"Ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden"

KZ-Gedenkstätte Dachau: Entsetzen nach Diebstahl

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Die Bildkombo zeigt den Haupteingang der KZ-Gedenkstätte in Dachau (Bayern), einmal mit Tür (Archivfoto) und einmal ohne Tür am Sonntag.

Dachau - Dies ist einfach nur unfassbar: Unbekannte haben in der Nacht auf Sonntag die schmiedeeiserne Eingangstür zum Konzentrationslager Dachau mit dem zynischen Spruch: „Arbeit macht frei“ gestohlen. Von den Tätern fehlt jede Spur.

Für Zehntausende Häftlinge war diese Parole des 1933 als erstes eingerichteten Konzen­trationslagers am Eingang das erste, was sie zu sehen bekamen. Auch wenn sie zu ihren Arbeitseinsätzen unter menschenunwürdigen Bedingungen ein- und ausrücken mussten, bekamen sie die Parole zu Gesicht, die zum Synonym wurde für den Zynismus der NS-Verbrecher. „Damit ist es das zentrale Symbol für den Leidensweg der Häftlinge“, so die Leiterin der KZ-Gedenkstätte, Gabriele Hammermann.

Sonntag Früh um 5.30 Uhr bemerkte der Mitarbeiter des von der KZ-Gedenkstätte engagierten Sicherheitsdienstes, dass am so genannten Jour-Bau im Westen des Geländes im Tor die Tür fehlt. Der oder die Täter waren über ein Flügeltor am Haupteingang gestiegen. Um 23.45 Uhr hatte der Sicherheitsdienst am Abend zuvor das Tor zum letzten Mal in unversehrtem Zustand gesehen.

Auch wenn es sich bei dem gestohlenen Tor um eine Kopie handelte, ist das Entsetzen über die Symbolik groß: „Das ist eine neue Qualität der Schändungsenergie“, so Gabriele Hammermann. Zuletzt sei vor zehn Jahren eine rekonstruierte Baracke im Lagerinneren von Unbekannten geschändet worden. Seitdem habe man den Wachdienst beauftragt, das Gelände nachts sechs bis sieben Mal zu kontrollieren. Dabei sei die Sicherheit des Geländes durch den Zaun, der es vollständig umgebe, ganz gut.

Der Diebstahl, so Hammermann, „ist ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden, die immer weniger werden.“ Sie und Max Mannheimer, Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Dachau und Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, zeigten sich entsetzt über diesen Akt der Zerstörung. Die Polizei sucht nun nach Zeugen, die etwas Verdächtiges beobachtet haben. Die Tür hat die Abmessung von 190 mal 95 Zentimetern.

Auch unter den Besuchern der Gedenkstätte ist das Entsetzen groß: „Dieser Diebstahl ist eine Schande, ich weiß nicht, wer so etwas macht. Das ist auf jeden Fall eine Nachricht, die um die Welt gehen wird, weil dies ein Ort ist, an dem unsagbar schreckliche Weltgeschichte geschrieben wurde“, so Arthit Jaroenchaichana (31) aus Thailand. „Vielleicht taucht die Tür auf einem völlig kranken Schwarzmarkt wieder auf“, so Christian Günger (47) aus Ingolstadt.

Johannes Welte, Armin Geier

tz-Stichwort: Das KZ Dachau

Das KZ Dachau war eines der bekanntesten Konzentrationslager während der Zeit des Nazi-Terrors. Es bestand vom 22. März 1933 bis zur Befreiung durch Truppen der US Army am 29. April 1945. Das NS-Regime errichtete es bereits wenige Wochen nach seiner Machtübernahme. Es diente zunächst der Inhaftierung von politischen Gegnern des NS-Regimes und war das erste KZ der SS. Nach der Reichspogromnacht inhaftierte die SS verstärkt auch Juden und andere Verfolgte. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden auch Menschen aus besetzten Gebieten Europas im KZ Dachau inhaftiert. Von den insgesamt mindestens 200 000 Dachauer Haftinsassen starben etwa 41 500.

Heute befindet sich auf dem Gelände die KZ-Gedenkstätte Dachau, sie wird von rund 800 000 Personen jährlich besucht.

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