Verhandlungen nie Einwände gegen den Europäischen Haftbefehl gegeben. „Die Verwunderung bei uns ist groß.“ Weber sieht nun die EU-Kommission in der Pflicht. Sie müsse ein Vertragsverletzungverfahren einleiten, wenn sich Kroatien nicht an die Regeln halte.

Philipp Vetter

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