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Rekordverdächtig: Gruppe klaut sechs Maibäume nahe München – doch jetzt haben die Diebe Stress

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Maibaumdiebe aus Baumgarten mit ihrer Beute
Außerordentlich geschickt haben sich diese Burschen und Mädels angestellt: Hier sind sie mit vier der sechs geklauten Maibäume zu sehen, die irgendwo in Baumgarten lagern. © privat

Eine Gruppe Holledauer hat es fertiggebracht, sechs verschiedene Maibäume zu klauen. Doch die Rekord-Beute bringt nun auch einige Probleme mit sich.

Baumgarten – Das muss man sich mal vorstellen: Einer ist Ehrensache, zwei wären nicht schlecht, drei – der pure Wahnsinn. Wie, bitte schön, kommt man aber auf die Idee, gleich sechs Maibäume zu klauen? In Baumgarten, draußen in der schönen Holledau, einem besonders kreativen Flecken Erde, haben sie heuer einen regelrechten Lauf.

Bereits ein halbes Dutzend Maibäume konnten sich die Burschen und Mädels aus dem Nandlstädter Ortsteil unter den Nagel reißen, haben in Nacht- und Nebelaktionen zugeschlagen – und jetzt ein kleines Problem. Sechs Maibäume: Das bedeutet auch sechs Auslösen, die die Kehle runter müssen. Sechs Bäume, die zu bewachen sind. Und: Sechs Eigentümer, die sich in den nächsten Jahren revanchieren wollen. So ein Rekord weckt eben Begehrlichkeiten.

Maibaum-Stehlen Holledau: Für das Brauchtum zahlreiche Nächte um die Ohren geschlagen

Dennoch, wer mit einem der Holledauer Maibaumkönige, nennen wir ihn Jonas, spricht, ahnt vielleicht nur, welche Mordsgaudi hinter den Leuten aus Baumgarten und den Dörfern ringsrum liegt. Namentlich genannt werden will in der Zeitung keiner der Organisatoren, zu groß ist der Rummel aktuell eh schon. „Uns ist es ein Anliegen, dieses Brauchtum mit all seinen Facetten aufrechtzuerhalten.“ Das ist es, warum sich die jungen Baumgartner ganze Nächte um die Ohren schlagen.

Zwischen Vorfreude und Vorsicht: Viele Vereine im Kreis Freising stellen einen Maibaum auf - andere zögern

Jonas ist einer von Fünfen, die etwa 40 wackere Frauen und Männer um sich geschart haben und seit einigen Jahren losziehen, um – nett formuliert – sich Maibäume anzueignen. Mit allem, was dazugehört: ausspähen, vorbereiten, klauen, möglichst wenig Spuren hinterlassen. Mal war es die letzten Jahre einer, manchmal zwei, heuer: sechs an der Zahl, bisher. „Das hat sich einfach so ergeben“, kann sich der Baumgartner die Sache auch nicht ganz erklären. Wenn’s läuft, dann läuft’s quasi.

Los ging’s gleich am 1. April, dem ersten offiziellen Maibaum-Klau-Tag. Auf dem Heimweg vom Spinnradl-Party-Ausflug fiel den Dieben in spe das Stangerl in Altenhausen quasi vor die Füße. Und weil’s in der Stadt Freising grad so gut lief, legten die Holledauer nach. Bis es am Ende eben sechs Bäume waren. „Das müsste einmalig sein“, hat einer der Ober-Diebe ein wenig recherchiert. „Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand mal so oft in einem Jahr geklaut hat.“

Maibaum-Auslöse bei der Feuerwehr Wolnzach
Wieder in den Händen der Eigentümer: Um ihren geklauten Maibaum zurückzubekommen, musste die Feuerwehr Wolnzach die Baumgartner mit Bier und Brotzeit verköstigen. © privat

Draußen in Baumgarten sind sie ein eingespieltes Team, jeder hat seine Aufgabe. Fünf organisieren, 40 führen aus. Doch warum läuft’s grad heuer so gut? Auch dafür hat Jonas eine Erklärung: Wegen Corona, zwei Jahre sind die meisten Stangerl-Feste ausgefallen, stellen ungewöhnliche viele Gruppierungen und Gemeinden ein Bäumerl auf. „Und viele hatten das Stehlen wohl nicht auf dem Schirm, sind ein wenig faul geworden“, sagt der junge Mann und grinst. Den Dieben spielt das in die Karten. Wobei so ein Maibaumklau meist keine Hauruckaktion ist.

Holledauer stehlen Maibäume: Maschinen würden zu viel Lärm verursachen

Aber was ist nun das große Geheimnis? Da muss der Holledauer wieder verschmitzt grinsen, wie ein guter Taschenspieler gibt Jonas nix preis. Wär’ ja noch schöner, Konkurrenz verdirbt das Geschäft. „Am besten redest da nicht viel drüber“, lässt sich der Baumgartner dann doch in die Karten schauen, „am Ende brauchst du mindestens 40 Leute, so ein Baum wiegt ja schließlich was.“ Maschinen, das wird klar, würden zu viel Lärm verursachen vor Ort. Nur zum Abtransport darf’s dann gern ein Bulldog mit selbst gebautem Nachläufer sein. Bis zu 30 Kilometer sind die Holledauer heuer schon für einen Baum gefahren.

Das sind die inoffiziellen Maibaumklau-Regeln

Niedergeschrieben ist nichts, aber in Bayern gibt es schon ein paar Regeln, an die sich halten muss, wer ein echter Maibaum-Dieb werden will. Gestohlen werden darf erst ab dem 1. April, zudem darf das Stangerl – angemalt oder nicht – auf keinen Fall beschädigt werden, sei es beim Diebstahl selbst, beim Abtransport oder auch bei der Lagerung. Zudem muss, wer auf Beutezug gehen will, selbst daheim einen Baum aufstellen. Auch am Lagerort des potenziellen Diebstahlbaumes darf ebenfalls nichts beschädigt werden. Überdies ist es ein großes Tabu, Bäume, die noch im Wald (etwa zum Trocknen) liegen, zu entwenden. Und wann gilt ein Baum als gestohlen? Wenn er das Heimat-Ortsschild der Besitzer passiert hat. Außer: Der Eigentümer war schneller und hatte vorher noch die Hand drauf, dann kommt der Baum wieder zurück an den Lagerort. Für die Auslöse meldet sich dann immer die Diebestruppe beim Besitzer. Will ein Eigentümer seinen Baum nicht auslösen, kann dieser – dann ganz in Schwarz gestrichen – als Schandbaum aufgestellt werden. ms

Bei sechs Bäumen, das wird auch klar, gibt es jetzt zudem allerhand zu erzählen. Einer, der von der Dorfgemeinschaft aus Attaching, fiel den Baumgartnern ebenfalls quasi vor die Füße, irgendwo in Vötting lag ein herrenloses Stangerl rum. Aufgesattelt war der Baum schnell, lange dauerte dann die Suche nach den Eigentümern. Die Auslöse-Forderung wollte schließlich zugestellt werden.

Knifflig war die Sache in Pfrombach (Stadt Moosburg): In fünf Metern Höhe, an einem Stall, hatten die Eigentümer den Baum aufgehängt, nebenan gab eine ganze Herde Kühe einen formidablen Wachhund. „Da mussten wir extrem leise sein“, berichtete Jonas. Geschafft hatten sie’s trotzdem, mit Muskelkraft und einer großen Portion Erfahrung lag die Beute schließlich in Baumgarten. Bei der Auslöse zeigen sich die Holledauer jeweils milde, eine Brotzeit und ein bissl ein Bier soll’s sein, mehr nicht. „Wir machen das schon vor allem wegen der Tradition“, wiegelt der junge Bursch wieder ab.

Nach Maibaum-Klau: Diebe sind jetzt gehörig im Stress

Doch nun ist die Sache für die Baumgartner verzwickt: Sechs Maibäume lagen zwischenzeitlich daheim und wollten auch bewacht werden, schließlich wäre es der bajuwarische Supergau, würde den Dieben nur eines der Stangerl abhandenkommen. Dann, so ehrlich muss man in der Szene sein, ist man der absolute Maibaumdepp. „Das ist jetzt schon ein bisserl ein Stress“, berichtet Jonas aus dem Maibaumdiebe-Alltag. Mancher Eigentümer lässt sich – auch nicht blöd – mit der Auslöse Zeit, zudem sind die geklauten Stangerl ein begehrtes Diebesgut.

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„Wir sind schon fast ein kleiner Pilgerort geworden, viele versuchen es jetzt“, berichtet der Baumgartner weiter. Am einen Ortseingang stehen potenzielle Diebe aus dem Kreis Landshut, am anderen welche irgendwo aus Freising. Dazwischen: die einheimische Truppe, die sich alles genüsslich anschaut und sich eins grinst. Denn: Keine Chance, „die brauchen es gar nicht versuchen“, bremst Jonas alle Ambitionen. In Baumgarten haben sie das Bewacher-Patentrezept.

Maibaum-Stehlen: Der eigene Baum der Holledauer liegt noch im Wald versteckt

Und der eigene Baum, der am Sonntag ab 11 Uhr an der Dorfmitte aufgestellt wird? Liegt noch im Wald, wiegelt Jonas gleich ab. Ob das geschwindelt sei? Großes Maibaumdiebe-Ehrenwort, die Satzung der Maibaumgruppe schreibt halt vor, dass der hiesige Baum erst am Vortag zum 1. Mai aus dem Wald geholt und hergerichtet wird. Und aus dem Wald, das sagt die Baumklau-Tradition, darf kein Stangerl entwendet werden. Hilft nix.

Ob nach sechs Bäumen jetzt Schluss ist, das weiß Jonas selbst noch nicht – oder will, verständlicherweise, nicht groß drüber reden. „Es wird schon zäh, jeder passt noch mehr auf.“ Die Gauner-Geschichte aus der Hallertau hat sich halt herumgesprochen. Hinzu kommt, dass viele Bäume mittlerweile blau-weiß gestrichen sind, „das macht’s auch nicht leichter, denn kaputt gehen darf ja nichts.“ Doch wer weiß, vielleicht haben sie in Baumgarten auch dafür eine Lösung. Wundern, das ist klar, würde das nach sechs Bäumen niemanden mehr.

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