1. tz
  2. München
  3. Region

Miese „Park-Abzocke“ bei Lidl? Stammkundin stocksauer auf Discounter

Erstellt:

Von: Thomas Zimmerly

Kommentare

Definitiv nicht mehr zu Lidl: Evelyn Sommer, die einmal die Woche ihren Großeinkauf erledigt, ist stinksauer auf den Discounter.
Definitiv nicht mehr zu Lidl: Evelyn Sommer, die einmal die Woche ihren Großeinkauf erledigt, ist stinksauer auf den Discounter. © Norbert Habschied

Eine Stammkundin ist stocksauer auf Lidl. Weil sie zweimal während ihrer Großeinkäufe zu lange auf dem Parkplatz stand, soll sie nun 50 Euro zahlen. Für die Rentnerin eine Abzocke.

Karlsfeld – Evelyn Sommer hatte an der Kasse des Lidl-Supermarktes in der Karlsfelder Niebelungenstraße noch einen Scherz mit dem Kassier gemacht. „Heute sind Sie aber nicht gnädig mit mir“, sagte sie zu dem Angestellten angesichts der 125 Euro, die sie so eben für Lebensmittel hingeblättert hatte. Die 75-jährige Karlsfelderin ist Stammkundin des Discountunternehmens.

Seit es die Niederlassung bei ihr in der Nähe gibt, kauft sie dort ein. „Ich bin eine treue Kundin, die wöchentlich den Großeinkauf hier erledigt“, sagt sie. Viel Geld habe sie über die Jahre in dem Laden gelassen. Doch nun ist die Rentnerin stinksauer auf Lidl. Weil sie die Parkzeit bei zweien ihrer Einkäufe im August überschritten hat, soll sie jeweils 25 Euro bezahlen. Lidl lohnt sich... offensichtlich nicht für jeden.

Lidl-Abzocke auf Parkplatz? Stammkundin überschreitet Parkzeiten - und soll nun Strafe zahlen

Der Discounter schloss bezüglich seines Kundenparkplatzes einen Vertrag mit der Firma Parkdepot GmbH mit Sitz in München, die als private Parkraumbewirtschafterin die Ein- und Ausfahrten der Autos der Lidl-Kunden mittels eines „kamerabasierten Kennzeichenerfassungssystems“ überwacht.

Die Sache ist nun so: Fährt jemand sein Auto auf den Parkplatz, kommt ein Vertrag zustande. Die erlaubte Parkdauer beträgt laut den „Vertrags- und Einstellbedingungen“, die auf großen Schildern an der Einfahrt und auf der Parkfläche angebracht sind, 60 Minuten. Steht jemand länger, wird eine Vertragsstrafe fällig.

Abzocke auf Lidl-Parkplatz? Bei Überschreitung bis zu 30 Minuten droht 20 Euro Strafe

Bei einer Überschreitung bis 30 Minuten sind das 20 Euro. Danach kommen im 30-Minuten-Takt jeweils 5 Euro obendrauf. Laut der Überwachungsfirma soll das „einfach kundenfreundlich“ sein.

Am 19. August stand der kleine Nissan von Evelyn Sommer eine Stunde und 32 Minuten auf dem Lidl-Parkplatz, am 27. August eine Stunde und 46 Minuten. Bereits mit Datum vom 29. August forderte die Parkdepot GmbH insgesamt 50 Euro von der 75-Jährigen. Eine Frist setzte die GmbH bei dem Schreiben gleich mit.

Bis zum 12. September solle sie zahlen, ansonsten würden Mahngebühren anfallen. Und um den Zahlungsdruck noch einmal zu erhöhen, heißt es: „Im weiteren Verlauf sehen wir uns gezwungen, zivilrechtliche Schritte einzuleiten.“ In den „Vertrags- und Einstellbedingungen“ ist alles haarklein geregelt. Eine Ausnahmeregelung für Kunden sucht man vergeblich.

Lidl-Stammkundin stocksauer - „Mache einen Großeinkauf und werde dann bestraft“

„Ich mache einen Großeinkauf und werde dann bestraft“, sagt Evelyn Sommer. Sie leidet an der unheilbaren Lungenkrankheit COPD. Jeder Schritt bereitet ihr Mühe. Daher kann sie ihre Einkäufe nur langsam erledigen. „Außerdem schaue ich mich immer ausführlich nach Angeboten um. Und immer wieder mal treffe ich Bekannte, mit denen ich mich unterhalte.“ 60 Minuten seien da schnell rum.

Alles haarklein geregelt: Auf diesem Schild an der Einfahrt zum Lidl-Parkplatz weist die Parkdepot GmbH auf die geltenden Parkregeln hin.
Alles haarklein geregelt: Auf diesem Schild an der Einfahrt zum Lidl-Parkplatz weist die Parkdepot GmbH auf die geltenden Parkregeln hin. © Thomas Zimmerly

Lidl triezt Stammkundin mit Strafe - „Abzocke“

Rechtlich ist die Vertragsstrafe nicht zu beanstanden, meint Nikolaus Stumpf, Referent für Marktbeobachtung bei der Verbraucherzentrale Bayern. Auch die 60 Minuten Parkdauer seien angemessen. Dennoch drängen sich Fragen auf. Warum triezen Lidl und die Parkdepot GmbH eine treue Stammkundin mit einer Vertragsstrafe? Und wie kam die Parkdepot überhaupt an die persönlichen Daten von Evelyn Sommer?

Unser Dachau-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.

Frage eins beantwortet die Kundin mit einem Wort. Sie nennt das Vorgehen der Parkdepot GmbH, die sich auf ihrer Webseite rühmt, „digitale Lösungen für Ihre Parkfläche“ anbieten zu können, schlicht als „Abzocke“. Um Frage zwei zu beantworten, muss man vorausschicken, dass es sich um eine rein privatrechtliche Angelegenheit handelt. Evelyn Sommer hat keine Ordnungswidrigkeit begangen. Dennoch kam die Überwachungsfirma an die Daten.

„Ich werde definitiv nie wieder zu Lidl zum Einkaufen gehen!“

Evelyn Sommer

Hilfreich ist Paragraf 39 des Straßenverkehrsgesetzes. Er regelt, dass Privatpersonen von der örtlichen Zulassungsstelle oder dem Kraftfahrtbundesamt eine Halterabfrage verlangen können. „Von der anfragenden Person oder Stelle muss glaubhaft und schlüssig dargestellt werden, dass die Daten zur Geltendmachung von Rechtsansprüchen im Zusammenhang mit der Teilnahme am Straßenverkehr benötigt werden“, erklärt Sina Török, Pressesprecherin des Landratsamts Dachau.

Das unbefugte Nutzen eines Privatparkplatzes und der daraus möglicherweise entstandene Schadensersatzanspruch stelle regelmäßig ein berechtigtes Interesse an der Übermittlung der Halterdaten dar, so Török. Und: „Durch genaue Schilderung des Sachverhaltes, mit Angabe von Ort und Zeit des Parkverstoßes, betroffenes Kennzeichen, geltende Regelung auf dem Privatparkplatz wird das berechtigte Interesse auch glaubhaft dargelegt.“

Parken auf Lidl-Parkplatz: Wie kommt Firma an die Daten?

Bleibt immer noch die Frage: Warum werden bei dem Lidl-Parkdepot-System auch Stammkunden zur Kasse gebeten? „Wir als Servicepartner haben keine Freigabe, uns dazu zu äußern“, sagt Parkdepot-Sprecherin Tamara Oertel und spielt den Ball ins Feld von Lidl. Das gewählte Verfahren „bezieht sich auf eine deutliche Überschreitung der Parkzeit“, erklärt Lidl-Sprecherin Michelle Mueller. Komisch nur, dass laut den „Vertrags- und Einstellbedingungen“ bereits ab der ersten Minute Überziehung 20 Euro fällig werden.

„Die Gebühr kann jedoch storniert werden, sollte durch den Lidl-Kassenzettel eine längere Einkaufsdauer nachgewiesen werden können“, so Mueller weiter. Pech für Evelyn Sommer, die die beiden Kassenbons, die die Einkäufe vom 19. sowie 27. August belegen würden, nicht mehr hat.

Mag sein, dass das Abkassieren von Evelyn Sommer legal war. Verständlich ihr Ärger, dass sie die Kassenzettel weggeworfen hat. Und klar, sie wird die 50 Euro überweisen. Aber: „Ich werde definitiv nie wieder zu Lidl zum Einkaufen gehen!“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Dachau finden Sie auf Merkur.de/Dachau.

Auch interessant

Kommentare