Am 28. Juli ist Gerichtstermin 

Er rettete einem Buben das Leben - nun droht die Abschiebung

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Familie Ahrar aus Kabul blickt in eine unsichere Zukunft: (v.l.) Vater Safi Ahrar (47), Ali (22), Mutter Leila (46), Bruder Mujib (10) und Lebensretter Esmat Ahrar (20).

Bademeister-Azubi Esmat Ahrar (20) hat im Freibad Haar einem zehnjährigen Buben das Leben gerettet. Kann man da seine Familie nach Afghanistan abschieben? Und ihn hinterher? Am 28. Juli haben die Ahrars einen Gerichtstermin. „Ich habe große Sorgen“, sagt Esmat.

Haar – Am Freitagnachmittag hat Esmat Ahrar, Bademeister-Azubi im zweiten Lehrjahr, Dienst am Sprungbecken im Freibad Haar. Ein zehnjähriger Bub taucht nach einem Sprung vom Dreimeterbrett nicht mehr auf, treibt in dreieinhalb Meter Tiefe bewusstlos im Becken (wir berichteten). Esmat hechtet hinterher, holt den Buben heraus. Seine Kollegen setzen einen Notruf ab, leisten Ersste Hilfe. Der Bub muss mit einem Defibrillator wiederbelebt werden. Die Rettungskette läuft wie geölt, First Responder der Feuerwehr treffen ein, Notarzt und Kindernotarzt, zehn Minuten nach dem Badeunfall landet der Rettungshubschrauber und fliegt den Zehnjährigen in eine Kinderklinik.

Vier Tage später verkündet Haars Bürgermeisterin im Bauausschuss die gute Nachricht: „Der Bub ist wieder wach, er ist klar und ansprechbar.“ Er wird den Unfall wohl ohne Folgeschäden überstehen. Die Polizei habe Zeugen vernommen, den Unfallort untersucht. Das Haarer Freibad entspreche allen Sicherheitsbestimmungen, es liege kein Verschulden vor. Die Bürgermeisterin lobt den afghanischen Azubi. „Den jüngeren“, sagt sie zur Verdeutlichung. Denn auch Esmmats Bruder Ali Ahrar (22) macht im Freibad Haar eine Ausbildung zum Bäderfachangestellten, wie es korrekt heißt, er ist schon ein Jahr länger im Betrieb.

Bademeister und Lebensretter in einem bayerischen Freibad – keine schlechte Karriere für einen jungen Mann aus Kabul, der wie sein Bruder gar nicht schwimmen konnte, als sie vor viereinhalb Jahren nach Deutschland gekommen sind. Mit ihrem kleinen Bruder Mujib, heute zehn Jahre alt, ihrer Mutter Leila (46) und Vater Safi (47). Zur Familie gehörte noch der älteste Sohn Mohebullah. Er ist tot. Enthauptet von den Taliban, sagt Vater Safi Ahrar. Weil er, der Vater, sich gesträubt habe, mit diesen zusammenzuarbeiten. Familie Ahrar ist untergetaucht und schließlich geflüchtet.

Klingt nach einem guten Grund, in Deutschland bleiben zu dürfen. Doch der Asylantrag von Familie Ahrar ist abgelehnt worden, den Behörden erschien die Geschichte wohl nicht schlüssig genug. Ahrars haben über einen Anwalt dagegen geklagt. Nächster Gerichtstermin ist am 28. Juli, sagt Ali Ahrar. „Die ganze Familie soll abgeschoben werden“, sagt er bedrückt. Wobei er und sein Bruder Esmat, die in der Ausbildung sind, aktuell wohl nichts zu befürchten haben. „Ich glaube nicht, dass ich während meiner Ausbildung abgeschoben werde“, sagt Esmat, der derzeit zwei Wochen Blockunterricht an der Berufsschule hat, in Lindau am Bodensee. Und vielleicht ändere sich die Einschätzung, dass Afghanistan ein sicheres Herkunftsland ist; zumal bei dieser Familiengeschichte.

Traudl Vater hofft, dass die ganze Familie Ahrar in Haar bleiben kann. „Man sollte sie einfach akzeptieren und leben lassen. Sie sind hier daheim!“ Die 76-Jährige ist seit fast 30 Jahren für die SPD im Gemeinderat, als ehemalige Sozialarbeiterin und vielfach engagierte Frau eine Art soziales Gewissen von Haar. Die Ahrars kennt sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit beim „Haarer Tisch“. Die Familie sei bestens in die deutsche Gesellschaft eingebunden. Der kleine Bruder Mujib kommt im nächsten Schuljahr ins Gymnasium, die beiden Großen machen ihre Lehre, die Mutter arbeitet in einer Klinik. Der Vater finde nur Jobs, stundenweise. Wer stelle schon jemanden ein, der jederzeit gegen seinen Willen in einen Flieger nach Kabul gesteckt werden könne, ohne Rückflugticket. „Was wir mit Menschen tun, ist eine Schande“, sagt Traudl Vater. „Wie man Menschen quält, die gut integriert sind.“ Hilflos fühle sie sich da. So wie Familie Ahrar.

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