Kuriose Geschichte über absurde Vorschriften

Marvin wird der Transport verweigert

Jeden Morgen steigt Marvin, neun Jahre alt, in Egenburg in den Schulbus. Bloß nach der Mittagsbetreuung darf er nicht mitfahren. Vater Stefan Weiß und Mutter Karin mussten umplanen. foto: mko

Dachau - Eine feine Sache, so eine verlängerte Mittagsbetreuung. Die Kinder bekommen Essen, können noch spielen, machen Hausaufgaben. Dumm nur, wenn ihnen danach der Transport mit dem Schulbus verweigert wird. Eine kuriose Geschichte über absurde Vorschriften.

Marvin, neun Jahre alt, aus Egenburg, geht in die zweite Klasse der Greta-Fischer-Schule. Und er fährt jeden Tag mit dem Schulbus hin. Doch nach der Mittagsbetreuung darf der Junge nicht mit dem Bus heim befördert werden - aus rechtlichen Gründen. Die Mittagsbetreuung zählt nicht als schulische Maßnahme, erklärt das Landratsamt Dachau, das für die Schülerbeförderung zur Greta-Fischer-Schule zuständig ist. Und darum dürfen die Schüler danach nicht mitfahren. Obwohl in einigen Fällen sogar ein Schulbus fahren würde.

Dabei waren Christian (47) und Karin Weiß (49) aus Egenburg vor wenigen Wochen noch so erleichtert. Marvin, der seit der 1. Klasse das Sonderpädagogische Förderzentrum an der Thomawiese in Dachau besucht, hatte endlich einen Platz in der Mittagsbetreuung erhalten. Vorbei die Zeit, in der Karin Weiß schon pünktlich mittags zu Hause sein musste, um zu kochen. Doch die Ernüchterung folgte am Ende der Sommerferien: Marvin habe nach der Mittagsbetreuung an der Greta-Fischer-Schule keinen Anspruch mehr, mit dem Bus nach Hause gebracht zu werden, teilte das Landratsamt in einem Brief mit.

Der Landkreis ist der „Aufgabenträger der Schülerbeförderung“, wie es so schön heißt. Anspruch auf die Mitnahme im jeweiligen Schulbus haben Schüler der ersten bis vierten Klassen - allerdings ist nur der „Pflichtunterricht abgedeckt“. Sachgebeitsleiter Albert Herbst erklärt, dass dem Landratsamt Dachau die Hände gebunden sind: „Es ist schlichtweg ein rechtliches Problem. Wir dürfen die Schüler nach der verlängerten Mittagsbetreuung, die nicht als schulische Maßnahme zählt, nicht befördern, da hier die Soll-Beförderung durch das Gesetz nicht mehr geregelt ist und es somit keine Zuschüsse vom Freistaat gibt.“

Familie Weiß plante also um: In die Mittagsbetreuung an der Greta-Fischer-Schule geht Marvin nun nicht. Er fährt nach der Schule mit dem Schulbus von Dachau nach Odelzhausen in die Mittelschule und geht dort in die Mittagsbetreuung. Dort wird er von seiner Mutter Karin nach deren Arbeit abgeholt. „Zeitlich ist das schon ein Mehraufwand für meine Frau“, sagt Christian Weiß.

Der Fall von Marvin ist nicht der einzige: Rund zehn Familien aus dem Landkreis mussten binnen weniger Wochen eine andere Lösung finden für den Heimweg oder eine alternative Unterbringung.

Michaela Schmidt, deren Tochter Jana (7) ebenfalls seit September die Greta-Fischer-Schule besucht, holt ihre Tochter jetzt jeden Tag nach der Mittagsbetreuung in Dachau ab. „Das ist nicht immer so einfach, ich bin alleinerziehend und habe zudem noch einen elfjährigen Sohn. Das ist sowohl zeitlich als auch finanziell schon ein deutlicher Aufwand, der mir von heute auf Morgen auferlegt worden ist“, so die Mutter aus Feldgeding.

Noch kurioser ist der Fall bei Michaela Schafberger aus Langenpettenbach. Für ihren Sohn Felix (9) würde nach der verlängerten Mittagsbetreuung sogar die Möglichkeit bestehen, mit einem Schulbus nach Hause zu fahren. Es fährt ein Bus für die Ganztagsschüler. Der Bus, der für 18 Fahrgäste ausgelegt ist, ist lediglich mit sechs Schülern besetzt. „Allerdings wurde mir erklärt, dass die Schüler, die nicht zu den Ganztagsklassen gehören, nicht versichert sind während der Fahrt. Deswegen dürfen sie nicht mitfahren“, erklärt Michaela Schafberger. So muss Felix nun direkt nach der Schule (11.15 oder 13 Uhr) mit dem Bus heimfahren. „Zeitlich ist das Problem bei mir nicht so groß, aber für Felix wäre es schön gewesen, am Nachmittag die Hausaufgaben direkt mit seinen Mitschülern machen zu können. Dort wäre auch die Betreuung für die Hausaufgaben deutlich besser“, so Michaela Schafberger.

Auch für Marvin wäre es schön, wenn er seine Hausaufgaben zusammen mit seinen Klassenkameraden machen könnte. Schulleiterin Gabriele Oswald-Kammerer kämpft für ihre Schüler und Eltern - und gibt die Hoffnung noch nicht auf: „Wir haben bisher immer eine sehr gute Kommunikation mit dem Landratsamt gehabt. Ich hoffe, dass wir auch für dieses Problem eine Lösung finden werden.“

Genau das hat das Landratsamt auch schon getan: „Wir haben bereits für dieses Schuljahr einen Antrag beim Freistaat gestellt, dass wir die Mittagsbetreuung in die offene Ganztagsschule integrieren wollen, dann wäre die Beförderung wieder geregelt. Leider wurde dieser nicht genehmigt.“ Er zeigt Verständnis für die Eltern der Kinder, die nun ein Problem haben, die Beförderung nach der verlängerten Mittagsbetreuung zu organisieren. Aber zumindest sieht Herbst große Chancen, „dass wir die Genehmigung für das Schuljahr 2016/2017 bekommen“.

(Matthias Kovacs)

auch interessant

Meistgelesen

Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Schulbus auf Irrfahrt: Kinder in Panik
Schulbus auf Irrfahrt: Kinder in Panik

Kommentare