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Oberbayern protestieren in Lützerath: „Bin nicht zur Demo gefahren, um mich mit Polizisten zu prügeln“

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Von: Verena Möckl

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An der Abbruchkante bwei Lützerath: Die Klimaaktivistin Fée van Cronenburg wollte sich selbst ein Bild von der Grube des Braunkohletagebaus Garzweiler machen.
An der Abbruchkante bei Lützerath: Die Klimaaktivistin Fée van Cronenburg wollte sich selbst ein Bild von der Grube des Braunkohletagebaus Garzweiler machen. © Privat

Tausende Menschen sind übers Wochenende nach Lützerath gereist. Auch zwei junge Aktivisten von Fridays For Future Dachau wollen das Braunkohledorf friedlich verteidigen. Am Ende des Tages sind sie enttäuscht.

Dachau/Lützerath – Während Fée van Cronenburg mit den Menschen um sich herum langsam aber entschlossen durch den Matsch auf die Polizeiblockade zustapft, kann die 20-Jährige nur an eins denken: Es wird schon alles gut gehen! Adrenalin strömt durch ihren Körper. Mit erhobenen Händen kommen sie den Einsatzkräften immer nähe. Die Stimmung ist aufgeheizt.

„Ich habe gerade noch so viel Vertrauen in unser Rechtssystem, dass ich gehofft habe, dass uns die Polizei nicht einfach grundlos niederknüppelt“, sagt sie am darauffolgenden Tag, als sie am Telefon ihre Eindrücke von der Großdemonstration am Samstag beim Braunkohledorf Lützerath schildert.

Klimaprotest in Lützerath: Zwei Aktivisten aus Kreis Dachau bei Großdemo dabei

Der Energiekonzern RWE hat nach einem Kompromiss mit der Ampel-Regierung die Räumung des Dorfes beauftragt, um die Kohle darunter abzubaggern und den Tagebau Garzweiler auszudehnen.

Die Hebertshauserin ist extra für die Demo nach Keyenberg unweit von Lützerath angereist. Allerdings nicht von Bayern aus, sondern von Maastricht, wo sie zurzeit „Global Studies“ studiert. Klimaprotest ist ihr nicht fremd. Als eine der Gründungsmitglieder von Fridays For Future in Dachau hat sie schon viele Male Demonstrationen organisiert und besucht.

So etwas wie in Lützerath hat sie aber noch nie erlebt, sagt sie. „Da waren so viele Menschen in jedem Alter, das habe ich selbst nicht vorhergesehen.“ Zum ersten Mal hört sie die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg live sprechen.

Vormarsch nach Lützerath: „Man darf sich das nicht wie eine Schlacht vorstellen“

Das macht was mit einem, wenn man das größte Loch Europas sieht.

Klimaaktivistin Fée van Cronenburg aus Hebertshausen

Sie reiht sich unter die tausenden Demonstranten ein. „Das macht was mit einem, wenn man das größte Loch Europas sieht“, sagt sie. Damit meint sie die Grube vom Braunkohletagebau Garzweiler. Van Cronenburg dringt bis zur Abbruchkante vor. Vor ihr geht es mehrere Meter in die Tiefe.

Sie habe sich die ganze Zeit sicher gefühlt, sagt sie. Zu keinem Zeitpunkt habe sie Angst gehabt – auch nicht vor Polizeigewalt. Einsätze mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray habe sie weder selbst gesehen noch erlebt: „Man darf sich das nicht wie eine Schlacht vorstellen.“ Die Demo sei zum Großteil friedlich verlaufen, betont sie.

Räumung von Lützerath: Polizeigewalt und Attacken von Demonstranten

Van Cronenburg berichtet aber auch von Polizisten, die auf Menschen zustürmen, Demoteilnehmern, die Schlamm auf Polizisten werfen. Es fliegen auch Böller. Sie klingt genervt, wenn sie davon erzählt. „Das ist nicht im Sinne des Klimaschutzes.“ Auch Aktionen wie Baumhäuser zu besetzen oder sich in Tunneln zu verschanzen seien nicht ihr Ding, sagt sie. „Ich möchte Leute zum Umdenken bewegen.“ Ihrer Ansicht nach geht das besser mit anderen Protestformen.   

Ich bin nicht zu der Demo gefahren, um mich mit Polizisten zu prügeln.

Fée van Cronenburg

In ihrer Heimat Dachau organisierte sie zum Beispiel Fahrraddemos oderDiskussionsrunden mit Kommunalpolitikern. „Ich bin nicht zu der Demo gefahren, um mich mit Polizisten zu prügeln.“

Enttäuscht von den Grünen

Mit erhobenen Armen schreiten sie und die Demonstranten auf die Einsatzkräfte zu, als etwas geschieht, womit van Cronenburg nicht gerechnet hat: Die Polizeiblockade löst sich auf. Für sie und die Gruppe an Demonstranten ist es ein Erfolgsgefühl – allerdings nur ein kleines.

Bis zum Schluss hat Fée van Cronenburg noch gehofft, dass es ein politisches Einlenken gibt. Von den Grünen ist sie enttäuscht. „Ich würde gerne grüne Klimapolitik verteidigen, aber es wird einem nicht einfach gemacht.“ Es wundere sie nicht, wenn Aktivisten zu radikaleren Protestformen greifen.

Die Grünen haben einen massiven Imageverlust. Die können noch so viel von Klimaschutz reden, das Vertrauen der Klimabewegung ist gebrochen.

Klimaaktivist Michael Staniszewski aus Karlseld
Zeichen für den Klimaschutz: Michael Staniszewski protestiert schon seit Wochen für den Erhalt des Braunkohledorfs Lützerath.
Zeichen für den Klimaschutz: Michael Staniszewski protestiert schon seit Wochen für den Erhalt des Braunkohledorfs Lützerath.  © Privat

Michael Staniszewski, dem Mitinitiator von Fridays for Future in Dachau, blickt mit ähnlichen Gefühlen auf die Bundespolitik. „Die Grünen haben einen massiven Imageverlust. Die können noch so viel von Klimaschutz reden, das Vertrauen der Klimabewegung ist gebrochen.“

Der 23-jährige Karlsfelder ist auch nach Lützerath gereist, um zu demonstrieren, vor allem aber um sich mit anderen Aktivisten zu vernetzen. Seit Donnerstagabend zeltet er in einem Camp, das sich über die benachbarten Dörfer von Lützerath erstreckt.   

Räumung von Lützerath: Enttäuschung und Frustration

Für van Cronenburg geht es noch am selben Tag nach Hause. Es dämmert, als sie im Zug zurück nach Maastricht sitzt. Sie ist frustriert. Am Telefon hört sie sich etwas ratlos an. Aber ans Aufgeben will sie nicht denken: Das nächste Mal wolle sie sich besser vorbereiten, sich informieren, was bei Auseinandersetzungen mit der Polizei zu tun ist. „Das was ich in Lützerath erlebt habe, hat mich in meinem Klimaprotest bestärkt.“

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