Forderung der Gesundheitsministerin

Mehr Arztpraxen sollen barrierefrei werden

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Oberarzt Thomas Hildebrandt (r.) und eine Patientin in der Spezialambulanz für Frauen und Mädchen mit Behinderung im Universitätsklinikum Erlangen.

Dachau/Erlangen - Bayern braucht mehr behindertengerechte Arztpraxen, fordert Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Beispielhafte Einrichtungen wie in Dachau oder Erlangen gebe es leider noch zu selten.

Die Türen des Arztzimmers sind breit, es gibt viel Platz - ein Segen für Sarah Stumpe. Routiniert steuert die 19-Jährige ihren elektronischen Rollstuhl neben den Untersuchungsstuhl ihrer Frauenärztin. Ihr Assistent wird sie gleich auskleiden und umheben, denn die Studentin kann aufgrund einer Muskelschwunderkrankung lediglich ihre Arme noch selbst bewegen. Stumpe hat Glück: Sie lebt in Erlangen, wo es eine von bundesweit fünf gynäkologischen Spezialambulanzen für behinderte Frauen gibt. Viele andere Betroffene suchen dagegen vergeblich einen Arzt.

„Das Thema barrierefreie Arztpraxen ist grundsätzlich ganz schwierig“, schildert Nicole Lassal von der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung. „Gerade bei Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ist es oft nicht möglich, einen Arzt aufzusuchen.“ Stufen vor dem Gebäude, Treppenhäuser ohne Aufzug, fehlende Behindertentoiletten sind nur einige der Stichpunkte. Bei den Frauenärzten kommt erschwerend hinzu, dass die Untersuchungsräume oft sehr eng sind. Zudem ist der gynäkologische Stuhl nicht variabel und für viele Betroffene ohne Hebelift gar nicht erst zu erklimmen.

„Es sind die baulichen Barrieren, die ein ganz großes Hindernis sind. Und dann die Tatsache, dass das Thema Behinderung in der Ausbildung überhaupt keine Rolle spielt, so dass viele Ärzte auch überfordert sind“, sagt Ute Strittmatter vom Netzwerk von und für Frauen und Mädchen mit Behinderung in Bayern. Die 50-Jährige hat früher lange vergeblich nach einer geeigneten Praxis gesucht. Und beschlossen: So kann es nicht bleiben.

Unterstützt von Chefärztin Gerlinde Debus setzten die Netzwerkfrauen alle Hebel in Bewegung, um die Spezialambulanz am Klinikum Dachau auf die Beine zu stellen. „Es ist einfach nicht in jeder normalen Praxis möglich, Frauen mit schwersten Körperbehinderungen zu versorgen“, begründet Debus ihr Engagement.

Was die Chefärztin aus ihrem Arbeitsalltag schildert, ist für die meisten Mediziner tatsächlich keine Routine. „Wir haben einerseits Frauen mit schlaffen Muskelerkrankungen, da muss man dafür sorgen, dass die Beine nicht von den Stuhlhalterungen runterfallen. Andererseits reicht bei Spastikerinnen manchmal schon eine Berührung aus, um eine Spastik auszulösen. Da muss man dann die Beine halten. Oder man muss sich auch mal ein Bein auf die Schulter legen oder in die Höhe heben.“ Viele Patientinnen sind noch dazu Windelträgerinnen, haben keine Kontrolle über Blase und Darm.

In Dachau und Erlangen werden zusammen knapp 300 Patientinnen im Jahr betreut. Viele Betroffene blieben somit unterversorgt, meinen die Experten - auch wenn 150 weitere Frauenarzt-Praxen im Freistaat sich selbst als rollstuhlgerecht einstufen. Doch in Bayern leben mehr als 547 000 schwer körperlich behinderte Frauen, bundesweit sind es gar 3,7 Millionen.

Zwar sitzen bei weitem nicht alle davon im Rollstuhl - genaue Zahlen geben die Statistiken leider nicht her. Dennoch ist für Debus klar, dass es an Angeboten mangelt: „Insgesamt gibt es nur fünf Spezialambulanzen in Deutschland, eine in Bremen, eine in Berlin, in Erlangen, Dachau und in Frankfurt.“ Die zupackende Chefärztin findet: „Es wäre sinnvoll, wenn ein richtig flächendeckendes Netz über die Bundesrepublik gezogen wäre.“

Doch es hapert nicht nur an den baulichen Voraussetzungen oder den Barrieren in den Köpfen, wie der Oberarzt der Erlanger Spezialambulanz, Thomas Hildebrandt, betont. „Ein ganz großer Faktor ist Zeit. Und Zeit ist heute gleichzusetzen mit Geld.“ Während ein normaler Frauenarzt oftmals gerade zehn Minuten pro Patientin einkalkuliert, dauere die Untersuchung einer schwer körperbehinderten Frau rund eine Stunde. „Sie bekommen für eine behinderte Patientin aber keine größere Vergütung“, erläutert Hildebrandt.

In Erlangen gehört die Spezialambulanz zum Uniklinikum, das von der Hochschulpauschale profitiert. In Dachau ist es ein Zuschussgeschäft, das das Helios Amper-Klinikum querfinanziert. Eher unwahrscheinlich also, dass bald quer durchs Land weitere Einrichtungen entstehen.

Immerhin sieht ein aktueller Gesetzesentwurf vor, dass die nachfolgenden Ärzte bei der Übergabe von Praxen die Belange von Behinderten künftig stärker berücksichtigen müssen. „Hiermit soll insbesondere die Zahl barrierefreier Arztpraxen erhöht werden“, erläutert das Bundesgesundheitsministerium. Eine Neuerung, die die Betroffenen schon lange fordern. „Das wäre für uns ein ganz großer Fortschritt“, betont Lassal von der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe. „Wir haben nicht den Eindruck, dass der freie Markt das regelt.“

Auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) fordert mehr behindertengerechte Arztpraxen im Freistaat. Sondereinrichtungen wie die gynäkologischen Spezialambulanzen für Rollstuhlfahrerinnen in Dachau und Erlangen schlössen zwar eine Versorgungslücke, sagte Huml der Deutschen Presse-Agentur. „Ich würde mir aber wünschen, dass im Lichte eines Paradigmenwechsels hin zur Inklusion noch mehr „ganz normale“ Angebote im Gesundheitsbereich barrierefrei nutzbar werden und auf die besonderen Bedürfnisse behinderter Menschen ausgerichtet sind.“

Behindertenverbände beklagen seit langem, dass viele Praxen für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich sind. Schon eine einzige Stufe vor der Eingangstür könne ein unüberwindbares Hindernis sein. Auch Sehbehinderte oder kognitiv eingeschränkte Menschen stoßen vielerorts auf Barrieren.

dpa

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