18-jähriger Markt Indersdorfer schreibt Buch

„Wir Schüler sollen alles auswendig lernen und auf ein Blatt kotzen“

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Der Autor Sebastian Böhm ist erst 18 Jahre alt.

Schule - das „größte Irrenhaus der Welt“. Das behauptet zumindest der Schüler Sebastian Böhm aus Markt Indersdorf in seinem Buch „How to survive Schule“. Wie er darauf kommt? Lesen Sie einen Auszug aus seinem Buch.

Wie Sie sich vor schulischer Verblödung schützen: Eigentlich ist es die Aufgabe der Schule, einem stets neue Werkzeuge in die Hand zu geben, die dabei helfen, im Leben aufzutrumpfen und eine wahnsinnig erfolgreiche Karriere hinzulegen. Das umfasst vor allem die Vermittlung der so wichtigen Allgemeinwissensgrundlagen, die das Interesse des Schülers wecken und Lust auf mehr machen sollen. 

Sie fragen sich nach diesem Absatz sicherlich, ob ich den bisherigen Text aus irgendeinem Selbsthilferatgeber für Lehrer übernommen habe, in dem von schwachsinnigen und komplett überzogenen Ansprüchen gebrabbelt wird. Erst einmal – nein, es handelt sich nicht um ein Plagiat, und zweitens bin ich der Meinung, dass die genannten "Allgemeinwissensgrundlagen" tatsächlich eine große Rolle spielen müssten. Leider werden sie in unserem Schulsystem nur sehr spärlich vermittelt. 

Dozenten an den Universitäten beschweren sich immer wieder, dass die Hochschulen als eine Art "Zeugnis-Drucker" empfunden werden und Studenten nur noch darauf bedacht seien, so schnell wie möglich zu einem formalen Abschluss zu kommen. Intensive Beschäftigung mit Inhalten und auch fächerübergreifende Begeisterung spielten immer seltener eine Rolle. 

Na wie denn auch, wenn die Schüler neun bis zwölf Jahre lang nur alles auswendig lernen und dann auf ein Blatt Papier kotzen sollen? 

So kommt Hans beispielsweise mit 10 Punkten (also einer 2–) in Englisch aus dem Abitur, obwohl er nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, sich mit einer Person von der "Insel" zu unterhalten. Aufgrund seiner hervorragenden schriftlichen Noten kann man über dieses Ergebnis nicht meckern – nicht seine Zensuren bedürfen einer Überarbeitung, sondern die Ausbildung. 

Gleiches gilt auch für Fächer wie Wirtschaft, Sozialkunde oder Geschichte, wo man sich mit Jahreszahlen und dem korrekten Wiedergeben von irgendwelchen Theorien und sonstigem Faktenwissen bis zum Abschluss durchmogeln kann, ohne auch nur irgendetwas verstanden zu haben. 

Welche Auswüchse diese katastrophalen Unterrichtsmethoden zuweilen mit sich bringen können, zeigt die folgende Textstelle aus dem Kapitel "Schulsystem, Ausbildung und Erwartungshaltung" meines letzten Buches. 

"Was bedeutet das Wort "Courage"? Eine verdammt gute Frage, die sich auch gar nicht so leicht beantworten lässt, wenn man sie von allen Seiten beleuchten und unter philosophischen Gesichtspunkten betrachten will. Mein geschätzter Englischlehrer […] wollte von der Klasse jedoch einfach nur die Übersetzung für das englische und gleich geschriebene Pendant wissen, worauf das traumalastigste Ereignis meiner ganzen Schulzeit folgen sollte. Nachdem der Herr das Nichtmelden der Schüler zunächst als die allgemeine Trägheit der Masse missinterpretierte und anschließend schlicht nach dem deutschen Wort für Courage fragte, traf nicht nur ihn der Schlag. Der erste Kandidat, dem er erzwungenermaßen die Frage stellte, antwortete mit "Unterstützung", ein zweiter mit "Hilfe", ehe eine besonders begabte Klassenkameradin ein schweres Sturmgewehr hervorholte und den Vogel mit dem Kaliber "fehlende Allgemeinbildung" vollends abschoss. "Unfall" hieß ihre finale Enträtselung der gestellten Herakles-Denkaufgabe, die noch heute immer wieder einen kalten Schauder auszulösen vermag." 

Sebastian Böhms Buchcover „How to survive Schule - Wie man den alltäglichen Wahnsinn übersteht und trotzdem seinen Abschluss schafft“

Unabhängig von diesem Beispiel produziert das Bildungssystem Blödmänner, die zwar über die Indoktrination des Islamischen Staates lachen, sich selbst aber glücklich schätzen können, dass unsere Unterrichtsinhalte per Gesetz ideologiefrei gehalten werden müssen. Weil viele das Gesagte einfach als gegeben akzeptieren, auf Reflexion verzichten und auch nicht zu kombinieren beginnen, schließe ich daraus, dass sie sich bei entsprechend angepasstem Lernstoff ebenso bereitwillig in die Luft sprengen würden wie verrückte Islamisten im Nahen Osten.

Ein anderes Thema, das ebenfalls mit der schulischen Verdummung einhergeht, offenbart sich in der kompletten Alltagsuntauglichkeit vieler Schüler. Zwar lehne ich die Kürzung des Stoffes ebenso ab wie die immer wieder geforderte Streichung "unnötigen Wissens" (denn das gibt es nicht), doch irgendetwas läuft gewaltig schief, wenn Ihnen ein Typ von der Relativitätstheorie erzählen kann, sich aber gleichzeitig beim Aufschneiden der Pausensemmel verletzt, über seine eigenen Füße stolpert oder keine Ahnung hat, wie man eine Waschmaschine bedienen muss.

Praxistipps: Bitte lassen Sie sich nicht verblöden. Auch wenn es zusätzliche Arbeit bedeutet und nicht zwangsläufig zu besseren Noten führen wird, kommt es Ihrem Charakter und Ihrer Bildung zugute, über den Schulstoff nachzudenken. Lesen Sie Bücher, erweitern Sie Ihren Horizont und reflektieren Sie so oft es nur irgendwie möglich erscheint. Außer natürlich in Latein, da bedeutet diese Vorgehensweise nur unnötigen Ballast. Um außerdem nicht zu einem Versager zu werden, der mit Mitte 30 noch bei den Eltern herumvegetiert, sollten Sie zudem Aufgaben im Haushalt übernehmen. So findet man am besten heraus, wie der Hase im Alltag läuft. Damit bleibt es Ihnen erspart, sich in der ersten eigenen Wohnung immer neue Kleidung kaufen zu müssen, wenn die alte wieder dreckig geworden ist.

Warum Sie (im Unterricht) auf Ihr Smartphone verzichten sollten: Kennen Sie Jetpack Joyride, das, wie ich gerade feststelle, auf dem iPhone mittlerweile nur noch "Jetpack" heißt? Wenn ja, haben Sie echt Geschmack, wenn nein, sollte Ihre Aufmerksamkeit dem nachfolgenden Absatz gelten. 

Bei diesem großartigen Handyspiel geht es darum, als "Barry" (so der Name des Charakters) mit einem Jetpack in ein Hochsicherheitslabor einzudringen, um dort dann glühenden Hindernissen (Zappers) und Raketen auszuweichen. Dies tut man so lange, bis der virtuelle Protagonist das Zeitliche gesegnet hat und man wieder von vorne beginnen darf. Dabei lassen sich Münzen sammeln und Aufgaben erledigen, die auf lange Sicht den Spielerlevel erhöhen. 

Was sich jetzt anhört wie eine Wissenschaft, ist eigentlich recht einfach und intuitiv begreifbar. Zuletzt noch eine Frage an alle, die Jetpack Joyride bereits entdecken durften: Sie glauben, gut in diesem Spiel zu sein, weil Sie Level 100 erreicht haben? Fehlanzeige. Ich bin Stufe 2101, habe somit alle Abzeichen (manche sogar doppelt), mein Highscore liegt bei mehr als zwölf Kilometern, und ich besitze sämtliche Kleidungsstücke, Gadgets, Achievements, Jetpacks, Fahrzeugupgrades sowie 4.034.246 Münzen. Von diesem zweifelhaften Ruhm weiß sogar das Entwicklerteam, welches mir infolge meiner E-Mail ein T-Shirt zukommen lassen wollte. Leider ist es niemals eingetroffen. 

Wie dem auch sei – es wäre mit Sicherheit sinnvoller gewesen, die Physikstunden mit Physik zu verbringen anstatt mit völlig geistesgestörter Daddelei Lebenszeit und die Chance auf neues Wissen zu vergeuden. Später ist man eben immer schlauer. 

Sie kennen dieses Problem sicherlich auch – vielleicht nicht mit Jetpack Joyride, dafür aber möglicherweise in Bezug auf Snapchat, Facebook, WhatsApp oder Instagram. Nur weil diese Zeitfresser die Aufschrift "soziale Netzwerke" tragen, heißt das noch lange nicht, dass man sie in größerem Umfang gebrauchen kann. 

Alle grölen immer "YOLO" (you only live once), nur um dann die einzige Existenz, die sie haben, mit einem viereckigen Kasten zuzubringen. Mal im Ernst – was soll das?

Sind Sie wirklich so berühmt und wichtig, dass selbst Unterrichts-Snaps die Mühe wert sind? Wen juckt schon der neue Status von diesem Hobo aus der Nachbarklasse, und warum zum Teufel folgen so viele Leute irgendwelchen Idioten auf Instagram, die sie nicht einmal mögen? Visionäre der Menschheit haben leicht portable Kamerahandys sicher nicht erfunden, damit irgendwelche Vollpfosten mit knüppelharter Profilneurose dann auf die Idee kommen, ihr ekelhaftes Hipster-Selfmade-Saufutter im Internet zu publizieren. 

Und das Schlimmste ist, dass Sie aus all dieser Zeitverschwendung nicht den geringsten Nutzen ziehen können. Mit Apps wie den oben genannten (schweren Herzens muss ich zugeben, dass auch Jetpack Joyride dazuzählt) ist weder ein nennenswerter Wissensgewinn, noch irgendeine Steigerung der Lebensqualität verbunden. Eher im Gegenteil: Aufgrund ständiger Vergleiche mit anderen, womöglich erfolgreicheren Leuten sinkt die Zufriedenheit mit der eigenen Person, und ständiges Googeln versperrt den Weg zu einer guten Allgemeinbildung, weil man ja stets in der Gewissheit lebt, das Smartphone rausziehen zu können, wenn sich ein neuer, bzw. unbekannter Sachverhalt auftut. 

Die genannten Aspekte sind nur einige aus einer ganzen Palette ähnlicher Problematiken. Dass das ständige Brummen und Piepen auch die Aufmerksamkeit mindert, muss ich vermutlich nicht extra betonen – wer betroffen ist, merkt das ohnehin an seinen schulischen Leistungen. 

Praxistipp: Machen Sie das Smartphone aus, sobald Sie die Schule betreten haben. Mindmaps lassen sich auch ohne Apps erstellen, Hausaufgaben können ohne Google drive erledigt werden, und niemand muss alle zwei Sekunden auf die Digitaluhr glotzen. Als ich vor einiger Zeit einen Vortrag von Manfred Spitzer (Neurologie-Spezialist, Psychiater und Bestsellerautor) besuchte, wurde mir diese Notwendigkeit nochmals ins Gedächtnis gerufen. Der ausufernde Gebrauch von Smartphones macht nicht nur unsozial, ungebildet und unglücklich – sondern auch dumm. Leider kann ich diese These aufgrund eigener Beobachtungen auch persönlich bestätigen.“

Dieser Gastbeitrag ist ein Auszug aus Sebastian Böhms Buch „How to survive Schule. Wie man den alltäglichen Wahnsinn übersteht und trotzdem seinen Abschluss schafft“, das am 10. März im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erscheint. Es hat 245 Seiten. 

Über den Autoren

Über den Autor schreibt der Verlag: Sebastian Böhm, geboren 1998 in München, besucht derzeit eine Fachoberschule in Bayern. Besonders interessiert es sich für Politik, Literatur und Sport, wobei seine große Liebe den Namen Real Madrid trägt. Im März 2016 veröffentlichte er das gesellschaftskritische Buch „Generation Yolo“ - Warum Deutschland zugrunde geht“. Er wohnt in Markt Indersdorf.

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