Volle Dröhnung soll nicht mehr sein

Bahn plant Extraportion Lärmschutz

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Bahn-Lärmschutzchef Pawlik am Bahnhof Zorneding: Es gibt viel zu tun.

Güterzüge – das sind für tausende Anwohner von Bahnstrecken schlaftötende Ungeheuer. Die Bahn plant nun auf den Strecken Richtung Österreich und Italien eine Extraportion Lärmschutz.

Zorneding Kaum steigt man in Zorneding (Kreis Ebersberg) aus der S-Bahn, rauscht neben dran schon ein Güterzug vorbei. Der Zug ist seltsam leise, kein Gedröhne, eher ein Surren. Relativ leise jedenfalls für einen Güterzug. Nur zwei der gut zwei Dutzend Güterwaggons scheppern laut. Alexander Pawlik schaut trotzdem unzufrieden drein: „Das ruiniert das Gesamtergebnis.“ Pawlik ist der bundesweite Leiter der Abteilung Lärmsanierung bei der Bahn. Ein Spezialauftrag für den Mann, der im Landkreis Fürstenfeldbruck wohnt, aber sein Büro in Düsseldorf hat und pro Woche 3000 Kilometer auf der Schiene zurücklegt. Berlin, Hannover, Karlsruhe, Duisburg – das waren seine Stationen in der Woche vor Weihnachten. Jetzt schaut er sich im Landkreis Ebersberg und im Inntal um. 2017 fuhren hier täglich im Schnitt 99 Güterzüge von und nach Österreich und Italien, die meisten nachts. Wenn erst der Brennerbasistunnel wohl ab 2026 eröffnet wird, könnte diese Anzahl steigen – und damit auch der Lärm.

Die Deutsche Bahn will gegensteuern, bevor die Anwohner vollends rebellieren. Sie zieht Lärmschutzwände hoch, baut sogenannte Schienenstegdämpfer ein und rüstet Güterwaggons um. Bei den Waggons ist die Bahn schon relativ weit: 2017 wurden weitere 7000 Güterwaggons auf leisere Verbundstoffbremssohlen umgerüstet. Diese Flüsterbremsen rauen die Oberfläche des Rads nicht so stark auf wie die herkömmlichen Graugussbremsen. Dadurch wird das Vorbeifahrgeräusch um zehn Dezibel leiser. Das ist für das menschliche Ohr eine Halbierung des Lärms. Nach einer neuen Bilanz sind nun 40 000 der 64 000 Güterwaggons, die die Bahn-Schwester DB Cargo im Umlauf hat, schon umgerüstet. 2018 sollen weitere 11 000 Waggons folgen, lässt sich DB-Cargo-Chef Roland Bosch zitieren. Er äußert die Hoffnung, dass bis zum Jahr 2020 alle Waggons umgebaut sind. „Lärmschutz ist Teil unserer DNA“, rühmt Andreas Gehlhaar, Leiter der Abteilung Umwelt, sein Unternehmen.

Weit mehr als nur die Deutsche Bahn: Reger Verkehr auf deutschen Schienen

Was die Bahn eher am Rande erwähnt: Auf deutschen Schienen rollen beileibe nicht nur Güterwaggons von DB Cargo. Geschätzt 70 Unternehmen verleihen Güterwaggons, hinzukommen ausländische Staatsbahnen wie etwa die auf Kohletransport spezialisierte polnische PKP Cargo. Nutzen sie weiterhin die herkömmlichen Graugussbremsen, müssen sie zwar höhere Trassenpreise für die Nutzung der Schiene zahlen. Aber offenbar nehmen das manche Unternehmen eher in Kauf, statt 1700 Euro pro Waggon für die Umrüstung zu investieren, obwohl das auch noch vom Bund bezuschusst wird. Unter der Hand heißt es bei der Bahn, dass die Strafgebühr deutlich steigen müsse – sonst verpuffe der Trick mit den Trassenpreisen wirkungslos.

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Bahn-Manager Pawlik schaut auf die grauen, gut zwei Meter hohen Lärmschutzwände, die den Bahnhof von Zorneding auf einer Seite hin abschirmen. Die Wände sind einige Jahre alt, es sind Aluplatten mit kleinen Löchern, innen mit Steinwolle ausgekleidet, die den Lärm schluckt. Jedenfalls zum Teil. Natürlich waren die Graffiti-Sprüher schon am Werk. „Bier trinkt das Volk“, hat einer als Botschaft auf der Wand hinterlassen.

Auf deutschen Schienen rollen beileibe nicht nur Güterwaggons von DB Cargo. Geschätzt 70 Unternehmen verleihen Güterwaggons, hinzukommen ausländische Staatsbahnen.

Schön sieht das nicht aus, aber es hilft ja nichts. An zehn Bahnhöfen entlang der Strecke Richtung Süden – zwischen Grafing und Kiefersfelden – wird es bald noch mehr dieser Wände geben, auf insgesamt sieben Kilometern Länge. Die Planungen beginnen jetzt, aber natürlich ist das Genehmigungsverfahren aufwendig und das Eisenbahn-Bundesamt, Außenstelle München, nicht eben als superschnelle Behörde bekannt. Baustart ist zumeist erst 2021. Die Bürger profitieren von einem Programm des Bundes, das Lärmschutz über das gesetzlich vorgeschriebene Maß ermöglicht. Nur wenn die Bahn möglichst leise daherkommt, so das Kalkül dahinter, ist der Ausbau der Brenner-Zulaufstrecke durch das Inntal gegenüber den Anwohnern zu rechtfertigen. Daher fließen nun elf Millionen in die Lärmschutz-Nachrüstung. Ein Teil des Geldes steht auch für die Schienenstegdämpfer zur Verfügung. Die Schiene wird dabei mit Gummiplatten, die seitlich befestigt sind, gedämpft. Das bringt nicht so viel wie Lärmschutzwände, aber doch ein um drei Dezibel reduziertes Rollgeräusch.

Schon wieder rauscht in Zorneding ein Güterzug durch, diesmal sind auch leere Kesselwaggons dabei. „Die sind am lautesten“, sagt Pawlik. Seine Worte gehen im Lärm fast unter.

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