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„Hauptsache eine Badegelegenheit“: Mädchen organisieren Demo zum Wellenberg-Erhalt

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Von: Manuela Schauer

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Kämpfen für das Schwimmbad: Die Demo-Organisatorinnen (v.l.) Lena Heiland und Juliane Marzusch mit Emilia Marzusch (11).
Kämpfen für das Schwimmbad: Die Demo-Organisatorinnen (v.l.) Lena Heiland und Juliane Marzusch mit Emilia Marzusch (11).  © schauer

Sie wollen schwimmen gehen, ihre Freunde dabei treffen: Die Kinder und Jugendlichen aus Oberammergau hängen am Wellenberg. Bei einer Demo tun sie ihre Meinung kund.

Oberammergau – Vor dem Pilatushaus erklingt das Lied „Happy Birthday“. Für Lena Heiland. Die Oberammergauer wird 14 Jahre alt. Ihr besonderer Wunsch: Sie möchte, dass auch die Kleinen, die nächsten Generationen, im Wellenberg das Schwimmen erlernen und sich dort mit Freunden treffen können. So wie es ihr möglich war und (noch) ist. Egal, wie das Konzept aussehen mag:„Hauptsache eine Badegelegenheit ist da“, sagt sie energisch ins Mikrofon – und erntet Applaus von ihren Zuhörern.

„Rettet unser Schwimmbad!“ Mädchen gegen Schließung

Heiland und ihre Freundin Juliane Marzusch (14) kämpfen für das Schwimmbad. Zumindest für den Erhalt von mehr als einem Becken. Nachdem die beiden von den Schließungsplänen der Gemeinde gehört hatten, merkten sie: „Es steht keiner auf“, sagt Marzusch. Das wollten die beiden Mädchen ändern.

Sie sammelten Unterschriften – 16 Blätter je 27 Namen bringen sie am Montagvormittag mit – und organisierten eine bei der Polizei angemeldete Demo-Aktion. Am Pilatushaus, dem Sitz der Gemeindeverwaltung, versammeln sich rund 60 Mitstreiter jeder Altersklasse. Mit Schwimmflügeln an den Oberarmen, Schwimmnudeln in den Händen und zahlreichen Plakaten, auf denen Sätze zu lesen sind wie: „Rettet unser Schwimmbad“ oder „Einsparen statt auflösen“.

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„Heute gibt‘s nichts zu lachen“: Bürgermeister erscheint bei der Demo

Kurz vor 10 Uhr, dem Beginn, fährt ein Polizeibus vor, pünktlich und unaufgefordert erscheint Bürgermeister Andreas Rödl (CSU). Die Radfahrer unter den Demo-Teilnehmern begrüßen ihn lautstark mit ihren Klingeln. Der Rathauschef grinst, prompt kommentiert eine Frau seine Mimik: „Heute gibt’s nichts zu lachen.“ Das Thema: zu ernst.

Steht Rede und Antwort: Bürgermeister Andreas Rödl.
Steht Rede und Antwort: Bürgermeister Andreas Rödl. © Dominik Bartl

Das weiß Rödl und versucht umgehend, Unwahrheiten aus dem Weg zu räumen und die Fakten zu erklären. Denn seit dem Gemeinderatsbeschluss am 10. Juli steht fest: „Wir machen ein Sommerbad.“ Dass der Wellenberg geschlossen wird, sei falsch. „Schade, dass von Leuten aktiv dagegen geredet wird.“ Tatsache ist: Die Kommune kann sich den Winterbetrieb nicht mehr leisten.

Wellenberg im Minus: Bürgermeister legt Zahlen vor

Rödl, selbst regelmäßiger Gast im Bad, liefert Zahlen. 2019 zum Beispiel schrieb der stets defizitäre Planschtempel ein Minus von 1,2 Millionen Euro. Ohne Energiekrise. 260 000 Euro für Gas schlugen zu Buche, aktuell liegt man Rödl zufolge bei Kosten von 1,3 Millionen Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass ab Februar nur noch zwei Bademeister zur Verfügung stehen. Obwohl die Gemeinde – ihr wird am Montag das Gegenteil vorgeworfen – seit geraumer Zeit auf sämtlichen Kanälen nach Personal sucht.

Die seit Jahren unsichere Zukunft des Bads dürfte als Hemmschwelle wirken. Deshalb lautet das Credo nun: „Wir ziehen uns auf das zurück“, betont der Bürgermeister, „was wir uns leisten können.“ Heißt – und darauf lässt er sich festnageln: Sport- und Kinderbecken sowie Liegewiese mit Spielplatz bleiben. Das alte Becken hängt indes in der Schwebe, es ist dringend sanierungsbedürftig.

Die einzige Lösung: Investoren

Die einzige Chance, den Wellenberg ganzjährig zu erhalten, wäre die Investor-Lösung. Die ist noch im Rennen. 2023, prognostiziert Rödl, wird das Siegerkonzept gekürt und in einem Ratsbegehren zur Abstimmung gestellt. Eine Sanierung kommt nicht mehr in Frage: Mindestens 20 Millionen Euro müsste die Gemeinde dafür in die Hand nehmen.

Während Christl Freier, frühere Gemeinde- und aktuelle Kreisrätin der Grünen, „größtes Verständnis“ für den Sparzwang der Kommune zeigt und sich über das Sommerangebot samt Sprungturm freut, unterhält sich auch Christoph Dengg, seit 55 Jahren leidenschaftlicher Wellenberg-Besucher, konstruktiv mit Rödl über Möglichkeiten. Der Ammergauer wirbt unter andere für mehr Eigeninitiative seitens der Bürger, möchte diese zeitnah selbst ankurbeln. Ansonsten prasselt jede Menge Kritik auf den Rathauschef ein.

Von einem Demo-Teilnehmer ist zu hören: „Man hat nicht das Gefühl, dass das Bad eine Herzensangelegenheit der Gemeinde ist.“ Andere weisen auf künftige Probleme mit Ski-Touristen hin, die wegen des fehlenden Angebots nicht mehr nach Oberammergau kommen würden. Vorschläge, mit Zusatzspielen der Passion Geld für das alte Becken zu generieren, ploppen ebenso auf wie Vorwürfe, nichts gegen den Verfall der Anlage unternommen zu haben. Die Erwachsenen dominieren die Demo, rauben den Kindern und Jugendlichen die Bühne, lassen sie kaum zu Wort kommen. Bis Heiland und Marzusch mutig intervenieren.

Plakat mit Ideen und viele Argumente für Erhalt des Schwimmbads

Sie wollen der Jugend eine Stimme geben. Wer mag, darf vor Rödl mitteilen, warum der Wellenberg so unverzichtbar ist. Ein Bub etwa sagt: „Ich bin nicht im Krankenhaus, sondern in der Badewanne geboren. Es ist wichtig, dass ich ins Schwimmbad gehen kann.“ Freunde zu treffen, nicht erst mit dem Auto in einen anderen Ort fahren zu müssen – so lauten weitere Argumente.

Die beiden Organisatorinnen überreichen dem Rathauschef ein selbst gebasteltes Plakat. Darauf zu lesen sind ihre Ideen für den Erhalt des Wellenbergs – mit Einschränkungen. Diese reichen von Gemeindemitarbeitern, die sich um die Pflege des Betriebs kümmern und teilweise als Bademeister fungieren, über die Wiedergründung der Wasserwacht zum Einsatz im Badebetrieb bis hin zu einem Modell à la Kainzenbad in Garmisch-Partenkirchen. Das Plakat ziert nun das Büro des Bürgermeisters. (mas)

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