„Bin um mein Leben gerannt“

Messerattacke von Grafing: Augenzeugin berichtet von der Tat

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Der Messerstecher Paul H. mit Anwalt Florian Alte.

Eine Augenzeugin der Grafinger Messerattacke vom Mai 2016 rannte um ihr Leben, um dem Angreifer zu entkommen. Sie schaffte es – im Gegensatz zu ihrem Sitznachbarn. Doch in der S-Bahn fährt die Angst seitdem immer mit.

Grafing/München – Ein Jahr sollte es dauern, bis Julia B. (59) wieder einigermaßen angstfrei S-Bahn fahren konnte. Das berichtete die 59-Jährige am Montag beim Prozess um die tödliche Messerattacke in Grafing (Kreis Ebersberg), die vor dem Landgericht München II verhandelt wird. Die Arbeitsvermittlerin war in Todesangst vor Paul H. (28) durch die S-Bahn gerannt.

Der Morgen des 10. Mai 2016 hatte für die Grafingerin ganz normal begonnen. Gegen 4:45 Uhr stellte sie ihren Wagen wie üblich auf dem Park-and-Ride-Parkplatz in Grafing Bahnhof ab. Dann ging sie zu Gleis eins, setzte sich auf die Bank und rauchte noch eine Zigarette. Von rechts kam Siegfried W. heran. Die beiden wünschten einander einen guten Morgen. Man kannte sich flüchtig vom S-Bahn-Fahren. „Er fuhr auch immer mit der ersten S-Bahn“, sagte Julia B.

„Ich dachte, es ist ein Traum“

Nachdem Siegfried W. sich gesetzt hatte, ließ sich auch Julia B. im Abteil nieder, schloss die Augen, um noch ein wenig zu schlafen, wie sie es immer frühmorgens tat. Plötzlich hörte sie Schreie: „Hilfe, ich werde erstochen.“ Die 59-Jährige sah Paul H. mit einem Messer in der Hand hinter einem Mann herlaufen. Sie presste die Augen zusammen. „Ich dachte, es ist ein Traum“, erinnerte sich die große blonde Frau.

Doch dann stand der 28-Jährige draußen vor der Scheibe ihres Sitzes. Er schrie: „Ihr seid alle Ungläubige, ihr müsst alle sterben.“ Julia B. schaute Siegfried W., das spätere Todesopfer an, doch der reagierte eigentümlicherweise nicht. „Dann bin ich um mein Leben gerannt“, berichtete die Arbeitsvermittlerin. Sie jagte durch die leere S-Bahn nach vorne zum Lokführer. Der bewaffnete sich mit einem Feuerlöscher und stieg aus. Als Julia B. sich noch einmal zu Siegfried W. umschaute, sah sie nur seine Schuhe und eine riesige Blutlache. „Ich bin davon ausgegangen, dass er tot ist“, sagte sie. „Seine Ermordung habe ich nicht gesehen“, fügte sie noch hinzu.

An jenem Mai-Morgen stach der 28-jährige, psychisch kranke Mann aus Gießen auf drei Personen ein und tötete aufgrund einer Wahnvorstellung eine vierte. Er ließ sich widerstandslos von der Polizei festnehmen.

„Es geht da so ein Urvertrauen verloren“

Irgendwann während des Tatgeschehens hatte Julia B. dann endlich an ihr Auto gedacht. Sie stieg ein und fuhr erst einmal zur Arbeit. „Ich stand unter Schock, ich war zwischen Flucht und Starre“, erinnerte sie sich. Arbeiten konnte sie dann nicht mehr. Drei Wochen war sie krankgeschrieben. Danach setzte sie sich in der S-Bahn nur noch auf einen Platz direkt hinter der Fahrerkabine, um den kompletten Zug im Auge zu haben. Erst heuer im Frühjahr gelang es ihr wieder, auch einzunicken. „Es geht da so ein Urvertrauen verloren“, sagte sie dem Gericht.

Das hatte einige Probleme, ihre Erinnerung mit der Tatrekonstruktion in Einklang zu bringen, die per Video im Gerichtssaal vorgeführt wurde. Zum Teil flimmerten Bilder der Überwachungskameras vom Bahnhof über die Leinwand, zum Teil wurde per Computeranimation der Laufweg des Angeklagten gezeigt. Die Attacken waren nicht zu sehen. Die Witwe und ihr Sohn verließen dennoch vorher den Saal.

Der Prozess wird am Mittwoch mit Zeugen-Vernehmungen und den Gutachten von Rechtsmedizin und Psychiatrie fortgesetzt. Am Donnerstag soll das Urteil fallen. Wie bereits berichtet, kann der 28-Jährige nicht zu einer Haftstrafe verurteilt werden. Er war zum Tatzeitpunkt schuldunfähig. Es geht um seinen Verbleib in der Psychiatrie.

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