So leidet Hans Müller am Niedergang seiner Ex-Firma

+
Hans Müller liebt Pferde. Als Bub lieferte er in München hoch zu Ross Backwaren aus

München - Hans Müller hat die tz zu sich eingeladen, um klarzustellen, dass er mit dem Skandal bei seiner Firma Müller-Brot nichts zu tun hat. So sehr leidet er unter dem Niedergang seiner Ex-Firma:

Das schmiedeeiserne Tor öffnet sich und gibt den Blick frei auf einen geschwungenen Weg. Ein Leonberger und ein kleiner weißer Terrier laufen bellend den Besuchern entgegen. „Gipsy, hierher“, ruft Hans Müller (81) und tritt aus der Haustüre, in der Hand eine Zigarre. Er hat die tz eingeladen auf seinen Gutshof in Berg am Starnberger See. Um klarzustellen, dass er mit dem Skandal bei seiner Firma Müller-Brot nichts zu tun hat.

Hygiene-Mängel: Hier wird das Müller-Brot entsorgt

Hygiene-Mängel: Hier wird das Müller-Brot entsorgt

„Jeden Tag rufen ehemalige Mitarbeiter bei mir an und bitten mich um Hilfe“, erzählt Hans Müller. Aber er könne nichts machen. Weil er vor neun Jahren „den Fehler seines Lebens“ gemacht und Müller-Brot verkauft hat. Obwohl er seitdem dort nichts mehr zu sagen hat, gelte er als der „Saubär“. Jetzt reicht’s dem alten Brezen-Baron.

Mäuse, Schaben, Dreck, Mitarbeiter und Pächter in Existenzangst, die neue Geschäftsführung auf Tauchstation — Müller schüttelt den Kopf: „Ich war immer erreichbar. Für alle. Ich hatte nie etwas zu verbergen.“

Außer sein Privatleben: „Das geht keinen etwas an.“ Seit 50 Jahren lebt er zurückgezogen in einem alten Gutshof mit Fischteich, Kirche, Schwimmbad, Reithalle und einem „ganzen Zoo“, bestehend aus Hühnern, Katzen, Hunden, Enten und natürlich Pferden. Denn Pferde liebt und hält Hans Müller seit Kindertagen: „Wir waren wohl die einzige Bäckerei, die das Brot nicht mit dem Radl, sondern hoch zu Ross auslieferte.“

Weil Hans Müller einer ist, der gerne zeigt, wo es langgeht, feierte er nicht nur als Bäckermeister Erfolge und bekam dafür sogar das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden. Hunderte Reitabzeichen, Urkunden und Pokale in der Sattelkammer seines versteckt gelegenen Landsitzes bei Berg beweisen, dass er auch auf dem Kutschbock immer an die Spitze fuhr. Bis vor einem Jahr spannte er täglich seine vier Rappen vor und kutschierte durch die Gemeinde und bis nach München, auf den gleichen Wegen, die schon König Ludwig II. nahm. Fast jeder Berger kennt seine Kutsche. „Aber zum Glück weiß kaum einer, wie ich heiße. Meine Ruhe ist mir heilig“, sagt er. Vor allem jetzt, nach dem Tod seines Sohnes und dem Niedergang seines Lebenswerks: „Ich kann an keiner Müller-Brot-Filiale mehr vorbeifahren! Ich reg’ mich so auf, das bringt mich noch um.“ Auch mit dem Kutschieren ist es erst mal vorbei, seitdem Müller sich vor einem Jahr bei einem Sturz an der Schulter verletzt hat. Das einzige Hobby, das ihm bleibt, sind seine Zigarren: „Ich rauche überall. Das lass’ ich mir nicht verbieten!“

Genauso wenig lasse er es sich verbieten, zu sagen, wer seiner Meinung nach Schuld trägt am Niedergang des Back-Konzerns, den er zum viertgrößten in Europa gemacht hatte: Die neuen Eigentümer mit Klaus Ostendorf an der Spitze hätten das Unternehmen „auf Kosten der Mitarbeiter und der Pächter wie die Heuschrecken ausgeschlachtet“. Die Betriebsgrundstücke verkauft, ebenso die Maschinen — „und dann teuer zurückgeleast. So schöpft man Geld ab.“ Schon vor einem Jahr habe er einen der Müller-Brot Geschäftsführer angerufen und gesagt: „Ihr seid’s pleite. Geht’s zum Konkursrichter.“ „Aber der habe ihn nur ausgelacht.

Für den Patriarchen ist das kaum zu verkraften. Mit 18 starb sein Vater. Er übernahm die Bäckerei in Giesing, arbeitete sich vom Bäckermeister hoch zum millionenschweren Industriellen. „Ich hab’ alles von der Pike auf gelernt.“ Man müsse nicht studiert haben, um Bilanzen lesen zu können. Auch nicht, um zu sehen, wenn eine Firma am Ende ist. Müller zieht an seiner Zigarre und sagt: „Der Name Müller-Brot ist tot. Für immer.“

S. Sasse

Zukunft weiter unklar

Als Hans Müller 2003 sein Unternehmen verkaufte, hatte Müller-Brot knapp 3000 Mitarbeiter und einen Umsatz von 430 Millionen Euro. Heute sind es laut Firmen-Aussage 1300 Beschäftigte und 115 Millionen. „Die Zahlen stimmen sicher nicht mehr“, meint Hans Müller. Er begrüßt, dass die Staatsanwaltschaft Landshut wegen Konkursverschleppung, Untreue und lebensmittelrechtlichen Verstößen ermittelt. Wie lange die Ermittlungen noch andauern, ist laut Staatsanwaltschaft nicht abzuschätzen. Ebenso wenig, wann in Neufahrn wieder gebacken wird.

auch interessant

Meistgelesen

Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Spektakuläres Feuerwerk in Wolfratshausen: Rührender Grund
Spektakuläres Feuerwerk in Wolfratshausen: Rührender Grund

Kommentare