Erkrankter Landwirt hat ungewöhnliches Hobby

Der Mäusefänger von Lochham

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Mit dem Mausmobil fängt Josef Gerr aus Lochham Nagetiere. Nur selten kommt der 76-Jährige ohne Beute zurück.

Lochham - Ein Unfall machte Josef Gerr aus Lochham einst zum Invaliden. Doch der Landwirt fand eine neue Aufgabe. Mit seinem speziellen Mausmobil fängt der 76-Jährige Mäuse. 

Wenn Josef Gerr aus Lochham auf seinem Traktor sitzt, ist die Hof-Katze arbeitslos. Sie schwänzelt um den Eicher ED-16, Baujahr 1951, herum. „Für sie fällt dann ja wieder einmal das Jagen flach“, sagt der 76-Jährige, genannt Huber-Bauer. Er lacht. 

Denn Gerr jagt mit seinem Traktor, dem Mausmobil, Mäuse. Das tut er, seitdem er nach einem Unfall behindert ist. Gerr denkt, dass er noch zu den wenigen Austragsbauern gehört, die den Mausfang mit Fallen praktizieren. „Weil die Jungen ja eigentlich keine Zeit mehr dafür haben.“ Er schon. Fast täglich, von Frühjahr bis Herbst, tuckert der Bauer auf den Feldern des etwa 30 Hektar großen Bio-Hofes seines Sohnes herum. Selten kommt er ohne Beute zurück. Mal sind es vier Wühlmäuse auf einen Streich, mal zehn. Für ihn ist das Mäusefangen sogar eine Art Therapie gegen seine Krankheit. 

Gerr muss vorsichtig über die Ackerschiene absteigen. „Mein linkes Bein und mein linker Arm wollen halt nicht mehr“, sagt Gerr. Es ist halbseitig gelähmt. Es geschah vor 14 Jahren. Beim Verladen von Jungvieh 2001 riss sich unvermutet ein Kalb im Transporter los. Die schwere Ladeklappe löste sich und fiel auf den Landwirt. Es folgten eineinhalb Jahre Unfallkrankenhaus Murnau, eine Zeit der Verzweiflung, des Grübelns und schließlich der Annahme seiner Behinderung. „Ich war damals ja erst 62 Jahre alt“, erinnert sich Gerr. „Ich wollte noch nicht untätig sein und meinem Sohn, dem ich das Anwesen übergeben hatte, helfen.“ Er gab nicht auf. 

Irgendwann erinnerte er sich an sein Kindheits-Hobby: das Mäusefangen. Schon als Bub sprang er den kleinen Übeltätern auf Feld und Flur nach. „Für mich war das damals als Kind ein Hobby, das sich ja rentiert hatte.“ Denn für jedes „Schwanzl“ bekam er von seinem Vater zehn Pfennig. Viel Geld für einen kleinen Buben. Ausgegeben wurde das bisschen Bare dann flugs in Holzkirchen beim Eisessen. Nachdem er sich an seine Kindheit erinnert hatte, fällte Gerr einen Entschluss: Er wollte seine Leidenschaft wieder mit dem Nützlichen verbinden. 

Also baute seine Familie den Traktor zum Mausmobil um. An dem Fahrzeug gibt es seither eine spezielle Vorrichtung, mit der der Altbauer die Mäusefallen spannen kann. Ohne diese könnte er das wegen seiner Behinderung gar nicht mehr. Mit dem Eichler geht es dann zum Einsatzort. Dort angekommen, muss er trotzdem absteigen, dann beginnt die Handarbeit. „Das ist etwas mühsam, ich muss mich dazu oft regelrecht zwingen“, meint er. Mit einem Stock sucht er erst einmal zwischen den Erdhaufen den Mäusegang. Hat er ihn gefunden, stellt er die Fallen auf. Eine beschwerliche Prozedur für den behinderten Altlandwirt, die er kniend machen muss. Er ist jedes Mal froh, heil in die Höhe zu kommen. „Wenn ich mein Mausmobil nicht hätte, wäre es gar nicht machbar“, erklärt er. 

Als Experte kennt Gerr sämtliche Eigenschaften und Gewohnheiten der kleinen grauen Nager, die sich flugs vermehren. „Gebietet man ihnen im Frühjahr keinen Einhalt, hat man im Herbst die Plage“, weiß er. Wieviele Wühlmäuse er jährlich fängt, schreibt er in sein Tagebuch, das er penibel führt. 2012 waren es noch 1100, 2014 schrumpfte die Zahl auf 80 – bedingt durch eine Wühlmausseuche, wie er erklärt. 

Mit viel Ausdauer und Disziplin hat sich Altbauer Gerr damit seinen eigenen Arbeitsbereich am Hof geschaffen, mit dem er auch seinen jungen Leuten helfen will. Sohn Sepp findet es einfach einmalig. Für ihn als Landwirt sei es sehr wichtig, dass dem Vieh sauberes Gras verfüttert werden kann. Um Verunreinigungen durch Mäusehaufen zu verhindern, müsse gemaust werden. „Ich bin stolz darauf, dass sich mein Vater trotz seiner Behinderung so etabliert hat und aus dem etwas macht, was nicht mehr zu ändern ist.“ Auch Ehefrau Anneliese ist froh, dass ihr Mann eine neue Aufgabe gefunden hat. „Er fühlt sich wieder auf dem Hof gebraucht.“ 

Und an manchen Tagen kann es Sohn Sepp eigentlich gar nicht glauben, was sein 76-jähriger Vater da so treibt: „Dass es so etwas gibt.“ Das wundert ihn immer wieder aufs Neue. Sein Vater ist eben der Mäusefänger von Lochham.

Von Heidi Amon

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