Loriots heile Welt: Die tz auf Spurensuche

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Hier lebte Loriot

Ammerland - Am Mittwoch standen viele Ammerländer zusammen, tauschten Erinnerungen an den großen Humoristen Loriot aus. Die tz begab sich auf Spurensuche.

Man hat’s geahnt im Ammerland, dass es um den berühmten Nachbarn Loriot nicht sonderlich gut steht. Seit Monaten war er nicht mehr auf seinem Stammplatz beim Limm in Münsing gesehen, noch länger nicht beim Bäcker Graf. Am Mittwoch standen viele Ammerländer zusammen, tauschten Erinnerungen an den großen Humoristen aus. Die tz begab sich auf Spurensuche.

Zum Beispiel bei Regina Graf, der Inhaberin der Bäckerei und des Edeka-Ladens, und ihren beiden Kindern Franzi (12) und Kathrin (10): „Ich habe Loriot immer mit gedecktem Apfelkuchen verwöhnt, sein Liebling war ein einfacher Butterkuchen“, erzählt sie. Den Kindern habe Loriot immer seine Bücher geschenkt und eine typische Loriot-Ente – die berühmte aus dem Badewannen-Sketch. „Vor sechs Jahren hatte die Bäckerei 100-jähriges Jubiläum, da ist Herr von Bülow extra am Abend noch gekommen. Wir saßen auf dem Balkon und haben geratscht. Bei allem, was er sagte, musste man lachen“, erinnert sich Regina Graf.

Ein paar Schritte weiter ist der Laden von Sylvester Huber. Der 78-Jährige ist weit mehr als „nur“ einer von 38 Fischern rund um den See, sondern eine Art „heimlicher Bürgermeister“ von Ammerland. Der weiß, was im Dorf los ist. Kein Wunder, schließlich war Huber lange Gemeinderat – auch zu der Zeit, als Loriot vor Jahrzehnten das Grundstück gekauft hatte. „Damals sind 25 Grundstücke ausgewiesen worden. Und schon zwei Tage, nachdem er sich bei der Gemeinde angemeldet hatte, forderte er: Alle anderen verkauften Grundstücke sollten sofort mit Baustopp belegt werden. Das tat er in einem Brief und begründete das damit, dass er seine Esel, Möpse und Kinder nicht in Gefahr bringen wolle. In dieser Reihenfolge!“, erinnert sich Huber. Auch mit der Hecke gab’s Ärger: Sie sollte einen Meter hoch sein, wurde dann aber zu 2,20 Meter hohen Thujen. Und so wurde das Eckgrundstück an zwei Straßen inklusive Steigung zum Lkw-Schreck. Oben an der Thuja mussten die Trucks um die Ecke, die Gemeinde wollte ein Stück Grund zurückkaufen – doch hergeben wollte Loriot nichts. „Ich weiß, dass das bis heute einige Anwohner ärgert. Die Lkw müssen mühsam drehen und wenden.“ Dennoch: „Herr von Bülow war ansonsten schon ein leutseliger Mann, mit ihm konnte man reden. Die Fahnen wehen in Ammerland emotional auf Halbmast.“

Loriot: Ein Streifzug durch sein Leben

Loriot - ein Streifzug durch sein Leben

Über Loriots Gesundheitszustand weiß der rüstige Rentner auch etwas beizutragen: Als der Star nicht mehr so fit war, habe er bei einem Treffen mit Freunden auf die Frage, wie es ihm gehe, auf Berlinerisch geantwortet: „Was fragste so blöd? Das siehst du doch. Die Zähne klappern, Arme und Beene werden immer dünner, und alles wächst an die Wampe ran.“ So erzählt man sich’s im Dorf. Im Laufe der Jahre habe sich Loriot dann noch ein Seegrundstück in der Gemeinde gekauft, „wo er sich gerne und ausgiebig auf dem Steg gesonnt hat“, so Huber. In Münsing, ein paar Hundert Meter weiter, war Loriots Wirtshaus-Stammplatz. Beim Limm, wie Sebastian Limms (78) Wirtschaft überall genannt wird. Der Seniorwirt erinnert sich ans erste Kennenlernen, und das war durchaus riskant: „Das ist Jahrzehnte her. Ich war auf dem Radl unterwegs, wollte links abbiegen und hab das Handzeichen vergessen. Hinter mir legte ein Jaguar eine Vollbremsung ein. Natürlich wusste ich: Der gehört Herrn von Bülow! Er hatte super reagiert. Einige Tage später kaufte seine Frau wie so oft in unserer Metzgerei ein. Ich sagte ihr: ,Ihr Mann hat mich fast überfahren, aber auch das Leben gerettet. Ich würde Sie beide gerne zum Essen einladen.“ Und so kam’s auch. Am liebsten aß Loriot Leberknödelsuppe. Sein Standardspruch war stets: „Sind die Leberknödel so, wie sie sein müssen?“ Und dann hat er sie bestellt.

Im Münsinger Rathaus sei ein Kondolenzbuch ausgelegt, berichtet Bürgermeister Michael Grasl. „Erst im Mai war er bei mir, weil die von Bülows Diamantene Hochzeit gefeiert haben“, erinnert sich Grasl. Was schenkt man einem, der alles hat? „Herr von Bülow war ein großer Gartenliebhaber, und die Gemeinde hat ihm eine große Hochstammrose geschenkt.“ Die Freude war groß bei Loriot, der sich „überhaupt sehr über kleine und selbst gemachte Sachen gefreut hat“, so Grasl. Vor drei Jahren fertigte Loriot eine von vielen Zeichnungen an: hier für verabschiedete Gemeinderäte. Ein Bein in Lederhose, eines im Anzug – so zeigte er ein typisches „Exemplar“. „Bei solchen Kleinzeichnungen war er genauso akribisch wie im Großen.“ Loroit wollte den Unterschied zwischen Mist- und Heugabel wissen und hatte den Rahmenhändler in Wolfratshausen fast zur Weißglut getrieben, weil er ein ganz bestimmtes Grau für den Rahmen wollte. „Er war sich nie zu schade, für örtliche Vereine Zeichnungen zu machen. Der Feuerwehr, dem Judoverein. Kostenlos, aber wir bezahlten in Naturalien“, lacht Grasl. Und selbst in Vereinen? War Loriot auch, allerdings in kulturell ausgerichteten.

Fest steht: Loriot lebt weiter. In ganz Deutschland und ganz besonders in seiner Heimat, dem Ammerland.

Matthias Bieber / Wolfgang de Ponte

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