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„Corona-Effekt“: Abgewandert in andere Branchen – Personalnot bedroht Gastronomie

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Von: Laura May

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Personalmangel in der Gastronomie
„Mitarbeiter gesucht“: Viele Gaststätten leiden unter dem Personalmangel - auch im Landkreis München (Symbolbild). © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Seit Beginn der Pandemie haben viele Branchen Arbeitskräfte verloren. Doch nicht nur Corona ist dafür verantwortlich. Die Hintergründe sind vielfältig.

Landkreis - Kellner, die vor 2020 noch Bier gezapft oder Schnitzel serviert haben, sitzen jetzt bei Edeka an der Kasse oder radeln für Lieferando. Experten nennen diese Entwicklung „Corona-Effekt“– etwa im Flugverkehr wurden die Folgen davon in letzter Zeit deutlich. Einmal verloren, konnten Betriebe ihr Personal nach der Pandemie nicht von null auf Hundert wieder aufstocken und es kam zu langen Wartezeiten, Flugausfällen und unzufriedenen Reisegästen.

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Unsicherheit innerhalb der Branche immer noch sehr hoch

Allein die Gastronomie hat bundesweit seit Beginn der Pandemie rund ein Drittel der Beschäftigten verloren. Vor allem die zahlreichen geringfügig Beschäftigten wurden gleich beim ersten Lockdown entlassen – 837 000 Minijobs sind damals bundesweit weggebrochen. Hinzu kommt, dass auch angestellte Kellner reihenweise kündigten, weil sie vom Kurzarbeitergeld ohne Zuschläge und Trinkgeld nicht überleben konnten.

Viele Arbeitskräfte sind nicht zurückgekehrt, sondern sind in ihren neuen Jobs geblieben. „Warum soll ich einen neuen sicheren Job und einen geregelten Arbeitsalltag aufgeben?“, fragt Anne Beck, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit. „Die Unsicherheit innerhalb der Branche ist immer noch sehr groß.“

Offene Stellen im Landkreis München im Jahresvergleich.
Offene Stellen im Landkreis München im Jahresvergleich. © Münchner Merkur
Arbeitslose im Landkreis München im Jahresvergleich.
Arbeitslose im Landkreis München im Jahresvergleich. © Münchner Merkur

In Holzkirchen führte die Personalnot jüngst dazu, dass die Menschen lange auf ihre Post warten mussten.

Demografischer Faktor auch ausschlaggebend: Es fehlen Auszubildende

Dass den Lokalen Personal an allen Ecken fehlt, hat noch andere Gründe als die Pandemie. „Grundsätzlich leiden wir mehr unter dem demografischen Faktor“, sagt Angela Inselkammer aus Aying, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (DeHoGa). Durch unsere immer älter werdende Gesellschaft kämen einfach nicht genug Auszubildende nach: Von 2010 bis 2019 wurden etwa 50 Prozent weniger Köche ausgebildet als noch im vorigen Jahrzehnt, so geht es aus der Studie von Stefan Sell hervor. 280 000 Rentner stehen in Bayern 220 000 jährlichen Schulabgängern gegenüber, rechnet Inselkammer die Lücke vor.

Die Rechnung gehe nicht auf, sagt sie und fordert deshalb vor allem ein politisches Umdenken. Zum einen müssten die Arbeitszeiten in der Gastronomie flexibler gestaltet werden können, sodass Angestellte auch mal zwölf Stunden pro Tag arbeiten dürfen und dafür mehrere Tage frei bekommen. Zum anderen, und das sei ihrer Meinung nach zentral, müsse Einwanderung gefördert werden und Migranten bräuchten viel schneller eine Arbeitserlaubnis. „Wir brauchen Menschen, die hierherkommen, um Geld zu verdienen.“

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Arbeitslosenzahl und Personalmangel steigen gleichzeitig

Pandemie, Gaskrise und Inflation seien nur das Tüpfelchen auf dem I eines allgemeinen Trends, sagt Inselkammer. „Im Moment spielen ganz viele Faktoren zusammen“, sagt auch Beck. Aktuell komme noch der Übergang von Schul- und Uniabschlüssen zu Ausbildungen und Job hinzu. „Im August steigt immer die saisonale Arbeitslosigkeit.“ Zudem tauchen jetzt auch geflüchtete Ukrainerinnen in der Statistik auf. „Es ist eine verrückte Situation: Arbeitslosenzahl und Personalmangel steigen gleichzeitig.“

Auch im Landkreis München mussten Lokale wegen Personalmangels bereits schließen. Ist die angespannte Personalsituation im Gastgewerbe und anderen Branchen also ein Corona-Phänomen oder ein Strukturproblem? „Der Mangel an Arbeitskräften wird ein großes Problem bleiben“, sagt Angela Inselkammer und wirbt gleichzeitig für ihre Branche: Neben Entwicklungsmöglichkeiten und Flexibilität seien die Abschlüsse international anerkannt. Die Ausbildung ist „Basis für 111 Berufe in Service, Büro oder Hotels.“

Wie sich das Problem entwickelt, ist auch Sprecherin Anne Beck bisher unklar: „Ob sich das ändert, ist wie ein Blick in die Glaskugel“, sagt Beck, „das wird sich erst in den nächsten Monaten herausstellen.“ Denn: auch wenn sich Pandemie, Inflation und Gaskrise entspannen – die demografische Situation bleibt.

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