1. tz
  2. München
  3. Region

Starnberger droht mit „Volkstribunal“ – am Ende ist eine Ärztin tot

Erstellt:

Kommentare

Nach dem Tod von Dr. Lisa-Maria Kellermayr wurden Trauerkerzen vor der österreichischen Staatsanwaltschaft aufgestellt.
Dr. Lisa-Maria Kellermayr (im Foto oben links) erhielt Hass-Botschaften. Nach ihren Tod gab es Trauerkerzen auch vor der österreichischen Staatsanwaltschaft. © dpa/mm

Die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr erhält Morddrohungen von Gegnern der Coronamaßnahmen. Im Juli stirbt die Frau. Nun wird gegen einen Starnberger ermittelt.

Starnberg/Seewalchen – Auf Twitter gab er sich den Namen „@RomanM56187194“ – warum die vielen Zahlen, weiß vermutlich nur er. Roman M., 59, aus Starnberg ist einer von Tausenden, die anonym gerne Dampf ablassen. Ein Tweet hat nun allerdings ernste Konsequenzen: Er führte zu Ermittlungen wegen Bedrohung und Nachstellung.

Anfang August hat die Kripo auf Betreiben der Generalstaatsanwaltschaft München die Wohnung von Roman M. durchsucht und Datenträger sichergestellt. „Der Beschuldigte zeigte sich dabei kooperativ“, heißt es in der anschließend veröffentlichten Pressemitteilung.

Drohung gegen Kellermayr auf Twitter: Starnberger kündigte „Volkstribunale“ an

Ein Tweet hatte die Behörden – nach langem Zögern – zum Handeln bewegt. Es ist ein Tweet, den die österreichische Ärztin Dr. Lisa-Maria Kellermayr Ende Juni öffentlich gemacht hatte. „Frau Dr. Kellermayr“, hatte Roman M. geschrieben, „wir beobachten Sie, und, wir werden solche Kreaturen vor die in Zukunft einzurichtenden Volkstribunale bringen!“ Als Dr. Kellermayr diese Drohung sichtbar machte, war sie schon am Ende ihrer Kräfte.

(Unser Starnberg-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.)

Ärztin gerät ins Visier der Corona-Leugner

Die 36-jährige Allgemeinmedizinerin mit eigener Praxis in Seewalchen am Attersee in Oberösterreich war seit 2021 zunehmend ins Fadenkreuz von Corona-Leugnern und Querdenkern geraten. Seit Beginn der Pandemie hatte sie engagiert auf die Gefahr durch Coronainfektionen aufmerksam gemacht, hatte für die Impfungen geworben und auch mit ihrer Meinung über die Szene der Pandemie-Leugner nicht hinterm Berg gehalten.

Kampfplatz waren – nicht nur, aber auch – die sozialen Medien, vor allem Twitter. Auf Drohungen folgten physische Nachstellungen. Dr. Kellermayr fühlte sich am Ende so bedroht, dass sie einen Wachdienst engagierte, der insgesamt vier Patienten in ihrer Praxis tatsächlich Butterfly-Messer abnahm.

Ärztin Kellermayr in Bedrängnis – und ohne Hilfe

Von österreichischen Behörden, auch von der Polizei, fühlte sie sich nicht ernst genommen. Im Juni schloss sie ihre Ordination, wie in Österreich Arztpraxen genannt werden. „Seit mehr als 7 Monaten bekommen wir in unregelmäßigen Abständen Morddrohungen aus der Covid-Maßnahmengegner- und -gegnerinnen-Szene“, schrieb sie zur Begründung auf der Homepage ihrer Praxis. Einen Monat später, am 29. Juli, nahm sie sich das Leben.

In Österreich ist der Suizid der Ärztin seit Wochen ein wichtiges Thema, selbst Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen kondolierte. Er rief dazu auf, „dieses Einschüchtern und Angst machen“ zu beenden: „Hass und Intoleranz haben in unserem Österreich keinen Platz.“

Verdächtiger lebt in Starnberg – Ermittlungen auch gegen Berliner Neonazi

Weniger bekannt wurde, dass zwei der übelsten Nachsteller von Dr. Kellermayr aus Deutschland stammten. Neben Roman M. war dies ein Twitter-User namens „Class, der Killer“, bei dem es sich laut „Spiegel“ um einen sattsam bekannten Berliner Neonazi handeln soll. Gegen ihn, der Kellermayr mit Mord drohte, wird nun ebenfalls ermittelt.

Auch Roman M. hat eine kriminelle Vorgeschichte: Zu ihm liegen, wie die Generalstaatsanwaltschaft bestätigt, „zahlreiche Eintragungen im Bundeszentralregister“ vor – M. ist unter anderem wegen Diebstahls, Betrugs, Untreue und Körperverletzung vorbestraft. Zurzeit betreibt M. in Starnberg ein Online-Versandgeschäft – und das hat indirekt auch zu seiner Enttarnung beigetragen. Denn seine Drohung mit dem „Volkstribunal“ hatte M. offenbar per E-Mail mit seiner Geschäftsadresse verschickt. So war es wenig erstaunlich, dass eine Internet-Aktivistin schnell den Klarnamen von M. herausfand und den österreichischen Behörden – die sich hier ziemlich blamierten – auch Hinweise auf die Identität von „Class“ geben konnte.

Deutsche Behörden reagieren zaghaft: Starnberger sieht es als Erfolg

Allerdings reagierten auch deutsche Behörden nach allem, was man weiß, eher zögerlich. Eine Frage ist, warum sich die bayerischen Behörden erst nach dem Tod von Dr. Kellermayr zu einer Durchsuchung der Räume von M. entschlossen.

Die Antwort, die die Generalstaatsanwaltschaft auf Anfrage unserer Zeitung gibt, lässt nur den Schluss zu, dass Behördenmühlen manchmal sehr langsam mahlen. Nach ersten Hass-Postings, so Pressesprecher Klaus Ruhland, hätten die österreichischen Ermittler im Februar dieses Jahres recherchiert und „im Wege der Amtshilfe“ die Polizei in Deutschland konsultiert. „Die Rückantwort erfolgte dann ebenfalls auf dem Polizeiwege.“

Die Staatsanwaltschaft Wels (Oberösterreich) stellte die Ermittlungen zu M. daraufhin ein, übergab den Fall aber nach Bayern. M. fasste das als Erfolg auf: „Sie (Dr. Kellermayr - d. Red.) hat mich bei der Staatsanwaltschaft dafür angezeigt, die Anzeige wurde mangels strafrechtlicher Substanz eingestellt.“ Und dann teilte M. noch mit: „Das Tribunal, d(a) bin ich mir pers.(önlich) sicher, wird kommen.“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Starnberg finden Sie auf Merkur.de/Starnberg.

Hetze gegen Ärztin: Staatsanwaltschaft ermittelt

Ende Juni wurde dann aber von der Staatsanwaltschaft in Wels zunächst die Staatsanwaltschaft Traunstein über den Fall informiert, die den Sachverhalt dann an die Staatsanwaltschaft München II und die wiederum an die für Extremismus zuständige Generalstaatsanwaltschaft abgab. Als die Durchsuchung am 5. August stattfand, war Dr. Kellermayr indes schon tot.

Von der Durchsuchung seiner Wohnung und der Ermittlung scheint Roman M. auch heute noch nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Er hat jetzt ein neues Feindbild gefunden: die Internet-Aktivistin, die ihn lange vor den österreichischen wie deutschen Behörden identifiziert hatte. In einer E-Mail von vergangener Woche attackiert er sie. Sie verbreite Hass und Hetze gegen ihn – der Wortlaut der E-Mail, in der auch wilde Theorien über angeblich real existierende Volkstribunale ausgebreitet werden, liegt unserer Redaktion vor. Er selbst werde nun Anzeige erstatten wegen Falschbehauptungen, erklärt M. weiter. Und außerdem: Mit Gewaltaufrufen gegen Dr. Kellermayr habe er gar nichts zu tun.

Die Ermittlungen gegen M. laufen indes weiter, die Auswertung der Datenträger, so die Generalstaatsanwaltschaft, sei „noch nicht abgeschlossen“. Der Twitter-Account von „RomanM56187194“ ist mittlerweile gesperrt. (dw)

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter www.telefonseelsorge.de

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion