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Institution am Lenkrad: „Kran Bäda“ nach vier Jahrzehnten in Rente

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Von: Michael Seeholzer

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Einen Arbeitsvertrag hatte er nicht, „das ging alles per Handschlag“, sagt Peter Dittrich, der den Lastwagen nach vier Jahrzehnten für immer zugesperrt hat.
Einen Arbeitsvertrag hatte er nicht, „das ging alles per Handschlag“, sagt Peter Dittrich, der den Lastwagen nach vier Jahrzehnten für immer zugesperrt hat. © PETER KEES

Den „Kran Bäda“ kennen auf den Baustellen in Oberbayern fast alle. Eigentlich heißt er Peter Dittrich (63), ist Lastwagenfahrer und geht in Rente, nach vier Jahrzehnten im Führerhaus.

Nettelkofen - Seinen Spitznamen hat der Lorenzenberger Peter Dittrich weil er einen Selbstlader fährt, einen Mercedes Actros MP 2 mit 500 PS. „Ich habe in 16 Jahren nur einmal drin geschlafen“, erzählt der „Bäda“. Und dabei war er auf den Baustellen trotzdem immer der Erste.

Einen Arbeitsvertrag hatte er nie: Ein Handschlag zählt

Peter Dittrich ist ein Arbeitsleben lang für das Fuhrunternehmen von Ignaz Fuchs in Nettelkofen gefahren. „Im Regionalverkehr, am Abend war ich immer zuhause.“ Einen Arbeitsvertrag hatte er dabei nicht. „Das ging alles per Handschlag.“ Da ist damals sein Lastwagen noch nicht einmal ganz fertig gewesen“ erzählt sein Firmenchef Ignaz Fuchs (59) über die Anfänge.

Peter Dittrich (li.) mit „seinem“ Lastwagen und seinen drei Chefs, die alle Ignaz Fuchs heißen und die gleichnamige Spedition in Nettelkofen betreiben.
Peter Dittrich (li.) mit „seinem“ Lastwagen und seinen drei Chefs, die alle Ignaz Fuchs heißen und die gleichnamige Spedition in Nettelkofen betreiben. © PETER KEES

Das Fuhrunternehmen wurde in den 1950er Jahren gegründet. „Wir hatten den ersten Silozug, das war eine Mordsgeschichte“, erzählt Seniorchef Ignaz Fuchs (87). Fährt er noch selbst? „Nein, das ist mit zu weit rauf“, sagt er und meint damit die Kraxelei ins Führerhaus. An seinen ersten Lastwagen kann er sich aber noch genau erinnern. „Ein Magirus.“

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Peter Dittrich hat sich selbst disponiert

In seinem ganzen Arbeitsleben hat der „Kran Bäda nur drei Lastwagen gebraucht“, erzählt Ignaz Fuchs, der Mittlere (59), mit Respekt in der Stimme. Bald soll der Junior Ignaz Fuchs (29) die Geschäfte ganz übernehmen. Er sitzt bereits im Büro und disponiert die Fahrer. „Der Bäda hat sich selbst disponiert“, sagt Fuchs der Mittlere anerkennend. Das heißt: Peter Dittrich hat sich selbst eingeteilt zur Arbeit, offensichtlich zur Zufriedenheit des Chefs und auch zur Zufriedenheit der Kunden.

„Ich bin jeden Tag um 2 Uhr aufgestanden. Wenn die anderen auf die Baustelle kamen, war ich schon wieder weg.“ Geliefert hat er dabei zum Beispiel Ziegel aus einem nahen Ziegelwerk. Und weil um die Zeit manchmal noch niemand auf dem jeweiligen Werksgelände war, konnte der „Kran Bäda“ auch ohne Aufpasser seine Ware mit dem Selbstlader auf seinen Laster heben. „Das war Vertrauenssache.“ Gegeben habe es nie etwas, die ganzen Jahrzehnte nicht, bestätigt sein 59-jähriger Chef Ignaz Fuchs. Zum Schluss fuhr sein Mitarbeiter vor allen Dingen Pflastersteine. Die Nachfrage danach sei gestiegen, erzählt er. Pflaster ist regendurchlässig und in Mode.

Eigentlich war der „Kran Bäda“ Maschinenschlosser

Eigentlich hat Peter Dittrich ja Maschinenschlosser gelernt, „bei der Firma Siemens“. Aber nach der Lehre kam die Bundeswehr und bei der Bundeswehr konnte er seinen Lastwagenführerschein machen. Und dann habe er sich bei der Fuchs GmbH in Nettelkofen vorgestellt und prompt angefangen. Auf seinen derzeitigen Lastwagen hat er insgesamt 1 187 000 Kilometer draufgefahren. Das ist fast so weit wie 30 Mal um den ganzen Erdball herum – und das im Regionalverkehr. Seinen Laster hat er dabei pfleglich behandelt. „Am Motor hat da nie was gefehlt, höchstens mal ein paar Verschleißteile“, lobt Firmenchef Fuchs. Auch der Atlas-Kran, mit dem der „Bäda“ seine Paletten auf die Ladefläche hebt, habe gut durchgehalten.

Peter Dittrich hat seinen Arbeitsplatz bereits verlassen. „Ich habe den Lastwagen ausgeräumt“, sagt er. Von der Firma Fuchs wird den Wagen kein anderer Fahrer übernehmen. „Der wird verkauft“, sagt Ignaz Fuchs der Mittlere. Der „Kran Bäda“, verheiratet, zwei erwachsene Töchter, geht in Rente. Für den Fotografen holt er die Fuhre samt Anhänger noch einmal aus der Garage. 40 Tonnen Gesamtgewicht, mit über 18 Metern Länge. Danach fährt er seinen Actros rückwärts wieder rein, so genau, dass man ein langes Lineal anlegen könnte. Fahrerische Routine eben.

Das ferne Ausland ist ihm zu weit weg: Dann lieber Südtirol

In der Rente, wenn er mit seiner Frau in den Urlaub fährt, wird er diese Routine nicht mehr brauchen. Ins ferne Ausland fahren? „Das ist mir zu weit“, sagt der „Kran Bäda“. Dann schon lieber nach Südtirol oder in den Bayerischen Wald.

Das Berufsleben als Fahrer habe sich verändert. Zwar seien die Stunden im Führerhaus weniger geworden, „aber der Stress wurde dafür mehr“. Immerhin brachte er es zum Schluss noch auf 220 Stunden im Monat. Damit ist jetzt Schluss. „Aber ein bisschen Wehmut war schon dabei, als ich den Lastwagen ausgeräumt habe“, gibt der „Kran Bäda“ zu und macht sich mit den beiden Seniorchefs eine Feierabendhalbe auf.

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