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Ekel-Funde nahe Lidl-Parkplatz: Landwirte entsetzt über Klo-Touristen bei München

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Von: Jörg Domke

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Als Toilette wird etwa das Semptufer benutzt, davon zeugen Papiertücher im trockenen Bachbett.
Als Toilette wird etwa das Semptufer benutzt, davon zeugen Papiertücher im trockenen Bachbett. © jödo

Fäkalien und Müll auf Öko-Flächen deuten in Anzing (Landkreis Ebersberg) auf einen Entsorgungs- und Toiletten-Tourismus aus einem Gewerbegebiet und von der Autobahn hin. Die Landwirte vor Ort sind sauer.

Anzing – Nur mal angenommen: Sie sitzen im Auto auf der A 94 Richtung München. Und haben den Rastplatz bei Pastetten kurz vor der Landkreisgrenze (dort, wo sich in beide Fahrtrichtungen ein öffentliches WC befindet) gerade eben passiert, da meldet sich der Darm.

Was tun in der Not? Bis München wird’s dauern. Offenbar nicht selten ist die Ausfahrt Anzing eine Option. Also: Abfahren. Kurz rechts, dann links rein Richtung Lindach. Hier ist weit und breit kein Haus zu sehen. Unbeobachtet zu sein, scheint nahezu garantiert. Fürs dringende Geschäft bieten sich gute Gelegenheiten.

Ökologische Ausgleichsfläche verkommt zum öffentlichen WC

Ein Geheimtipp ist das hier keineswegs: Auf die Idee sind schon viele gekommen, wie der Vorsitzende des Bauernverbands Anzing, Bernhard Haimmerer, neulich im Gemeinderat feststellte. Allerdings ist das Areal zum Teil eine ökologische Ausgleichsfläche. Was die Sache aus Sicht der Landwirtschaft nicht angenehmer macht. Es würde reichen, wenn sich alle nur an ein paar Regeln hielten, sagt Haimmerer. Der Satz klingt wie ein Stoßgebet.

Erst vor ein paar Tagen räumten hier Freiwillige im Zuge einer Ramadama-Aktion auf. Doch am gestrigen Dienstag wurde er selber gleich nach einer Minute wieder fündig. Ein blauweißer Sonnenschirm lag im Gebüsch. Unweit davon ein Haufen Kies und eine Ansammlung Tempotücher. Sichtbarere Indizien, dass hier längst ein inoffizielles öffentliches WC entstanden ist. Selbst ganze Wohnungseinrichtungen hat man hier schon gefunden.

Und nicht nur hier. Haimmerers Kollege Martin Kandler zeigt in Blickrichtung Markt Schwaben auf das nahe gelegene Pollinger Holz direkt an der Staatsstraße. Dort sei noch schlimmer, betont er, wie Haimmerer Mitglied im Anzinger Gemeinderat.

Trampelpfad vom Lidl-Parkplatz zum Fluss: Dort verrichten Menschen ihre Notdurft

Probleme gibt es aber auch ortsnah. Hinter dem Parkplatz des Lidl-Marktes – ohne Kundentoilette – beim Kreisverkehr hat sich inmitten einer noch zart bepflanzten Böschung schon ein Trampelpfad Richtung Anzinger Sempt entwickelt. Kandler braucht nicht mal eine Minute, um eine weitere Ansammlung von Tempotüchern zu entdecken. Sie liegen im derzeit ausgetrockneten Bachbett der Anzinger Sempt. Es gebe Tage, sagt er, da seien die menschlichen Hinterlassenschaften auch zu riechen.

Haimmerer und Kandler betonen, dass sie keineswegs direkt und pauschal Lidl-Kunden, Autobahnnutzer oder gar Trucker verdächtigen wollten, aber gleichwohl ein großes Interesse haben, den aktuellen Zustand zu verändern. „Mit Reden“. Neulich, beim Ramadama, sei hier schon viel beseitigt worden, berichten die beiden. Um so überraschter sind sie, dass wenige Tage später schon wieder Hinterlassenschaften vorzufinden sind.

Ärger auch über rücksichtslose Hundebesitzer

Und nicht nur Menschliche. Hundehaltern gehen gerne genau hier mit ihren Haustieren Gassi. Und reagierten nicht selten mit Schimpfen, wenn die Landwirte sie darauf ansprächen, erzählen diese. Kandler sagt: „Es fällt Folgendes auf: Dort, wo es keine Feldwege gibt, gibt es auch keine Hundehalter und Hunde. Und genau dort existiert noch Rehbestand“. Hier, entlang der Sempt, nicht. Seine Forderung: Ein Zaun zwischen Lidl-Discounter und der Landwirtschaft dahinter. Doch auf den hatte man im Zuge der Bebauungsplan-Aufstellung damals verzichtet. Der Zaun würde, so die Hoffnung, nicht nur ein Hindernis sein, schnell mal sein Geschäft in der Botanik zu verrichten, sondern könnte zugleich auch so etwas wie ein Windfang sein.

Ärgern sich über Fäkalien und Müll im Grünen: Die Landwirte Bernhard Haimmerer (li.) und Martin Kandler.
Ärgern sich über Fäkalien und Müll im Grünen: Die Landwirte Bernhard Haimmerer (li.) und Martin Kandler. © jödo

Müll und Toiletten-Touris aus dem Gewerbegebiet: Ein Zaun, der zwei Probleme lösen soll

Als es nämlich den Lidl noch nicht gab und dort noch eine Hecke stand, verfing sich im Gebüsch immer mal wieder leichtes Verpackungsmaterial, das von den Großbetrieben im Gewerbegebiet an der A 94 herüberwehte. Nun fliege es oft ungehindert Richtung Sempt und Moos oder noch weiter Richtung Osten. Kandlers abschließende Bewertung des Müll- und Schmutzaufkommens: „Langsam wird’s etwas viel“.

Bürgermeisterin Kathrin Alte kennt die Sorgen. Man habe bereits Kontakt mit Lidl aufgenommen mit dem Ziel, eine Lösung zu finden, sagt sie. Zu prüfen sei auch, ob eine Beschilderung direkt an der A 94 mit Hinweisen auf öffentliche WC optimiert werden müsse. Eine Aufgabe, die die Gemeinde für sich übrigens ebenfalls angehen sollte. Auf das derzeit einzige öffentliche WC im Gemeindegebiet im Gemeindehaus neben der Kirche wird bis jetzt auch nicht sichtbar für alle verwiesen. Alte: „Wir werden daran arbeiten“.

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