13 lange Jahre ohne mein geliebtes Kind

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Katharina und ihr Sohn beim Spielen: Der Bub wurde später vom Vater entzogen

Pullach - Im Jahr 1996 wurde in Pullach  ein neunjähriger Bub von seinem Vater nach Amerika gebracht – ohne das Wissen der Mutter. Die Frau ist jahrelang in tiefster Sorge um ihren Bub. Sie erhält nur zwei Karten – und schließlich einen Anruf.

Zwischen Cannes und Antibes, wo Katharina auf der Terrasse sitzt, erinnert sie der Sonnenuntergang oft an jenen Tag im Mai. An den Tag, an dem sie das Liebste verlor, das eine Mutter besitzt: das einzige Kind. Die Schwüle drückt auf Südfrankreich, doch später ist die Luft klar. Fast so wie damals. „Am Abend davor schien es sanft durchs Fenster, es war schön, so friedlich, dann läutete das Telefon.“ Philipp, der im Garten des Pullacher Hauses spielte, lief zum Hörer hin, als hätte er mit dem Anruf gerechnet. „Hallo, Papa!“

Der Mann wird am nächsten Morgen seinen neunjährigen Sohn in eine andere Welt entführen. Und für die Mutter wird eine Suche beginnen zwischen München und Amerika, zwischen Bangen und Hoffen und letztlich auch mit der Freude des Wiedersehens. Doch da ist auch dieser Schmerz, nicht miterleben zu dürfen, wie der fröhliche Kleine zum smarten Geschäftsmann wird.

Vater Volker P. (62) gilt bis Mitte der 1990er-Jahre als schillernde Figur, er ist ein bekannter Apotheker. Sein Einkommen siedelt er im oberen sechsstelligen Bereich an.

Und er hat dazu viel Geld in der Hinterhand, ohne dass jemand davon weiß. Es stammt aus dem Verkauf einer Apotheke in Feucht, zwei Millionen Mark hat er dafür bekommen. Das Vermögen ist nun seine Versicherung für die anstehende Flucht. 1995 war er wegen Geldfälschung in Millionenhöhe zu einer zweieinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Vor Antritt der Haft will der Mann ins Ausland abhauen, sein Sohn soll mitkommen.

Mittwochmorgen, der Tag des Verschwindens: Katharina und Philipp haben gefrühstückt. Der Bub geht in eine private Schule, und er geht gerne dorthin. Um 7.45 Uhr gibt er vor, als falle ihm noch was ein. Er läuft in sein Zimmer rauf, holt den Teddy und flunkert: „Alle Kinder dürfen heut ihre Stofftiere mitnehmen!“ Die Mutter küsst ihn auf die Wange und streichelt ihm über den Kopf: „Ich habe dich sehr lieb.“ Dann spaziert der Bub nach draußen. Es ist der 22. Mai 1996. Von nun an bleibt Philipp 13 Jahre lang weg.

Um 16.30 Uhr erhält die Frau einen Anruf von der Schule. „Wo war denn heute Philipp? Er war den ganzen Tag nicht da“, sagt ein Lehrer. Man will sich nicht vorstellen, was die Mutter in diesem Moment durchmacht. Katharina schaut auf den Anrufbeantworter, einen von den Dingern damals, die mit Kassette funktionierten. Er blinkt nervös. Katharina hört die Stimme ihres Mannes. „Grüß dich, Liebling, ich habe hier ja Schwierigkeiten, wir sind nicht mehr in Deutschland, bitte geh jetzt bitte nicht gleich zur Polizei.“ Er sei auf die Bahamas geflogen, wolle in die USA weiter. Tatsächlich befindet er sich zu diesem Zeitpunkt aber in der Touristenstadt Cancun, Mexiko. Und zwar im Hotel Dos Playas, wo er mit Philipp von einer Frau gesehen wird. Und: Noch am Entführungstag findet Katharina ein Schreiben der Nürnberger Staatsanwaltschaft, es ist die Ladung zum Haftantritt.

Der Ehemann hat die Kindesentziehung von langer Hand geplant. In Feucht ließ er ohne Wissen seiner Frau einen zweiten Kinderausweis für Philipp ausstellen. „Meine Unterschrift hierfür wurde gefälscht“, sagt Katharina. Der Kinderausweis wurde später bei einem Grenzübertritt in San Diego verwendet. Es vergingen Tage, Monate, Jahre. Keine Sekunde, an der Katharina nicht daran dachte, was ihr genommen wurde. Zwar wurde nach dem Flüchtigen gefahndet, doch der blieb immer in Bewegung, es gab mal Hinweise aus Kanada, aus Kolumbien, immer wieder Mexiko und USA.

Doch zwei Karten aus Texas – eine zum Geburtstag und eine zu Weihnachten – hielten die Hoffnung der Mutter auf ein Wiedersehen aufrecht, darauf „dass der Bub lebt, dass es ihm wohl gut geht“. Oft nimmt sie die Karten und die Kinderfotos in die Hand, wird darüber traurig und müde. Von Pullach zieht sie schließlich weg und geht nach Südfrankreich – in dem Haus, mit dem sie mit dem Bub so glücklich war, kann Katharina nicht mehr leben.

Schließlich, im März 2009 – fast 13 Jahre nach der Entziehung – erhält zunächst ihre Schwester den Anruf eines unbekannten Mannes, später Katharina: Der Anruf ist wie ein Beben, am anderen Ende spricht immer Philipp. „Er konnte sich noch erinnern an die Pullacher Schule und was er am Vorabend des Verschwindens gegessen hat: Gnocchi, Haluschki, das sind Kartoffelnockerl aus der Slowakei, und Quarkkuchen.“ Und dass er so gerne im Tierpark gewesen sei.

Der Mann rief aus Las Vegas an, er war ein Unternehmer geworden. Trotz der Flucht durch halb Südamerika und die USA hatte er es geschafft, die High School abzuschließen. Vor einem Jahr sahen sich Mutter und Sohn das erste Mal wieder – sofort vertraut waren sie sich da nicht. Inzwischen gibt es aber die ersten, harmonischen Treffen. Die Schatten im Leben der beiden sind einer hoffnungsfrohen Zukunft gewichen. „Ich bin endlich wieder glücklich“, sagt die heute 55-jährige Katharina. Doch was nie gehen wird, ist die Verachtung gegenüber dem Vater. Allerdings braucht der sich nicht zu fürchten, dass ihn doch noch die Behörden stellen. Seine Haftstrafe ist längst verjährt.

Markus Christandl

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