Grusel-Fund: Kinder-Knochen in Kiesgrube entdeckt

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Symbolbild

Hohenbrunn - Zwei Mädchen haben beim Spielen an einem Kiesablageplatz bei Hohenbrunn menschliche Knochen gefunden. Jetzt stellt sich heraus: Sie stammen von osteuropäischen Kindern, die um 1943 verscharrt wurden.

„Die Baracken waren mit einem Stacheldraht umzäunt und waren überwacht. Zu Essen haben wir zu wenig bekommen, und das Essen war nicht gut. Wir hatten Hunger. Ich hatte immer Schmerzen in den Knien. Wir waren ohne Kräfte und sind oft hingefallen. Es war verboten, sich mit Erwachsenen zu treffen. Ich durfte meine Mutter, meinen älteren Bruder und meine Schwester nicht sehen.“

Das schrieb die ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterin Anna, die als Neunjährige in der Heeresmunitionsanstalt (Muna) Hohenbrunn arbeiten musste, im Jahr 2003 an Elsbeth Bösl. Die Historikerin recherchierte damals im Auftrag des Landkreises München die Geschichte der NS-Zwangsarbeiter. Das Buch ist 2005 erschienen. Sechs Jahre später holt ein grausiger Fund die Historikerin wieder ein: Zwei 13-jährige Kinder hatten im März beim Spielen auf einer Kiesabladefläche an der Hohenbrunner Straße (Ortsteil Riemerling) Knochenfragmente gefunden. Die alarmierte Polizei setzte einen Leichensuchhund ein, der weitere Skeletttrümmer fand - Oberschenkel, Schädel, Halswirbel. Der Fund landete im Münchner Institut für Rechtsmedizin. Dort stellte sich heraus, dass es sich eindeutig um Knochen von insgesamt 21 Kindern handelte, die damals sechs bis zehn Jahre alt waren und laut Polizei wohl 1943 an einer „Seuche“ oder „Epidemie“ starben.

„Eigentlich haben wir immer auf so einen Fund gewartet“, sagt Elsbeth Bösl. „Denn die Geschichte von einem Massengrab am südlichen Waldrand hat sich im Ortsgedächtnis festgesetzt“ – viele betagte Hohenbrunner hätten ihr damals bei ihren Recherchen über die „Muna“ davon erzählt. Die „Muna“, das war eine Fabrik zur Herstellung von Munition, die die Wehrmacht betrieb. Zeitweise arbeiteten bis zu 4000 Personen dort, etwa 700 bis 800 davon Zwangsarbeiter, die die NS-Behörden oft mitsamt ihren Familien im eroberten Russland oder in der Ukraine zwangsrekrutiert hatten. Aber auch Franzosen, Italiener und Griechen wurden nach Hohenbrunn verschleppt. Sie alle hausten in sogenannten Familienlagern nahe der Rüstungsfabriken. Schon neunjährige Kinder mussten arbeiten, berichtet die Historikerin Bösl. Im Unterschied etwa zum KZ-Außenlager Ottobrunn war die „Muna“ kein KZ. „Es gab auch keine SS-Bewacher“, sagt Bösl, vielmehr Leute der Deutschen Arbeitsfront. Aber die Lebensbedingungen müssen schrecklich gewesen sein. Hunger, Demütigungen, Unterdrückung gehörten zum Alltag, erzählt Bösl. Mehrere Explosionsunglücke sind belegt, bei denen es Tote gab. Von einer „Seuche“, wie die Münchner Polizei jetzt annimmt, hat die Historikerin indes noch nichts gehört. „Das kann ich nicht bestätigen.“

Gänzlich unbekannt ist die Geschichte in Hohenbrunn in der Tat nicht, wie Bürgermeister Stefan Straßmair berichtet. Knochen seien schon einmal gehoben „und in Russland begraben“ worden. Woher nun die neuerliche entdeckten Kinderknochen stammen, ist indes unklar. Wahrscheinlich wurden sie mit Erdaushub auf den Kiesabladeplatz angeliefert.

Die „Muna“ gibt es längst nicht mehr. 1958 hatte die Bundeswehr das Gelände übernommen und weiter für Munitionslagerung genutzt. 2007 wurde das Depot indes aufgelöst. Aber es gibt noch etliche Bunker, Tore und Lüftungsschächte. Erst vergangene Woche hat die SPD einen Antrag gestellt, mit einem Mahnmal an „das größte Zwangsarbeiterlager seiner Art im Landkreis München“ (so Fraktionssprecher Rüdiger Weber) zu erinnern. Auch der Bürgermeister kann sich das vorstellen.

Vielleicht wird dann auch an das Schicksal von Wassily und Iwan erinnert, den beiden jüngeren Brüdern der Ukrainerin Anna. Sie starben im Kleinkindalter noch vor Kriegsende in Hohenbrunn.

Carina Lechner und Dirk Walter

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