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Seltenheitswert im Freistaat: Oberbayerin übernimmt elterlichen Hof - „Möchte, dass es weitergeht“

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Von: Claudia Möllers

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Tochter Johanna auf dem Arm, gleichzeitig Streicheleinheiten für Wagyu-Kuh Schokinchen: Ruth-Maria Frech (31) auf ihrem Hof in Irschenhausen.
Tochter Johanna auf dem Arm, gleichzeitig Streicheleinheiten für Wagyu-Kuh Schokinchen: Ruth-Maria Frech (31) auf ihrem Hof in Irschenhausen. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Ruth-Maria Frech hat vor fünf Jahren den elterlichen Betrieb übernommen. Eigentlich bräuchte sie sechs Arme, denn neben Hof und Tieren hat sie noch ihr Kind zu versorgen. Ein Besuch auf ihrem Milchviehbetrieb in Irschenhausen.

Irschenhausen -  Der Blick schweift über die sattgrünen Wiesen bis zum Horizont, wo die Alpengipfel mit dem weißblauen Himmel verschmelzen. Hier, auf dem Bauernhof am Ortsrand von Irschenhausen (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), ist Ruth-Maria Frech aufgewachsen. „Ich hatte die geilste Kindheit auf diesem Betrieb“, schwärmt die 31-Jährige.

Bayerin übernimmt Hof von ihren Eltern: „Möchte nicht, dass es aufhört. Das gehört erhalten“

Ganz viel Gefühl schwingt mit in der Stimme, wenn sie sagt: „Ich möchte nicht, dass es aufhört. Das gehört erhalten.“ Es war auch ganz viel Gefühl dabei, als Ruth-Maria Frech vor fünf Jahren den Hof von ihren Eltern übernommen hat. Denn eigentlich hatte die junge Frau, die zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester hat, die Hofnachfolge gar nicht auf dem Schirm. Alle vier Geschwister haben das Abitur gemacht, der älteste Bruder hat Agrarwissenschaften studiert.

Für Ruth-Maria war klar, dass einer ihrer Brüder den Hof übernehmen würde. Dass Frauen in der Landwirtschaft die Verantwortung für einen Betrieb übernehmen, ist zwar noch die Ausnahme. Denn es wird ihnen wegen der Doppelbelastung von Haushalt und Betrieb viel abverlangt. Doch immerhin etwa neun Prozent der Betriebe in Bayern sind in Frauenhand (siehe Kasten). „Mach doch Landwirtschaft“, hatte ein Bekannter der jungen Ruth-Maria gegen Ende ihrer Schulzeit empfohlen. Machte für die Landwirts Tochter keinen Sinn, da sie ja den Hof ohnehin nicht bekommen würde, wie sie glaubte.

Landwirtinnen in Bayern: Doppelbelastung durch Haushalt und Betrieb

Also schlug sie nach dem Abitur einen ganz anderen Weg ein – sie wurde FachInformatikerin und fand einen tollen Job beim Max-Planck-Institut in Martinsried (Kreis München). „Die IT-Abteilung war wie eine zweite Familie für mich“, erzählt sie. Alles schien in geregelten Bahnen zu laufen, doch mit einem Schlag wurde alles anders. Mutter und Vater wurden zur gleichen Zeit schwer krank. Neben der Sorge um die Eltern bedeutete das für die Geschwister: „Stall – Arbeit – Stall, Stall – Arbeit – Stall.“ Eine harte Zeit, die gemeinsam und mit einem Betriebshelfer gemeistert wurde.

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Obwohl es den Eltern langsam besser ging, zeichnete sich ab, dass Vater und Mutter den Milchviehbetrieb mit 30 Hektar Land (17 Hektar davon sind gepachtet) und rund 50 Milchkühen samt Nachzucht so nicht mehr weiterführen können. Der älteste Bruder war es, der RuthMaria am Neujahrstag 2013 fragte, ob sie nicht den Hof übernehmen wolle. Aus heiterem Himmel kam es für die damals 23-Jährige nicht. Sie war schon häufiger eingesprungen, wenn die Eltern im Urlaub waren. Landwirtschaft-begeistert war sie ohnehin. Trotzdem hat die Frage ihr Leben völlig durcheinandergewirbelt. Ruth-Maria hatte einen festen Job mit Karriere-Aussichten. Ihre Lebensplanung war auf den Kopf gestellt.

Landwirtschaftlicher Betrieb: Brüder wollten nicht in Fußstapfen der Eltern treten

Irgendwann, nach langem Ringen, war ihr klar: „Wir sind mit unserem Hof in dieser Lage nicht in Gefahr, dass wir total am Hungertuch nagen müssten, auch wenn es in der Landwirtschaft gerade mal nicht gut läuft.“ Der Hof hat zusätzliches Einkommen durch Fotovoltaik-Anlagen und Waldbesitz. „Das ist meine Versicherung. Ich wusste, es treibt mich nicht in den Ruin, wenn ich die Landwirtschaft übernehme.“ Nachdem sie sich mit allen Geschwistern verständigt hatte, wurde ein Termin mit dem Vater vereinbart. „Und, wer mechts macha?“, war die erste Frage von Frech Senior. Er war schon überrascht, dass nicht einer der Söhne in seine Fußstapfen treten wollte.

Vor großen Maschinen hat die Landwirtin keine Angst. Schließlich hat sie Landwirtschaft im dualen Studium gelernt.
Vor großen Maschinen hat die Landwirtin keine Angst. Schließlich hat sie Landwirtschaft im dualen Studium gelernt. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Aber auch nicht dagegen, dass Ruth-Maria übernehmen will. Ganz ohne Ruckeln verläuft es freilich nicht. Das Leben ist schließlich keine Seifenoper á la Rosamunde Pilcher. Zunächst einmal bedeutet die Entscheidung für die junge Frau viel Arbeit und erneutes Pauken. Ruth-Maria machte eine landwirtschaftliche Ausbildung – als duales Studium in Weihenstephan. Am 1. Mai 2017 wurde der Hof übergeben – mit 26 Jahren war Ruth-Maria Frech Betriebsleiterin. Ihr Vater hilft weiter mit nach Kräften, ihre Mutter ist bei ihr angestellt. Das Einkommen des Hofes muss nicht nur die Existenz der 31-Jährigen sichern. Sie hat inzwischen mit ihrem Freund Johann eine kleine Tochter, Johanna ist 16 Monate alt.

Landwirtschaft in Bayern: 31-Jährige stößt auch mal an ihre Grenzen

Außerdem müssen die „Altenteiler“ finanziell versorgt werden. Die Geschwister bekamen eine andere Immobilie im Ort. Unterschiedliche Vorstellungen in der Ausrichtung des Hofes bringen schon mal Konflikte mit dem Vater, mit dem sich die Tochter eigentlich gut versteht. Die „ad-libitum“-Tränke der Kälber – sie können so viel Milch saufen, wie sie möchten – behagt ihm gar nicht. Zu teuer, meint er, das ist Vollmilch, die sie auch an die Molkerei verkaufen könnte.

„Dann macht’s es halt selber“, heißt dann schon mal, wenn’s ihm nicht taugt. Aber letztlich hat er sich damit abgefunden. Dass es den Tieren immer besser geht – das ist Ruth-Maria Frechs Ziel. Aber auch hier stößt sie an Grenzen. Ein neuer Laufstall? Illusorisch. Er würde zwei Millionen Euro kosten und einiges an Platz benötigen, der wiederum für den Futteranbau verloren ginge.

Also wird der alte Stall saniert. Der aktuelle Milchpreis lässt Frech hoffen. Über 50 Cent pro Liter gibt es derzeit von der Molkerei Champignon. Ein Traumpreis. Aber auch die Energie-, Wasser und die Düngerkosten überschlagen sich. Trotz aller Schwierigkeiten: Die „Freche Milch“, wie sie ihr Produkt nennt, rechnet sich derzeit. Kühe, Kind, Hof – das ist schon jede Menge Arbeit in unterschiedlichen Rollen, die nicht immer einfach unter einen Hut zu bringen sind: „Man muss der Chef sein, man muss das Kind sein, inzwischen bin ich auch die Mutter einer Tochter, man muss Unternehmer sein – auch noch Partnerin. Und das oft gleichzeitig.“

Da gibt es Situationen, die sich widersprechen: „Ich kann nicht das Kind meiner Mutter sein und gleichzeitig ihre Chefin.“ Meist geht es um Kleinigkeiten, die sie in ihrer Ausbildung anders gelernt hat, und die sie heute anders macht als ihre Eltern früher. „Mein Freund entlastet mich massiv, das ist grandios, sonst könnte ich viele Dinge nicht so schaffen.“

Junge Landwirtin und Mutter: Freund packt auf ihrem Hof kräftig mit an

Johann ist Landwirtschaftsmeister und packt neben dem Einsatz bei sich daheim auch auf dem Hof Frech mit an. Trotz des ganzen Trubels nimmt sich die junge Mutter auch noch Zeit fürs Ehrenamt. Sie ist Ortsvorsitzende des Bauernverbands – also das, was andernorts der Ortsobmann ist. Früher war sie auch mal führend in der Bayerischen Jungbauernschaft tätig. Urlaub von der Landwirtschaft braucht sie nicht. Ihre Arbeit macht sie gerne.

Das Melken in der Früh und am Abend „das ist mir Work-out, körperliches Training, da kann ich gleichzeitig ein bisschen nachdenken. Hat fast etwas Meditatives“. Ruth-Maria Frech hat eine enge Beziehung zu ihren Kühen. Das ist nicht einfach so dahergesagt. Mit ihren Wagyu-Rindern, die sie als Hobby züchtet, sieht man sie schon mal über die Wiesen spazieren gehen.

Zu Reike, der mit 14 Jahren ältesten Kuh im Stalle Frech, ist die Bindung besonders stark. Eigentlich sollte Reike noch einmal kalben. Doch die Fleckvieh-Kuh erkrankte an einer Mastitis, einer Euter-Entzündung, und hat das Kalb verloren. „Das ist traurig, sie hat so viel geleistet in ihrer Zeit“, sagt die Landwirtin. Sofort zum Metzger geht es aber nicht für Reike. „Vier bis sechs Wochen auf der Weide will ich ihr noch gönnen.“ Und da ist es wieder: ganz viel Gefühl.

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