Seehofer macht Druck

A9: Stau-Chaos soll im Oktober enden

Hier steht auch Seehofer im Stau: „Am Anfang hatte ich einen sehr dicken Hals“, sagt er über die große A 9-Baustelle.

München/Allershausen – Eine Monster-Baustelle regt Bayern auf. Ewig staut sich der Verkehr auf der A 9, Pendler toben, Unfälle häufen sich. Inzwischen richtet sogar der Ministerpräsident seine Bürozeiten nach den Bauarbeitern.

Eine bunte Schicksalsgemeinschaft kriecht jeden Morgen zur Arbeit und jeden Abend wieder zurück. Stoßstange an Stoßstange quält sich ein Konvoi der schlechten Laune durch die Riesenbaustelle A 9. Viele Pendler fluchen, im Schnitt fünf pro Tag schreiben Beschwerde-Mails, manche warfen schon Tomaten auf die Bauarbeiter. „Ich hatte einen sehr dicken Hals“, berichtet auch Berufspendler Horst S. (63) aus Ingolstadt. Dabei hat er noch Glück: Der Mann heißt Seehofer und könnte für den Ärger im Stau jeden Morgen seinen Innenminister rund machen.

Der Ministerpräsident ist einer der 100 000 Leidtragenden der Großbaustelle zwischen Kreuz Neufahrn und Dreieck Holledau. Seit Anfang Juni werden dort die Seitenstreifen verbreitert und die Fahrbahn erneuert. Europas wohl am dichtesten befahrene Straße soll verbessert werden. Bis Ende Oktober soll die Bauzeit auf Deutschlands wichtigster Nord-Süd-Achse dauern, also auch mitten in der Hauptreisezeit.

Zwar stehen in jede Richtung drei Spuren zur Verfügung, sie sind aber auf 3,25 Meter verengt, ohne Seitenstreifen. Vor allem bei Pannen und Unfällen durch Raser, Drängler oder Überforderte kollabiert der Verkehr. Bisher krachte es auf den 15 Kilometern 200 Mal, berichtet die örtliche Polizei.

Seehofer hat nun politisch Druck gemacht, dass es nicht länger dauern darf. Im Kabinett ließ er Innenminister Joachim Herrmann (CSU) dazu berichten, den obersten Chef der Autobahndirektion Südbayern, die Bauherr ist. „Das müsste der Gauweiler wissen...“, habe er vor den Ministern fallen lassen, um Herrmann anzustacheln, erzählt Seehofer. Peter Gauweiler hatte einst als Innenstaatssekretär die Baustellen zur Chefsache gemacht. Herrmann, der als Erlanger selbst oft dort im Stau steht, berichtete also, dass die Arbeiten im Zeitplan sind, dass es sonst Strafen für die Firmen gebe – Hausaufgaben erledigt.

Es ist mindestens das zweite Mal, dass der Ministerpräsident bei Baustellen interveniert. Schon am A 9-Ende in München („Tatzelwurm“) lästerte Seehofer mal, er sehe dort nie viele Bauarbeiter. Das habe sich danach, berichtet er heiter, schlagartig geändert.

Seehofer selbst inspizierte auch nun die Baustelle zwischen Allershausen und Neufahrn. Eine halbe Stunde ließ er sich über das Gelände führen. Der dicke Hals habe sich dort gelegt, sagt er. Die Baustellenchefs erklärten dem Promi-Pendler, warum auf 15 Kilometern am Stück gebaut werde, dass das Zeit und Umleitungen spare. „Das würde sonst alles viel länger und teurer“, sagt Seehofer. Er habe dann versprochen: „Ab sofort schimpf’ ich nicht mehr.“

Der Regierungschef versucht, sich mit den Staus zu arrangieren. Er legt seine Fahrten von Ingolstadt in die Staatskanzlei möglichst nicht mehr auf die Zeit zwischen sechs und acht Uhr. Falls vor neun ein Termin in München ansteht, verbringt er die Nacht auf dem Notbett in der Staatskanzlei. Auch widerstand er nach eigenen Angaben bisher jedes Mal der Verlockung, das Blaulicht am Dach des Dienstwagens einzuschalten.

Herrmann, sagt er, ebenso. Heute spätabends besucht nun auch der Minister die Baustelle, begleitet von Kamerateams. Auch das ist ein Werben um Geduld, so wie die Displays am Straßenrand und die farbigen Smileys, die die restliche Baustellen-Strecke illustrieren sollen. Diese Schilder mag Seehofer allerdings nicht so gerne: „Die sind fast eine Provokation.“

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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